„Green Witch Village“ von Trondheim & Biancarelli
Eine flotte Comic-Zeitreise und Genre-Geschichte aus Frankreich
Lewis Trondheim ist einer der produktivsten und erfolgreichsten Comic-Stars unserer Zeit. Seit den 1990ern begeistert der 1964 geborene Autor und Zeichner mit seiner vielseitigen eigenen Panel-Serie „Herr Hase“, die vor einigen Jahren sogar die Postapokalypse gesehen hat.
Fast ebenso lange läuft das fantastische, lustig-ausufernde Gemeinschaftswerk „Donjon“ von Trondheim, Joann Sfar und vielen anderen Kreativen. Dazu kommen weitere genreübergreifend Werke wie „Die Fliege“ (auch bekannt aus der „Sendung mit der Maus“), „Ralph Azham“, „Texas Cowboys“, „Maggy Garrisson“, „Texas Cowboys“ und „Infinity 8“ – letzteres als SF leider nie auf Deutsch erschienenen bisher.
Gerade erst hat Monsieur Trondheim gemeinsam mit Zeichner Fabrice Tarrin in „Spirou und Fantasio Spezial 44: Der Schatz von San Inferno“ ein weitere Hommage-Album zu einem europäischen Comic-Klassiker vorgelegt, nachdem er seinen Hasen schon in Asterix’ Kosmos verpflanzte, sich obendrein mit Micky, Donald oder dem Marsupilami vergnügte. Außerdem haben sich Trondheim und der 1967 geborene Künstler Franck Biancarelli nach ihrem feinen Krimi „Karmela Krimm“ just für das neue Einzelalbum „Green Witch Village“ zusammengetan.

Gleich auf der ersten Seite erwacht ihre Protagonistin aus der Gegenwart plötzlich im Herbst 1959, im New Yorker Greenwich Village und ferner im Körper der jungen Tabatha Sands. Auf ihrer Zeitreise wird sie mit dem brutalen Sexismus jener Ära konfrontiert, als Green Witch Village aber auch zur titelgebenden Werbeikone des Viertels.
Darüber hinaus kriegt sie es mit gefährlichen Agenten der CIA, Russen und Nazis zu tun, die sich ein Wettrennen um eine Atombombe in der US-Metropole liefern. Ganz nebenbei muss „Tabatha“ – natürlich – durch Sportwetten verhindern, dass ihrem wahren Ich in der Zukunft die lebenserhaltenden Maschinen abgeschaltet werden …
Die wilde Time-Travel-Nummer in Albumformat macht viel Laune, weil sie ungeheuer flott erzählt ist: Szenarist Trondheim hat sich beim Rhythmus bewusst an alten Comicstrips in den amerikanischen Sonntagszeitungen orientiert, hält also den Erzählwert, das Tempo und Spannungsbogen jeder einzelnen Seite hoch.
Beim Artwork holen Zeichner Biancarelli und Kolorist Jérôme Maffre indes das Maximum aus dem klaren, zeitlos hübschen Retro-Look heraus – man kann sich kaum sattsehen an diesen Panels, diesem Strich, diesen Farben. All das ergibt in mehr als einer Hinsicht eine äußerst gelungene Comic-Zeitreise.
Lewis Trondheim, Franck Biancarelli: Green Witch Village • Comic • Schreiber & Leser, Hamburg 2026 • 104 Seiten • Hardcover: 22,80 €
***
Christian Endres berichtet seit 2014 als Teil des Teams von diezukunft.de über Science-Fiction. Er schreibt sie aber auch selbst – 2024 ist bei Heyne sein SF-Roman „Wolfszone“ erschienen.
Kommentare