1. Mai 2019 3 Likes

Effektschlacht mit neuem Personal

Die Cixin-Liu-Verfilmung „Die wandernde Erde“ auf Netflix

Lesezeit: 3 min.

Regisseur Frant Gwos Verfilmung von Cixin Lius Novelle „Die wandernde Erde“, Titelgeschichte der gleichnamigen Storysammlung (im Shop) des vielfach preisgekrönten chinesischen Science-Fiction-Superstars, war in den Kinos seiner Heimat ein riesiger Erfolg, der dort zwischen Februar und April 690 Mio. Dollar einspielte. Netflix sicherte sich rasch die internationalen Rechte und streamt den Film seit dem 30. April. Allerdings werden neben der Fassung in Mandarin nur eine englische und eine spanische Synchronisation angeboten, dazu kommen wählbare Untertitel auf Deutsch, Französisch, Türkisch, Russisch und Englisch.

Zwei Stunden und fünf Minuten dauert die chinesische Verfilmung der Erzählung, die 2000 veröffentlicht und mit dem chinesischen Galaxy Award bedacht wurde. Die Grundzüge der Prosageschichte dienen dem Film lediglich als Ausgangspunkt: Die dem Untergang geweihte Erde muss aus dem sterbenden Sonnensystem geflogen werden, um die Welt zu retten. Die gesamte Menschheit zieht erfreulicherweise an einem Strang und baut rund um den Globus 10.000 gewaltige Triebwerke, die den Planeten unter Aufsicht und Anleitung von Spezialisten auf einer Raumstation durch den Kosmos fliegen. Vor dem Temperatursturz, der die Erde vereist, ziehen sich die übrigen Menschen in Untergrund-Metropolen zurück und harren der Dinge. Doch auf Höhe des Jupiters versagen die Triebwerke der wandernden Erde …

Die Adaption der Geschichte von Cixin Liu ist, bei allen Freiheiten, Kürzungen, anderen Schwerpunkten und deutlichen Abweichungen, relativ gelungen für das, was der Blockbuster aus China sein will. Das Setting wird gleich am Anfang wenig elegant, aber allemal verständlich und zugänglich definiert. Zudem führt man binnen der ersten halben Stunde des Streifens neue Hauptfiguren und Elemente ein, die es in der Prosafassung so nicht gibt: Der Astronaut Liu Peiqiang (Wu Jing), der seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr auf der Erde war und den Exodus aus dem Sonnensystem überwacht; und seinen brillanten, rebellischen Sohn Liu Qi (Qu Chuxiao), der mit seiner jüngeren Adoptivschwester Han (Zhao Jinmai) einen illegalen Ausflug aus einer Bunker-Stadt macht. An der gefrorenen Oberfläche stehlen sie einen Laster und gehen auf eine Spritztour in Eis und Schnee, wodurch die Kids und ihr Großvater (Ng Man-Tat) in die gefährliche militärische Rettungsmission der Erde involviert werden. Die neuen Protagonisten, Szenen und Entwicklungen sorgen dafür, dass Liu-Leser definitiv etwas von dieser Variante des Projekts Wandernde Erde haben und allerhand Neues geboten bekommen. Da kann man dann auch damit leben, dass der abgewandelte Plot und die Charakterisierungen nie über Weltuntergangs-Standardprogramm hinauskommen. Der hin und wieder etwas plumpe ‚Humor’ (etwa wenn darum gerangelt wird, ob ein Soldat einem Zivilisten in den abgesetzten Helm speien darf) wertet die simplen zwischenmenschlichen Konflikte und emotionalen Trigger freilich nicht auf.

Die Optik von „Die wandernde Erde“ entpuppt sich, überraschenderweise, ebenfalls als Problem. Ausgerechnet die vielen, zum Teil gewaltigen Effekte des Films, die ihm seinen auffälligen Look geben und ihn international wettbewerbsfähig machen sollen, stellen eine Schwäche dar. Wann immer es in der Manier eines Spektakels von Michael Bay oder Roland Emmerich rumst und kracht, wird es schnell zu viel. Außerdem sieht man stets, sobald eine Szene, eine Kulisse oder ein Effekt komplett aus dem Computer stammen. Das sieht nie übel aus, jedoch springt einem der Kontrast ins Auge, gerade wenn zwischen den CG-Bildern und echten Aufnahmen gewechselt wird. Dadurch wirkt „Die wandernde Erde“ oft zu künstlich und weich. Das muss man, trotz des Trends zu Filmen aus dem Rechner, nicht mögen.

Der Kassenknüller aus China ist also leider nicht so gut wie erhofft. Kein schlechter futuristischer SF-Katastrophenfilm nach Maßstäben des anspruchslosen Popcorn-Kinos aus Hollywood, doch eben auch kein richtig guter Film – und bei Weitem nicht so imposant wie die Novelle von Cixin Liu, obwohl die Verfilmung mehr Nähe zu ihren Figuren herstellt, so schablonenhaft diese sein mögen. Ansonsten mag die Erkenntnis, dass Lius mächtige Bilder und Ideen einstweilen im Kopfkino am Besten aufgehoben sind, für Literaturfreunde gar keine so unerfreuliche sein.

Die wandernde Erde (The Wandering Earth) • China, 2019 • Regie: Frant Gwo • Drehbuch: Gong Ge’er u. a. nach der Novelle von Cixin Liu • Darsteller: Qu Chuxiao, Li Guangije, Ng Man-tat, Zhao Jinmai, Mike Sui • Länge: 125 Min.

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