„Star City“ – Russische Alternative
Die andere Seite von „For all Mankind“
Im Herbst 1962 versprach der damalige amerikanische Präsident John F. Kennedy, bis zum Ende des Jahrzehnts einen Mann auf den Mond zu bringen, das Space Race war eröffnet, einer der vielen Stellvertreterkriege im Kalten Krieg, den die Amerikaner bekanntermaßen 1969 mit Neil Armstrong und der ersten Mondlandung gewannen. Was passiert wäre, bzw. was hätte passieren können, wenn nicht die Amerikaner, sondern die Sowjetunion die erste Nation gewesen wäre, die den Mond besuchte, imaginiert seit einigen Jahren die Serie „For all Mankind“, von der demnächst eine finale sechste Staffel zu sehen sein wird.
Nun haben sich deren Macher Ronald D. Moore, Matt Wolpert und Ben Nedivi einen Spinoff ausgedacht, eine Parallelserie, die die Ereignisse von der Seite des Gegners beleuchtet, von der Seite der Sowjetunion. „Star City“ heißt diese Serie, nach dem Spitznamen des Juri-Gagarin-Kosmonautentrainingszentrum, benannt also nach dem – sowohl in der Realität als auch in dieser alternativen Realität – ersten Mann im All, unweit Moskaus gelegen und natürlich streng überwacht vom KGB.

Der allgegenwärtige sowjetische Geheimdienst und seine Mitarbeiter spielen eine ebenso wichtige Rolle wie die Kosmonauten, genauer sollte man von KGB-Mitarbeiterinnen sprechen. Denn zumindest das hatte der Osten dem Westen voran, zumindest für diesen Aspekt braucht es keine alternative Realität: Frauen waren den Männer praktisch gleichgestellt, übernahmen ähnliche Aufgaben und dabei bisweilen auch die Drecksarbeit: So wie die hohe KGB-Offizierin Lyudmilla Raskova (Anna Maxwell Martin), die gleich in der ersten Folge eiskalt eine unschuldige Kosmonautin erschießt. Zwar hatte Raskova dank Irina (Agnes O’Casey), einer neuen Angestellten im lokalen KGB-Büro, von deren Unschuld erfahren, doch Fehler oder gar falsche Verhaftungen kann und darf es nicht geben: Das Opfer wird also kurzerhand beseitigt.
Das dürfte zwar einerseits realistisch sein, deutet aber auch schon an, dass sich „Star City“ tief in seit Jahrzehnten verbreiteten Klischees suhlt und das Leben in der Sowjetunion als düstere und von ständiger Paranoia, Überwachung und Verrat geprägte Existenz schildert. Ähnlich wie in der zumindest im Westen hoch gelobten Serie „Chernobyl“ sprechen alle Figuren englisch mit Pseudo russischem Akzent, ist die Kameraarbeit betont farbentsättigt und blass und die Paranoia mit Händen zu greifen.

Zu Beginn der Staffel landet ein Kosmonaut auf dem Mond, im Space Race führt die Sowjetunion und schafft es schnell, auch eine Frau folgen zu lassen: Anastasia Belikova (Alice Englert), die bald mit einem Kosmonauten zwangsverheiratet wird, aber immerhin zur Feier des Erfolgs nach Paris reisen darf, wo sie von der kommunistischen Partei bejubelt wird. Auch auf dieser Reise wird jeder Schritt vom KGB überwacht, von Raskova und der jungen Irina, die Kenner von „For all Mankind“ aus späteren Staffeln kennen werden, die hier aber noch ein kleines Licht im Geheimdienst ist.
Wenn Irina höchst intime Momente der Kosmonauten und ihrer Angehörigen (bzw. deren Affären) belauscht, mutet das ein wenig wie eine Variation vom „Leben der Anderen“ an, zumal Irina unübersehbar Sympathien für die Belauschten entwickelt – zumindest noch.

Eine andere wichtige Figur ist schließlich der namenlos bleibende Chefingenieur (Rhys Ifans), dessen historisches Vorbild Sergei Korolev 1966 verstarb, und der in dieser alternativen Realität große Pläne hat: Nicht nur der Mond soll besiedelt werden, sondern gleich ein Flug zur Venus die Überlegenheit des sowjetischen Systems beweisen. Doch die Parteispitze hat andere Pläne, nötigt den Chefingenieur zum möglichst schnellen Bau einer Raumstation auf dem Mond, denn die Amerikaner sind den Sowjets auf den Fersen.
Man merkt: „Star City“ taucht tief in den Kalten Krieg ein, ist deutlich weniger vom lustvollen Spiel mit den Möglichkeiten einer alternativen Realität geprägt als „For all Mankind“, sondern erzählt eine düstere Paranoia-Geschichte, in der kaum jemand seinem Gegenüber traut. Ein wenig altmodisch wirkt das zwar, ist aber so gut gemacht, dass es großes Vergnügen bereitet, sich einmal mehr in die Grabenkämpfe des Kalten Krieges zu begeben.
Star City • USA 2026 • Creator: Ben Nedivi, Matt Wolpert, Ronald D. Moore • Darsteller: Rhys Ifans, Anna Maxwell Martin, Agnes O’Casey • Apple, jeden Freitag eine neue Folge
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