The Testaments: Die Zeuginnen“ – Nach Gilead ist vor Gilead
Die Fortsetzung des Zeitgeist-Phänomens „Der Report der Magd“ verjüngt das Ensemble
Erst vor gut einem Jahre endete mit der sechsten Staffel von „Der Report der Magd“ eine Serie, die seit ihrem Debüt im Jahre 2017 immer mehr zum Zeitgeist-Phänomen wurde. So wie der für die Macher glückliche Zufall, dass das Debüt von „24“ praktisch zeitgleich mit dem Anschlag vom 11. September fiel, konnten es die Macher von „Der Report der Magd“ vermutlich kaum fassen, wie sehr ihre Adaption der dystopischen Zukunftsvision die zunehmend in bizarre Gefilde abdriftende Realität der Trump-Ära spiegelte.
Als die kanadische Autorin Margaret Atwood (im Shop) ihren Roman 1985 veröffentlichte, wurde er zwar von der Kritik gelobt, gewann auch diverse Preise und wurde bald – vom deutschen Volker Schlöndorff, Spezialist für gediegene Literaturverfilmung – für das Kino adaptiert, doch die Vision einer Welt, in der der Faschismus zurückgekehrt war, Männer herrschten, Frauen zu Gebärmaschinen reduziert waren, wirkte eben wie eine Dystopie: Schaurig, aber angesichts des baldigen Siegs des Westens über den Kommunismus und einer scheinbar zwangsläufigen Entwicklung zu Demokratie und Liberalismus eben doch nicht mehr als eine spannende Fiktion.

40 Jahre später dagegen wirkt Atwoods Roman wie ein Blick in eine Zukunft, die nicht mehr unvorstellbar erscheint. Kein Wunder also, dass die gediegene TV-Verfilmung, in der Fragen nach Identität, Unterdrückung, dem Recht auf Selbstbestimmung und vor allem der Macht über die Gebärmutter verhandelt wurden, sich schnell zur Erfolgsserie und zum Zeitgeistphänomen entwickelte.
Schon vorher hatte Margaret Atwood mit der Arbeit an einer späten Fortsetzung zu „Der Report der Magd“ begonnen, die 2019 unter dem Titel „The Testaments“, in Deutschland „Die Zeuginnen“, erschien. Im Gegensatz zu George R.R. Martin (im Shop), der die „Games of Thrones“-Produzenten so lange auf Fortsetzungen warten ließ, dass diese die TV-Adaption eigenständig zu Ende brachten, informierte Atwood die TV-Produzenten über ihre Absichten. Und so wirkt „The Testaments“, dessen erste drei Folgen nun bei Disney+ zu sehen sind, auch weniger wie ein Spin-Off, denn wie eine direkte Fortsetzung mit neuem, jungem Personal, eine Art YA-Version von Gilead.
Hauptfigur ist Agnes (Chase Infiniti, gerade durch „One Battle after Another“ bekannt geworden), die Adoptivtochter eines Commanders von Gilead und als solche Teil der Elite. Auf ihre Privatschule wird sie für ihre zukünftige Rolle als Mutter ausgebildet, doch mit ihrer Menstruation, beginnen auch scheinbar schmutzige erotische Gedanken Agnes zu irritieren. Auf einmal sieht sie die jungen Bodyguards mit anderen Augen und beginnt, das System zu hinterfragen.

Ebenso wie Aunt Lydia (Ann Dowd), die Leiterin der Mädchenschule, die mit einer Statue für ihren Kampf um Gilead verehrt wird, aber zunehmend Zweifel an ihrem Tun hat. Lydia kennt man aus „Der Report der Magd“ und auch eine andere alte Bekannte ist am Ende der ersten Staffel kurz zu sehen: June Osborne (Elisabeth Moss), die am Ende jener Serie Gilead hinter sich ließ, aber damit auch ihre Tochter.
Hinzu kommen diverse finstere Erwachsene, aber auch nicht unbedingt vertrauenerweckende junge Mädchen, die Agnes schon in den ersten Folgen munter hintergehen. So originell wie anfangs ist das zwar nicht mehr, als Variation eines Sujets, das immer noch allzu aktuell wirkt, aber souveräne Unterhaltung. Zumal es Showrunner Bruce Miller immer wieder gelingt, höchst unangenehme und gerade dadurch treffende Szenen einzubauen: Wenn Agnes etwa „zur Frau geworden“ ist und einer Riege älteren Herren vorgeführt wird, die kaum verhohlen das frische Fleisch betrachten, wirkt das fast so wie man sich die Zustände auf Epsteins Insel vorstellt.
Bleibt nur zu hoffen, dass die Macher Atwoods Roman nicht über allzu viele Staffeln auswälzen, sondern sich auf eine, okay, zwei Staffeln beschränken.
The Testaments: Die Zeuginnen • USA 2026 • Showrunner: Bruce Miller • Darsteller: Chase Infiniti, Lucy Halliday, Ann Dowd • drei Folgen bei Disney+, jeden Mittwoch eine neue, insgesamt zehn • Abb. © Disney+
Kommentare