30. Januar 2026

„Pierre Huyghe: Liminals“ – Quanten werden Mainstream

Eine bildgewaltige Videoinstallation in Berlin

Lesezeit: 3 min.

Vor gut einhundert Jahren fanden die ersten Überlegungen zur Quantenphysik statt, selbst der Anfangs skeptische Albert Einstein ließ sich bald von den Thesen zur seltsamen Unbestimmtheit der Teilchen auf subatomarer Ebene überzeugen. Einflüsse auf die Populärkultur lassen sich damals noch nur schwer feststellen, doch das ändert sich inzwischen rapide. Wie das manchmal so kommt, scheinen Quanten plötzlich allgegenwärtig, beim James Bond-Abenteuer „Ein Quantum Trost“ wohl noch eher, weil der Begriff irgendwie enigmatisch und eben neu wirkte ohne sich konkret auf Physik zu beziehen, bei Marvels „Ant-Man and the Wasp: Quantumania“ bestand schon eine deutliche inhaltliche Konnotation und wenn man beim grade im Kino angelaufenen KI-Thriller „Mercy“ da kurz das Modell eines (in der Wirklichkeit noch nur in der Theorie funktionierenden) Quantencomputer sieht überrascht das nicht wirklich.

Ja, Quanten sind im Mainstream angekommen, wie auch das neue Buch des Pop- und Star-Philosophen Slavoj Žižek beweist: „Quantum History: A New Materialist Philosophy“ heißt der Band und liegt neben vielen anderen wissenschaftlichen und philosophischen Beschäftigungen zum Thema auch im Medienraum der neuen Ausstellung der LAS Foundation aus.

Die bespielt einmal mehr die Halle am Berghain, einer jener leicht verfallenen Industriebauten, in denen in den letzten Jahren gerne besonders avancierte, um nicht zu sagen, futuristisch angehauchte Kunst ausgestellt wird.

In diesem Fall heißt das Werk „Liminals“, ein aus der Ethnologie stammender Begriff, der im weitesten Sinne Schwellenzustände beschreibt, zwischen denen sich Gruppen oder Individuen bewegen, in verschiedenen Phasen und Zuständen, wie Trennungs-, Schwellen- und Angliederungsphase. „Liminale Räume sind Räume der Veränderung und Innovation, Räume, in denen alles möglich scheint und die sich ständig im Wandel befinden“ kann man auf der Wikipedia-Seite zum Thema lesen, was ganz gut zu der auf eine riesige Leinwand projizierte Videoinstallation passt, die der französische Künstler Pierre Huyghe mit großem technischen Aufwand realisiert hat.

Ein Wesen ist da zu sehen, vom Körper her eine Frau, dessen Gesicht aber von einer tiefschwarzen Fläche bedeckt ist, man mag an ein schwarzes Loch denken. Über eine Art Geröllwüste bewegt sich dieses Wesen, in ungelenken Bewegungen, die ein wenig Zombiehaft verstörend wirken. Mal in grelles Sonnenlicht ist diese unwirkliche Welt getaucht, dann wieder neblig oder fast stockdunkel. Begleitet werden die Bilder von einem auf- und abflackerndem Brummen, einem Dröhnen und Bohren, dass mit wuchtigen Subwoofern in den Raum geworfen wird und bisweilen physisch spürbar sind.

Mit der auch bei modernen TV-Serien beliebten Unreal-Engine entstanden die Bilder, vor allem aber auch mit der Hilfe von künstlicher Intelligenz und Versuchen, die Unbestimmtheit von Quantenphänomenen in Bilder und Töne zu übersetzen. All das lässt sich aus der enigmatischen, aber durchaus eindringlichen Arbeit nicht erkennen, vor Betrachtung der Videoinstallation müssten Besucher eigentlich erst einmal eine Einführung in die Welt der Quantenmechanik bekommen, doch deren Eigenheiten sind schon auf Basisebene mehr als kompliziert und verwirrend.

Aber Quanten sind eben in, vermitteln als hippes Schlagwort in Ausstellungstexten den Eindruck, direkt auf der Welle des Zeitgeistes zu surfen, lassen sich aber auch als treffende Allegorie für den fragilen Zustand der Gegenwart verstehen: So wie Quanten ihre Zustand erst dann zu erkennen geben, wenn sie gemessen werden, so scheint auch unsere Gegenwart in Myriaden von Möglichkeiten aufgesplittert, die für jeden Menschen wie eine eigene Realität wirken. Eine gemeinsame Basis zu finden wird immer schwieriger, gemeinsame Werte jedoch, auf die sich alle einigen können, sind für das Funktionieren eines Gemeinwesens unerlässlich. In diesem Sinne mag man Pierre Huyghes „Liminal“ als verstörende Warnung vor einem Verharren in Zwischenstadien verstehen. Die unmittelbare Auflösung der Menschheit in ihre Einzelteile steht zwar nicht akut bevor, aber über die Folgen des eigenen Handelns nachzudenken schadet sicher nie.

Liminals, Pierre Huyghe, Halle am Berghain, Berlin, bis 8. März (Webseite)

Abb. oben aus „Liminals“. 

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