„Tu Yaa Main“: Die erste Tierhorror-Romanze
Die Influencerin, der Rapper und zwei Killer-Krokodile
Gegen Ende von „Tu Yaa Main“ hängt irgendwann ein Geländewagen an einem Seil mit der Schnauze im Wasser eines riesigen Swimmingpools – drinnen sitzen die beiden Protagonisten während zwei riesige Krokodile das Gefährt umkreisen. Man kann angesichts der bizarren Szenerie kaum noch glauben, dass das Ganze als mit schmissigen Songs garnierte Liebesgeschichte zwischen einer hypererfolgreichen, steinreichen Influencerin und einem armen Nachwuchs-Rapper angefangen hat und es wäre einem 2018 nicht im Traum eingefallen, dass man dem thailändischen, minimalistischen, herrlich absurden und mit 86 Minuten angenehm kompakten Low-Budget-Tierhorror-Thriller „The Pool“ von Ping Lumpraploeng eines Tages in Form eines 143-minütigen Big-Budget-Remakes aus Indien wieder begegnen wird, in dem gegen Ende ein Geländewagen an einem Seil mit der Schnauze im Wasser hängt. Das Erstaunliche: Es funktioniert!
Das Original erzählt von Day, der für eine Filmcrew arbeitet, die in einem stillgelegten Schwimmbad einen Werbespot dreht. Nach Ende der Dreharbeiten schläft Day auf einer Luftmatratze in einem Pool ein und wacht mit Schrecken wieder auf: Das Wasser ist zur Hälfte abgelaufen, der Beckenrand ist unerreichbar, die Crew längst zu Hause. Schließlich landet dann noch versehentlich seine Freundin im Pool und zu allem Überfluss taucht ein Krokodil auf.

Ein direkter Vergleich ist überflüssig. Regisseur Bejoy Nambiar und Drehbuchautor Abhishek Arun Bandekar machen das, was Remake-Macher eigentlich immer machen sollten: Sie schnappen sich die Kernelemente des Originals, Pool, Frau, Mann, Krokodil und ziehen ihr eigenes Ding durch, was sich nicht nur bedeutet, dass der Film mehr Handlung hat, sondern Szenen aus dem Original spielerisch variiert werden.
Nach einem generischen 80er-Jahre-Horroranfang, den man sich eher hätte stecken können, schiebt das Drehbuch erstmal jeglichen Horror weitestgehend zur Seite und widmet sich ausgiebig Maruti, einem Rapper aus einem Armenviertel, der versucht mittels Social Media auf sich aufmerksam zu machen, und der millionenschweren Superstar-Influencerin Avani Shah, bekannt als „Ms Vanity“. Er will nach oben, sie ist oben, aber einsam, mit einem Kindheitstrauma belastet und schwer beeindruckt vom forschen Wortschmied, dem eine Zusammenarbeit mit ihr vorschwebt und deswegen nicht locker lässt.
Allmählich kommen sich die beiden näher und man guckt dieser x-ten rich girl meet poor guy-Variante gerne zu, da die Stars Adarsh Gourav und Shanaya Kapoor (die auch im echten Leben als wohlhabende Social-Media-Persönlichkeit bekannt ist und dementsprechend x-mal mehr Follower hat, als ihr Co-Star) charismatisch sind und die Chemie stimmt, sondern ebenso weil sich das Ganze dank poppiger, aber nicht zu aufgeregter, Inszenierung, etwas Humor und einem punktgenau eingesetzten, sehr abwechslungsreichen Soundtrack angenehm locker anfühlt. Irgendwann tauchen die obligatorischen, Beziehungsprobleme auf, sie ist schwanger und will das Kind, er nicht, wodurch die beiden in ihrem abgelegenen Strandhaus und schließlich in dessen Pool landen (hier: sie zuerst). In der zweiten Stunden biegt die einnehmend erzählte Romanze dann Richtung flotten, blutigen Kroko-Terror ab, wobei man natürlich nie ernsthaft damit rechnet, dass das knuddelige Pärchen zu Schaden kommt – die Bedrohung durch die nicht immer überzeugend getricksten Reptilien fungiert hier in erster Linie als Paartherapie.

Um die Zuschauer dennoch bei Stange zu halten, wird der Irrwitz-Pegel allmählich genüsslich nach oben gedreht: So bezeichnet Maruti das erste Krokodil (das zweite trudelt erst gegen Ende ein) nicht nur als „Abwasserkanal-Godzilla“, das Viech klingt sogar ein bisschen so und entfesselt in den letzten Minuten Kräfte, angesichts derer selbst die japanische Monsterikone anerkennend nicken würde.
Anerkennung verdient auch „Tu Yaa Main“: Natürlich, die ein oder andere Nahtstelle ist sichtbar, aber die Macher dieser ungemein unterhaltsamen, spaßigen Achterbahnfahrt kriegen die disparaten Elemente alles in einem dennoch recht gut unter einen Hut und dürften hiermit die erste Tierhorror-Romanze überhaupt geschaffen haben. Und was für ein charmantes Filmchen das geworden ist! Chapeau!
P.S.: Wer „The Pool“ noch nicht kennt – unbedingt im Double Feature gucken!
Tu Yaa Main • Indien 2026 • Regie: Bejoy Nambiar • Darsteller: Adarsh Gourav, Shanaya Kapoor, Parul Gulati, Sanjay Appan, Ashok Kangude, Kshitee Jog, Rajsi Kinjalaskar • Netflix - Achtung: Der Film ist nur auf Hindi mit englischen Untertiteln abrufbar, man muss zuvor die „Anzeige-Sprache“ auf Englisch stellen, sonst findet man den Film im Angebot nicht • Abb. © Netflix
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