5. April 2026

Fünfzehntausend Jahre Zukunft

Cordwainer Smiths „Instrumentalität der Menschheit“ als Mythos des Humanen

Lesezeit: 3 min.

Es gibt Zukunftsentwürfe, die wirken wie kalte Projektionen technischer Fantasien – und es gibt jene seltenen, die hinter dem Glanz der Maschinen einen Traum vom Menschen bergen. Cordwainer Smiths Zyklus Die Instrumentalität der Menschheit“ (im Shop), im Original zwischen 1950 und 1966 entstanden und nun in einer opulenten Gesamtausgabe bei Heyne neu aufgelegt, gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Unter dem Pseudonym Cordwainer Smith schrieb Dr. Paul Myron Anthony Linebarger (1913–1966), Politikwissenschaftler, Geheimdienstmann, Asienexperte und Autor des bis heute maßgeblichen Handbuchs „Psychological Warfare“, eine der eigenwilligsten und poetischsten Zukunftsfiktionen der klassischen Science-Fiction.

Linebarger, Sohn eines amerikanischen Juristen und Freund des chinesischen Revolutionärs Sun Yat-sen, wuchs in China, Frankreich, Japan und Deutschland auf. Die kulturelle Durchlässigkeit und Kenntnis östlicher Denkweisen prägte seinen Erzählton ebenso wie seine spätere Tätigkeit als Berater des Pentagon und der CIA. Seine beiden Gesichter – der Stratege des psychologischen Kriegs und der Mystiker der Menschlichkeit – verschmelzen in den Geschichten der „Instrumentalität“ zu einer ebenso kühlen wie tröstlichen Kosmologie.

In diesem Zukunftsuniversum herrscht eine allumfassende, wohlmeinend-autoritäre Bürokratie, die Instrumentalität der Menschheit. Die Menschheit lebt in einer posthistorischen Welt des Überflusses und der inneren Erstarrung; Schmerz und Tod sind besiegt, Leid und Leidenschaft abgeschafft. Die Arbeit verrichten genmanipulierte Tiermenschen – die „Untermenschen“ –, während die Instrumentalität über die Sicherheit der Zivilisation wachen. Doch ihr selbstgeschaffenes Paradies kippt ins Sterile: Erst mit der Wiederentdeckung des Menschen – einem Aufstand der Empfindung, der Sehnsucht und des Mitgefühls – findet die Zukunftsordnung zurück zum Sinn des Lebendigen.

Smith entwarf damit keine simple Dystopie, sondern einen mythischen Zyklus von moralischer Ambivalenz. Seine Geschichten – meist nur lose verbunden, nie streng chronologisch – umfassen Jahrtausende einer Future History: von den Alten Kriegen über die Ära der Scanner bis zur Rückkehr menschlichen Gefühls. In „Scanner leben vergebens“ (1950) etwa lenken halbmechanische Piloten Raumschiffe, weil nur ihnen die Qual interstellarer Reisen erträglich ist. Diese Cyborgs, der Menschlichkeit beraubt, erleben in kurzen Phasen den Schmerz und die Wonne, Mensch zu sein – eine Allegorie technischer Entfremdung, lange bevor der Begriff „Cyborg“ überhaupt existierte.

Was Cordwainer Smiths Werk so einzigartig macht, ist weniger seine Technikgläubigkeit als seine Sprachmelodie. Seine Prosa fließt fremd und feierlich, durchzogen von Pathos, Melancholie und Anklängen chinesischer Erzähltradition. Heldentaten stehen neben Märchenmotiven, Bürokratien neben Heiligenlegenden. Die Zukunft wird zur Bühne eines spätantiken Mythos. So wirkt „Die Instrumentalität der Menschheit“ rückblickend wie eine Science-Fiction-Version des Alten Testaments: eine Offenbarung über die Fehlbarkeit des Perfekten und das Heiligwerden des Unvollkommenen.

Damit steht Smith abseits der Strömungen seiner Zeit. Während Isaac Asimov (im Shop) die Zukunft rational ordnete und Robert A. Heinlein (im Shop) den Individualismus zur Tugend erhob, komponierte Smith eine poetische Anthropologie der Seele in Zeiten totaler Kontrolle. Er war, im besten Sinne, ein Mystiker der Maschine – einer, der ahnte, dass das Menschliche nicht verschwindet, sondern wiederentdeckt werden muss.

Aus heutiger Perspektive liest sich diese Wiederentdeckung als literarische Prophezeiung. In einer Epoche der künstlichen Intelligenzen und biotechnologischen Körperoptimierung sind Smiths Visionen von Cyborgs, empathielosen Menschen und rebellischen Tierwesen auf unheimliche Weise aktuell. Seine Geschichten erinnern daran, dass Fortschritt ohne Erinnerung, Macht ohne Mitleid und Perfektion ohne Schmerz ein leeres Paradies schaffen.

Mit der neuen Heyne-Ausgabe, die die klassischen Erzählungen aus dem Zyklus vereint, kehrt einer der eigenwilligsten Stimmen der Nachkriegs-SF ins öffentliche Bewusstsein zurück. Cordwainer Smith, der politische Berater und innerlich fromme Utopist, schrieb Science-Fiction wie kein Zweiter – als Gleichnis, als Traum und als moralische Warnung zugleich. Und vielleicht ist das Schönste an seiner fernen Zukunft, dass sie uns in Wahrheit auffordert, gerade jetzt wieder Menschen zu werden.

Cordwainer Smith: Die Instrumentalität der Menschheit • Erzählungen • Heyne, München 2026 • 1264 Seiten • Erhältlich als Taschenbuch und eBook • Preis des Taschenbuchs: 17,00 € • im Shop

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