19. August 2018 2 Likes

Dystopie für Deutschland

„Finsterwalde“: Ein politischer Science-Fiction-Roman von Krimi-Ass Max Annas

Lesezeit: 3 min.

Seine Südafrika-Krimis „Die Farm“ und „Die Mauer“ machten den Journalisten, Musikexperten, Sachbuchautor, Filmkurator und Romancier Max Annas binnen zwei Jahren zum Liebling der deutschsprachigen Krimi-Szene, der bereits mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet wurde. Nachdem der 1963 in Köln geborene Annas zwischenzeitlich seine Wahlheimat Südafrika wieder verlassen hatte und 2016 in Berlin aufgeschlagen war, siedelte er seinen dritten Roman „Illegal“ 2017 in der Hauptstadt an und nutzte ihn zu einer Bestandaufnahme des politischen und gesellschaftlichen Zeitgeists Deutschlands zum Thema Migration. Perfekt war „Illegal“ nicht – zeitgemäßer und brisanter konnte und kann ein deutscher Krimi jedoch kaum sein. Mit seinem neuen Buch „Finsterwalde“ projiziert Annas die aktuellen Probleme und Tendenzen innerhalb der Nation nun rund ein Vierteljahrhundert in die Zukunft, in der sich ein erschreckendes neues altes Deutschland präsentiert.

Eine weitere Finanzkrise in Griechenland hat die EU gesprengt, zwischen Frankreich und Spanien hätte es fast Krieg gegeben, und Post-Merkel-Seehofer-Deutschland wurde zu einem Polizeistaat, in dem eine rechte Partei das Sagen hat. Die Mitglieder der gesetzlichen Exekutive tragen eine Armbinde mit einem D, Ausländer werden reihenweise deportiert, und neuerdings treibt man Deutsche mit dunkler Hautfarbe und afrikanischen der asiatischen Wurzeln sogar in leergeräumten, abgeriegelten Kleinstädten im ostdeutschen Hinterland zusammen. Die afrodeutsche Ärztin Marie und ihre beiden Kinder landen so etwa inmitten von Verwirrung, Wut und Angst im brandenburgischen Finsterwalde: gepanzerte Solden auf der anderen Seite des Elektrozauns, Drohnen in der Luft, per Hubschrauber eingeflogene Nahrungsrationen auf Paletten.

Obwohl die Menschen im Lager mit ihrer Situation sowie einer Mordserie eigentlich schon genug an der Backe haben, machen sich Marie und einige ihrer neuen Bekannten auch noch Sorgen um drei vergessene Kinder, die irgendwo in Berlin eingesperrt sind und keine Chance haben, wenn ihnen niemand zur Hilfe kommt. In der Hauptstadt selbst, wo bald auf totale Videoüberwachung umgestellt werden soll und die Polizei hart gegen vorverurteilte Terroristen vorgeht, kann der frisch eingewanderte Grieche Theo trotz elektronischer Fußfessel und ungeachtet aller Kontrollen nicht anders, als seinen regimekritischen Instinkten zu folgen. Also geht er dem nur im Flüsterton benannten offenen Geheimnis Finsterwalde aus der vermeintlichen Sicherheit der Freiheit heraus auf den Grund …

Max Annas setzt in „Finsterwalde“ nicht gerade auf den feinen Kalligrafie-Pinsel. Doch das mag in Ordnung gehen, wenn man bedenkt, dass die meisten seiner Leser einen Krimi im typischen Annas-Rhythmus erwarten, und dafür diesmal jede Menge Science-Fiction und massenhaft Dystopie kriegen. Ob es Annas’ Fans genügt, dass er seinen Abstecher in die Zukunftsliteratur dezent mit „Illegal“ verknüpft und beide Bücher so in einem fiktiven Kosmos ansiedelt, ohne dass das irgendwas mit der Eigenständigkeit beider Werke anstellt? Risikoscheu ist Annas, so viel dürfte nach diesem unerwarteten neuen Buch endgültig klar sein, jedenfalls nicht. Dabei überzeugt sein mutiger Roman vor allem durch Setting und Stimmung, und weniger durch seine Handlungsstränge oder deren kuriose Zusammenführung.

Nichtsdestotrotz: Letztes Jahr Zoë Beck mit „Die Lieferantin“, dieses Jahr nun also Max Annas mit „Finsterwalde“ – dass Deutschlands gegenwärtige Krimi-Elite als schriftstellerische Antwort auf bedenkliche soziale und politische Verschiebungen das Science-Fiction-Sujet nutzt, bereichert das Genre auf nationaler Ebene definitiv mit überraschenden SF-Romanen bei großen Verlagen.

Max Annas: Finsterwalde • Rowohlt Hundert Augen, Reinbek 2018 • 400 Seiten • Hardcover: 22,00 Euro

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