24. Februar 2026

„Faces of Death“ – 1978 & 2026

Ein paar Gedanken zur Rückkehr eines prophetischen Schundfilm-Klassikers

Lesezeit: 4 min.

Bei „Faces of Death“ (dt. „Gesichter des Todes“) dürfte es sich um einen der wohl berühmt-berüchtigsten Schundfilme aller Zeiten handeln.

Das Prinzip war simpel: Der – unter dem Pseudonym Conan Le Cilaire – tätige Filmemacher John Allan Schwartz stellte echte und gefakte Aufnahmen von Tierschlachtungen, Kriegshandlungen, Hinrichtungen und Morde zusammen und bastelte eine scheinheilige Rahmenhandlung drumherum: Die Aufnahmen stammen vom (fiktiven) Pathologen Dr. Francis B. Gröss, der das Material gesammelt hat, da er die verschiedenen Gesichter des Todes verstehen wollte und so gibt es während der pornohaft anmutenden Clip-Sammlung einen „wissenschaftlichen“ Kommentar, der im Tonfall an Leonard Nimoy in der Mystery-TV-Serie „In Search of …“ erinnert.

Die Idee an sich war nicht neu, 1962 begründeten Gualtiero Jacopetti, Franco Prosperi und Paolo Cavara mit „Mondo Cane“ den Grundstein für das Mondo-Genre, dessen Filme pseudodokumentarisch auf sensationalistische Weise fremde Kulturen und deren Bräuche und Riten porträtieren und dabei mit vermeintlich realen Aufnahmen von Gewalt oder Sexualität nicht hinter dem Berg halten. Doch während man gerade Jacopetti und Prosperi, die mit Produktionen wie „Africa Addio“ (1966), „Goodbye Uncle Tom“ (1971) weiter Reden von sich machten, trotz allem durchaus kunstvolles, aufwändiges (die Italiener hatten Drehzeiten von bis zu drei Jahren, „Faces“ war in etwas über einem Monat zusammengebaut) Handwerk und Ambitionen eben nicht nur Schauwerte abzuliefern, attestieren kann, rückte Schwartz das Thema Tod in den Mittelpunkt und setzte komplett auf Schock und Ekel.

„Faces of Death“ ist Exploitation, wie sie räudiger kaum sein könnte und die Rechnung ging auf: Die Kritiker sahen den Untergang des Abendlandes kommen, die Behörden schoben Überstunden (das Marketing bellte stolz, dass der Film in ganzen 46 Ländern verboten sei, was aber doch arg übertrieben war). Resultat: Die 450.000 Dollar teure Produktion spielte 35 Millionen Dollar ein, sorgte für jahrzehntelange Diskussionen, was von dem Material echt ist und was nicht, brachte dutzende Sequels und Trittbrettfahrer wie „Face of Gore“ (1999 – 2000) oder „Traces of Death“ (1993 – 2000) mit sich und ebnete den Weg für „Schock-Webseiten“ wie rotten.com oder bestgore.com. In Deutschland lief der erste Film zwar mit wenig Erfolg im Kino entwickelte sich aber zum Videothekendauerhit (und zur Pausenhoflegende – wir ALLE wollten den sehen). So sehr, dass eigens für den deutschen Markt Zusammenschnitte produziert wurden, von denen kurioserweise mindestens einer von Homer Simpsons Synchronssprecher Norbert Gastell aus dem Off kommentiert wird!

***

Der springende Punkt: Rückblickend betrachtet wirkt Schwartz’ schmieriger Schocker gruselig prophetisch. Heute muss man nicht mehr verschämt gewisse Ecken der Videothek oder des Internets aufsuchen, die Gesichter des Todes gehören mittlerweile zum medialen Mainstream. Es passiert kaum noch was, ohne dass nicht drastische Bilder dazu gereicht werden, von denen, eben wie bei „Gesichter“, nicht immer klar ist, ob sie tatsächlich echt sind.

Es war vermutlich – Medienhistoriker mögen mich eines Besseren belehren – der fürchterliche Anschlag im Pariser Konzertsaal Bataclan am 13. November 2015, der den Korken vollends aus dem Staudamm zog und eine mediale Dynamik in Gang setzte, die bis heute anhält, denn zahlreiche privat aufgenommene Fotos und Handyvideos von der Tatnacht wurden nicht nur, erwartbar, von den Boulevard-Medien zur „Berichterstattung“ verwendet, auch der viel gerühmte „Qualitätsjournalismus“ konnten nicht widerstehen und torkelte auf einem hauchdünnen Grad zwischen ernsthafter Berichterstattung und Sensationslust, was viel Kritik einbrachte.

Jetzt, 10 Jahre später, scheinen ethische Bedenken weitgehend verstummt zu sein. Natürlich ist es für Ermittlungsbehören und für Journalisten an sich positiv, dass zum Beispiel die kaltblütige Ermordung von Renée Good im Januar dieses Jahres – sogar aus mehreren Seiten - mitgefilmt wurde, aber ob man die Videos im Medienzirkus wirklich unbedingt (immer und immer wieder) zeigen musste, ob nicht aus Rücksicht auf die Angehörigen, dezentere Alternativen zur Illustration möglich gewesen wären, war leider kein Thema bei Lanz und anderswo.

Die Ironie jedenfalls: „Gesichter des Todes“ galt jahrzehntelang in der Öffentlichkeit als – um’s mal wahnsinnig profan, aber äußerst zutreffend zu formulieren – „Dreck of the Dreck“, Kino für völlig degradierte Psychopathen, die Hunde quälen, wirkt angesichts der heutigen Medienwelt aber fast schon wieder lahm. Wo aber nach wie vor eine direkte Verbindung besteht: Hypokrisie. Der Geist von Dr. Francis B. Gröss ist allgegenwärtig.

***

Braucht’s da ernsthaft ein Update? Why not? Es muss ja nicht zwingend so verlogen wie das Original sein. Eine Reflexion auf die heutige Zeit wäre denkbar und folgerichtig ist im neuen Film das Internet Thema. Froh stimmt: Regie führt Daniel Goldhaber, der zudem zusammen mit Issa Mazzei das Drehbuch geschrieben hat. Das Duo hatte 2018 mit „Cam“ und vor allem 2022 mit „How To Blow Up A Pipeline“ bereits ein Händchen für kraftvolles, smartes und durchaus aufrührerisches Kino bewiesen. Inhaltlich soll es um durch die konstante Online-Dauerbeschallung erfolgte Desensibilisierung gegenüber echter Gewalt, um Authentizität von Bildern, um maßlose Sucht nach Internetberühmtheit und die Frage was Menschen dafür bereit sind, zu tun, und um Content-Moderation und die Auswirkungen auf die Psyche gehen. Das klingt sehr gut.

Was leider nicht so gut klingt: Der Film ist bereits seit zwei Jahren abgedreht, soll aber der Produktionsfirma Legendary Entertainment trotz positiver Testvorführungen „zu experimentell“ gewesen sein, weswegen „Nachbesserungen“ nötig waren. Außerdem hatte man – diverse frisch gefloppte Genreproduktionen im Hinterkopf - Bedenken, ob die Verbindung zum hyperkontroversen Original beim modernen Publikum wirklich so gut ankommen würde.

Wie auch immer. Der US-Kinostart ist am 10. April 2026, für Deutschland gibt’s noch keinen Termin, aber lange dauern wird’s bestimmt nicht.

(Achtung! Unten wurde der Trailer zur 2026er-Version und zum Original verlinkt. Der Trailer zum Original könnte für den ein oder anderen vielleicht nicht ganz ohne sein – anschauen auf eigene Gefahr!)

Kommentare

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.
Sie benötigen einen Webbrowser mit aktiviertem JavaScript um alle Features dieser Seite nutzen zu können.