2. Februar 2026

„The Beauty" – Schönheit hat ihren Preis

Eine weitere campige Ryan Murphy-Serie

Lesezeit: 3 min.

In einigen Jahren werden ohne Frage Bücher über den Autor/ Regisseur/ Produzenten/ Showrunner Ryan Murphy geschrieben werden, an dessen ebenso unwahrscheinlicher wie spektakulärer Karriere sich exemplarisch die massiven Veränderungen festmachen lassen, die die westliche Welt in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts prägten. Als mächtigster TV-Produzent unserer Zeit gilt der inzwischen 60jährige Murphy, der gefühlt alle paar Monate eine neue, immer reißerische, immer provokative Serie auf den Markt wirft, die inzwischen praktisch Selbstläufer sind und auch dann erfolgreich werden, wenn die Kritiken vernichtend sind. So geschehen bei Murphys vorletzter Serie „All’s Fair“, einer Gerichtsserie, in der Trash- Glamour- und Selbstvermarktungsikone Kim Kardashian eine Anwältin spielte, was Kritiker albern fanden, Fans aber liebten.

Ein paar Monate später läuft nun mit „The Beauty“ die nächste Murphy-Produktion, die auf interessante Weise zu den Anfängen von Murphys Erfolg zurückverweist, die Schönheits-OP-Serie „Nip/Tuck.“ Als diese Serie 2003 anlief, was ihr glatter Look, ihre Faszination für Oberflächen und Selbstoptimierung noch eine Neuheit, traf aber genau den Nerv einer Zeit, in der Soziale Medien gerade begannen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und den gerade in Amerika und noch mehr in Hollywood verbreiteten Hang zur Selbstoptimierung zum Ideal für immer mehr junge und nicht mehr ganz so junge Menschen zu machen.

Die beiden Hauptfiguren der Serie waren Heteros, zelebrierten ihren Lebensstil und vor allem ihren Sex jedoch auf eine Weise, die unverhohlen mit Versatzstücken und Zitaten homosexueller Lebensart spielten, die den Camp endgültig salonfähig machten. Kein Wort beschreibt Murphys Werk besser als der von Susan Sontag geprägte Begriff „der ästhetische Sensibilität, die das Künstliche, Übertriebene und Theatralische feiert“, wie es bei Wikipedia treffend definiert wird und zum Markenzeichen von Murphys Oeuvre wurde.

Zum Glamour und Exzess gesellte sich eine oft fast befremdlich anmutende Faszination für Gewalt, besonders in Form von Serienkillern: Serien wie „American Horror Story“ und zuletzt „Monster“, zelebrierten auf oft voyeuristische Weise die Exzesse eines Ed Gain oder anderer Killer und trafen exakt den Nerv einer Zeit, in der in immer neuen True-Crime-Formaten Verbrechen jeglicher Couleur konsumiert werden.

Ein wenig wirkt Murphy nach fast einem Vierteljahrhundert im Showbusiness in einer Eskalationsspirale gefangen, mal vom Tempo zu gehen, eine Serie ohne plakative Gewalt oder Sex zu produzieren käme für ihn vermutlich kaum in Frage, aber solange das Publikum praktisch jeden Exzess mitgeht gibt es ja auch keinen Grund dazu.

Dementsprechend bekommt das Publikum jetzt also „The Beauty“ vorgesetzt, eine reißerische, auf einer Graphic-Novel basierende Serie, die gleich mit einem Knall beginnt, im wahrsten Sinne des Wortes: Ein makelloses, in enges rotes Leder gekleidetes Model verlässt den Laufsteg, streift in offenbar zunehmendem Wahnsinn durch Paris, bedroht Menschen in einem Luxusrestaurant und explodiert schließlich in blutige Einzelteile. Nicht das erste Opfer einer künstliche Droge, die ein Biotech C.E.O. namens Byron Forst (Ashton Kutcher) seiner willigen Kundschaft injiziert hat, denn diese Droge verändert die Physiognomie und verwandelt durchschnittliche, oft übergewichtige Menschen in hyperattraktive, virile Sexgötter.

Die beiden FBI-Agenten Cooper (Evan Peters) und Jordan (Rebecca Hall) spüren den mysteriösen Todesfällen nach, ein Killer (Anthony Ramos) versucht ihnen in die Quere zu kommen. Spektakulär oberflächlich bewegen sich die attraktiven Figuren durch attraktive Schauplätze, wirr und willkürlich wirken Gastauftritte von Bella Hadid bis Nicola Peltz Beckham, als wollte Murphy mit dieser Serie gleichzeitig der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne unserer Zeit gerecht werden und sie kritisieren.

Nahm „Nip/Tuck“ klassische Schönheitsoperationen als Ausgangspunkt einer überdrehten, oft satirischen Serie, ist es bei „The Beauty“ die in den letzten Jahren aus Hollywood in die allgemeine Bevölkerung geschwappte Ozempic-Welle. Jene mirakulöse Abnehmspritze, die die kurzfristige Body-Positive-Tendenz beendet hat, aber auch zu zunehmend ausgehöhlt, fast geisterhaft wirkenden Gesichtern geführt hat. Ein offensichtlich idealer Stoff für eine Ryan-Murphy-Serie, die dieser dann auch schnörkellos und mit seinem üblichen Verzicht auf Subtilität runtererzählt. Der größte Unterschied zwischen „The Beauty“ und einer halben Stunde Doomscrolling ist vor allem, das man sich hier bequem zurücklehnen kann, um die Exzesse der Gegenwart zu bestaunen.

The Beauty • USA 2026 • Creator: Ryan Murphy • Darsteller: Evan Peters, Rebecca Hall, Anthony Ramos • Bei Disney+

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