4. Oktober 2018 2 Likes

Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Schritt für die Menschheit

Eine Leseprobe aus James R. Hansens großer Neil-Armstrong-Biografie „Aufbruch zum Mond“

Lesezeit: 17 min.

Als Neil Armstrong am 21.Juli 1969 als erster Mensch die Oberfläche des Mondes betritt, schreibt er Geschichte. Doch wer ist der Mann hinter der Legende? Dem NASA-Historiker James R. Hansen gewährte Neil Armstrong einen einzigartigen Zugang zu privaten Dokumenten und persönlichen Quellen. Herausgekommen ist dabei die ebenso informative wie spannende Biografie eines Mannes, der mit einem kleinen Schritt die Welt veränderte. Allen, die jetzt neugierig geworden sind, stellen wir hier einen Auszug aus James R. Hansens „Aufbruch zum Mond“ (im Shop) zur Verfügung.

 

Als Neil seine Aufmerksamkeit wieder auf die Mondoberfläche richtete, die rasch näher kam, sah er keine Krater oder Kraterformationen, die er erkannte, aber das war unter den Umständen kein Anlass zur Sorge. Im Training hatte er stundenlang verschiedene Landkarten des Mondes, Dutzende Orbiter-Bilder von der Oberfläche und viele hochauflösende Fotos studiert, die Apollo 10 von der Strecke des Landeanflugs gemacht hatte, von jedem einzelnen Orientierungspunkt auf dem Weg zum Mare Tranquillitatis. „Die Punkte, die ich dort draußen sah, waren nicht die, die ich mir eingeprägt hatte, ich erinnerte mich nicht gut genug an sie, um zu wissen, wo genau wir uns befanden, aber ich sah das pragmatisch. Ich fand es weder überraschend noch besorgniserregend, wenn wir an einem anderen Ort herauskamen. Es wäre ja eher überraschend gewesen, wenn wir beim ersten Versuch einer Mondlandung auch nur in der Nähe der Stelle gelandet wären, die wir uns ausgesucht hatten. Ich rechnete überhaupt nicht damit. Objektiv betrachtet war es mir auch relativ egal, wo wie landeten, solange es sich um eine ungefährliche Stelle handelte. Wo das war, spielte keine große Rolle. Am besten wäre es gewesen, wir wären in irgendjemandes Garten gelandet.“

Da Armstrong mit der Klärung der Programmalarme beschäftigt gewesen war, konnte er den Landebereich erst ungestört in Augenschein nehmen, als die Mondlandefähre nur noch 600 Meter über der Oberfläche schwebte. Was er auf den folgenden 450 Metern Abstieg sah, war nicht gut:

 

04:06:43:08 Armstrong: Ziemlich felsige Gegend.

 

Der Bordcomputer leitete sie direkt auf den nahe gelegenen Hang eines Kraters von der Größe eines Footballfeldes zu. Rund um diesen später als „Westkrater“ bezeichneten Krater erstreckte sich ein großes Feld voller Steinbrocken, von denen einige so groß wie Kleinwagen waren.

„Anfangs hielt ich es für eine gute Idee, kurz vor dem Krater zu landen, weil es wissenschaftlich wertvoller gewesen wäre, nah an einem großen Krater zu sein. Doch die Neigung des Abhangs war beträchtlich, und ich glaubte nicht, dass wir an einer so steilen Stelle landen sollten.

Dann dachte ich, dass ich die großen Felsbrocken auf dem Feld wahrscheinlich umgehen könnte, aber ich wusste nicht genau, wie gut ich zwischen ihnen und um sie herum auf einen bestimmten Landepunkt zusteuern konnte, weil ich noch nie mit dem Fahrzeug gelandet war. Es wäre wohl kein großes Vergnügen, eine ziemlich eng bemessene Stelle treffen zu müssen. Außerdem kam der Bereich rasch näher, und schon bald war klar, dass ich nicht früh genug heruntergehen konnte, um eine sichere Landestelle zu finden; es war für mich einfach nicht der richtige Ort für eine Landung. Eine größere, offenere Fläche, auf der nicht von allen Seiten Gefahren drohten, wäre besser.“

04:06:43:10 Aldrin: 183 Meter, sechs runter. 165 Meter, neun runter. 4,5 runter.

04:06:43:15 Armstrong: Ich werde jetzt …

 

Bei gut 150 Metern schaltete Armstrong auf die manuelle Steuerung um. Als Erstes richtete er das Fahrzeug vollständig auf, was den Abstieg verlangsamte, aber das Tempo nach vorn – etwa fünfzehn bis achtzehn Meter pro Sekunde – beibehielt, sodass er wie ein Helikopterpilot über den Krater hinwegfliegen konnte.

Jetzt, da Armstrong den Krater hinter sich ließ, musste er eine gute Landestelle ausfindig machen, ein potenziell schwieriges Unterfangen angesichts der speziellen Lichtverhältnisse auf der Mondoberfläche, die sich auf der Erde nicht hatten nachstellen lassen. „Eine große Sorge war“, erinnerte sich Neil, „dass das vom Mond reflektierte Licht beim Näherkommen so stark wäre, dass wir ganz unabhängig vom Anflugwinkel wenig sehen könnten, weil es unsere Tiefenwahrnehmung ernsthaft beeinträchtigte.“

Zum Glück hatten die Missionsplaner sich im Vorfeld viele Gedanken über die Lichtbedingungen gemacht. Sie waren zu dem Schluss gekommen, dass die Eagle in einem Zeitabschnitt des „Tages“ und in einem Winkel landen musste, in denen die Schatten am längsten waren. Ohne Schatten wirkte der Mond flach, doch waren sie lang, präsentierte sich ein dreidimensionales Bild. Dann konnten die Astronauten die räumlichen Bedingungen auf der Oberfläche gut erkennen: Sie nahmen Höhenunterschiede wahr und konnten die Konturen und Formen von Gipfeln, Tälern, Kämmen und Kanten ausmachen. Die idealen Bedingungen für den Anflug der Mondlandefähre waren gegeben, wenn die Sonne 12,5 Grad über dem Horizont stand. Dann hätten Armstrong und Aldrin genügend Licht zur Verfügung, und die Raumwahrnehmung wäre trotzdem gut.

Da Armstrong den Bereich hinter dem Krater recht gut einsehen konnte, hing die Landung des LM nun schlicht und einfach von seinen Pilotenfähigkeiten ab. Nun zahlte sich die Zeit im LLTV aus, denn Neil konnte die Eagle nicht einfach zu Boden bringen, indem er durch die Luft schwebte und dann senkrecht runterging, sondern musste sie noch 450 Meter in einem relativ schnellen Tempo absinken lassen. „Solche Manöver hatte ich schon im Lunar Lander Training Vehicle geflogen. Diese Techniken musste ich nun nutzen, um über den Boden zu gleiten. Hätte ich etwas mehr Erfahrung mit der Maschine gehabt, wäre ich die Überquerung des Kraters etwas aggressiver angegangen, aber es erschien mir nicht sehr vernünftig, ausgeprägte Lageveränderungen vorzunehmen. Ich hatte einfach nicht genügend Erfahrung mit dem Gefährt unter diesen Bedingungen, um zu wissen, wie es reagierte und wie gut ich damit umgehen konnte. Zum Glück flog das LM besser, als ich erwartet hätte. Daher hätte ich sicher mit etwas mehr Tempo über den Krater und aus dem schlechten in ein besseres Gebiet fliegen können, was uns ein bisschen Treibstoff eingespart hätte.“

Normalerweise ist es keine schlechte Idee, „lang“ zu landen, vor allem wenn man ein Rollfeld ansteuert, wo man die Bedingungen vor sich auf eine gewisse Entfernung überblicken kann. Doch auf der felsigen, schartigen Mondoberfläche brachte eine „lange“ Landung mehr ungeklärte Fragen mit sich als eine „kurze“ in einem Bereich, in dem der Pilot bereits alle Gefahren erfasst hatte. „Wenn dir das, was du siehst, nicht gefällt“, erklärte Aldrin, „gibt es vier Optionen: links, rechts, runterzugehen bzw. ‚kurz‘ zu landen oder weiterzufliegen. In den allermeisten Fällen ist die letzte die am wenigsten schlimme, auch wenn sich Fragen ergeben können wie: ‚Wenn ich weiterfliege, weiß ich nicht, was dort kommt. Bei einer kurzen Landung ist das klar. Ich bin nicht über der Stelle, ich bin davor.‘ Soweit ich mich erinnere, wäre es rechts haarig geworden, links ebenfalls und runterzugehen und kurz zu landen … war einfach übel.“ Armstrong stimmte zu: „Manchmal geht man runter und stellt fest: ‚Himmel, das sieht furchtbar aus.‘“ „Daher ist es ganz natürlich weiterzufliegen“, fuhr Aldrin fort. „Die Flugbahn zu verlängern“, fügte Neil hinzu. „Wir mussten eine Stelle finden und wussten nicht, wie sehr sich die Sicht verschlechtern würde, wenn wir uns der Oberfläche näherten. Daher suchten wir lieber aus einer Höhe von knapp fünfzig Metern einen Punkt, der sich gut eignete.“

04:06:43:46 Aldrin: 90 Meter [Höhe], eins [Meter pro Sekunde] runter, fünfzehn [Meter pro Sekunde] nach vorn. Langsamer. Ein halber runter. Bring sie sanft runter.

04:06:43:57 Armstrong: Okay, was sagt der Treibstoffstand?

04:06:44:00 Aldrin: Geh runter.

04:06:44:02 Armstrong: Okay. Hier … Sieht ganz gut aus, die Gegend.

04:06:44:04 Aldrin: Ich kann den Schatten erkennen.

 

Den Schatten der Mondlandefähre ausmachen zu können war ein zusätzlicher optischer Hinweis darauf, wie hoch sie unterwegs waren. Buzz schätzte, dass er ihn das erste Mal auf rund achtzig Metern entdeckte: „Ich hätte gedacht, dass er bei achtzig Metern weit vor uns auftauchen würde, aber das stimmte nicht. Ich konnte die Landebeine erkennen, und die Auf- und die Abstiegsstufe. Hätte ich früher hinausgeschaut, hätte ich bestimmt schon auf 120 Metern so etwas wie einen Schatten finden können, vielleicht sogar von noch weiter oben. Wie auch immer, auf der niedrigen Höhe stellte er einen nützlichen Hinweis dar, aber man musste ihn natürlich vor dem Fenster haben“, was auf Neil nicht zutraf. Für die letzte Phase des Landeanflugs hatte Armstrong die Fähre etwas nach links gekippt. Daher versperrte ihm das Verdeck über der Luke die Sicht auf den Schatten der Mondlandefähre.

Während des Abstiegs von sechzig auf fünfzig Meter fand Armstrong die Stelle, auf der er landen wollte – eine ebene Fläche direkt jenseits eines weiteren, kleineren Kraters hinter dem Westkrater:

04:06:44:18 Aldrin: Dreieinhalb nach vorn. Ruhiger Sinkflug. Sechzig Meter, 1,35 runter.

04:06:44:23 Armstrong: Wir fliegen direkt über den Krater.

04:06:44:25 Aldrin: 1,65 runter.

04:06:44:27 Armstrong: Ich habe eine gute Stelle.

04:06:44:31 Aldrin: Fünfzig Meter, zwei runter. 1,65 runter, drei nach vorn. Sieht gut aus.

 

Unter sich sah Neil eine Schicht aus Mondstaub, der vom Abstiegstriebwerk der Mondlandefähre auf seltsame Weise in Bewegung versetzt worden war. Genau genommen zeichnete sich auch der Schatten, den Buzz entdeckt hatte, auf dieser Staubschicht ab, nicht auf der Mondoberfläche selbst. Wie Neil sagte: „Die Sicht schwand, als wir auf unter dreißig Meter hinabgesunken waren. So langsam gerieten wir in den Staub – und zwar nicht in eine normale Staubwolke, wie man sie von der Erde kennt. Der Staub von der Mondoberfläche bildete einen Schleier, der sich von der Landefähre aus in alle Richtungen ausbreitete. Er bedeckte fast die gesamte Oberfläche, obwohl die größten Felsbrocken herausragten. Diese sehr schnelle Staubschicht, die sich fast waagerecht bewegte, wirbelte nicht im Geringsten auf, sie breitete sich einfach überall hin aus.“

Neil erzählte weiter: „Als wir tiefer sanken, wurde die Sicht immer schlechter. Ich glaube nicht, dass die visuelle Höhenbestimmung ernsthaft vom Staub beeinträchtigt war, aber was mich verwirrte, war, dass wir unsere Geschwindigkeit zur Seite und geradeaus nur schwer einschätzen konnten. Einige der größeren Steinbrocken zeichneten sich im Staub ab, und man musste durch den Schleier hindurchschauen, um die Steine auszumachen und danach die Translationsgeschwindigkeit zu bestimmen. Das fand ich ziemlich schwierig. Ich verbrachte mehr Zeit damit, die Translationsgeschwindigkeiten zu reduzieren, als ich für nötig gehalten hätte.

Als wir dann einen Bereich für die Landung gefunden hatten, drehte sich alles darum, die Mondlandefähre relativ langsam Richtung Boden zu bringen und größere Vorwärts- oder Seitwärtsbewegungen zu vermeiden. Als wir die Fünfzehn-Meter-Marke passiert hatten, meinte ich, dass wir auf der sicheren Seite waren, auch wenn uns der Treibstoff langsam ausging. Ich rechnete damit, dass das Landefahrzeug den Aufprall dank des stauchbaren Schaums in den Landebeinen überstehen würde. Ich wollte zwar nicht aus der Höhe zu Boden stürzen, doch sobald wir unter fünfzehn Metern waren, war ich ziemlich zuversichtlich, dass wir auf der sicheren Seite waren.“

Aus der Perspektive des Kontrollzentrums hingegen war die Situation durchaus brenzlig – an den Instrumentenpulten war die Anspannung wegen des Dramas um die Treibstoffreserven deutlich zu spüren.

Noch in einer Höhe von 82 Metern, kurz bevor Buzz den Schatten des LM entdeckte, hatte Armstrong gefragt: „Was sagt der Treibstoffstand?“ Als die Mondlandefähre auf fünfzig Meter hinabgesunken war, hatte Bob Carlton, der Steuersystemingenieur aus Gene Kranz‘ weißem Team, über die Flugdirektorenverbindung gemeldet, dass der Treibstoffvorrat nun offiziell „gering“ sei. Das bedeutete, dass sich in den Tanks des LM nun so wenig davon befand, dass die Menge nicht mehr gemessen werden konnte, so wie die Tankanzeige in einem Auto manchmal auf „leer“ steht, der Wagen aber trotzdem noch fährt. Kranz versicherte später: „Ich hätte nie damit gerechnet, dass wir mit so wenig Treibstoff noch in der Luft wären.“

Auf einer Höhe von knapp dreißig Metern hatte Aldrin gemeldet, dass die Tankleuchte nun aktiv sei, ein Hinweis darauf, dass nur noch fünf Prozent der ursprünglichen Treibstoffmenge verblieben. Im Kontrollzentrum löste diese Nachricht einen 94 Sekunden dauernden Countdown aus. Danach hätte Armstrong bei seiner Abstiegsgeschwindigkeit nur noch zwanzig Sekunden, um zu landen. Wenn er das nicht für machbar hielt, würde er die Landung sofort abbrechen müssen – obwohl er das auf dieser geringen Höhe, dreißig Meter über der Mondoberfläche, keineswegs vorhatte.

Bei 23 Metern teilte Bob Carlton Kranz mit, dass nun nur noch sechzig Sekunden verblieben. Charlie Duke wiederholte diese Meldung, sodass auch Neil und Buzz sie hörten. Kranz erinnerte sich: „Von der Besatzung kam keine Reaktion. Sie war zu beschäftigt. Ich hatte das Gefühl, dass die beiden alles auf eine Karte setzen würden. Das ahnte ich schon, seit sie auf die manuelle Steuerung umgeschaltet hatten: ‚Sie sind die Richtigen für die Aufgabe.‘ Ich bekreuzigte mich und sagte: ‚Bitte, Gott.‘“

Armstrong meinte später: „Auf einer Höhe von mehr als dreißig Metern hätten wir sicher abbrechen müssen. Aber weiter unten war es das Sicherste weiterzumachen. Die Treibstoffsituation war uns durchaus bewusst. Wir hörten, wie Charlie den Countdown begann, und sahen die Tankleuchte im Cockpit, doch das spielte keine Rolle mehr. Ich wusste, dass wir zu dem Zeitpunkt schon ziemlich weit unten waren. Und unterhalb von dreißig Metern wollten wir nicht mehr abbrechen.“

Um 04:06:45:07 Uhr MET las Aldrin vor: „Achtzehn Meter, 0,75 runter. 0,6 nach vorn, 0,6 nach vorn. Das ist gut.“ Armstrong wollte im Vorwärtsflug bleiben, damit er sicher sein konnte, dass er nicht in einem Loch landete, das er übersehen hatte. „Ich wollte gern, dass wir uns während des gesamten Endanflugs leicht vorwärts bewegten, denn sobald man senkrecht runtergeht, sieht man nicht, was sich direkt unter einem befindet. Man will erst ziemlich nah an den Grund herankommen, um zu sehen, dass es sich um einen guten Bereich handelt. Dann kann man die Vorwärtsbewegung einstellen und das Gefährt aufsetzen lassen.“

„Noch dreißig Sekunden“, ertönte Carltons nächste Meldung. Im Kontrollzentrum war mittlerweile jedes Gespräch verstummt. Alle, die vor den Bildschirmen und in den Beobachtungsräumen saßen, schluckten schwer, während sie angespannt abwarteten, was als Nächstes kam – die Landung der Eagle oder Carltons nächste Treibstoffmeldung.

Am Steuerpult der Mondlandefähre machte sich Neil keine großen Gedanken um den Treibstoffvorrat. „Im LLTV war es nicht ungewöhnlich, erst zu landen, wenn der Treibstoff nur noch für fünfzehn Sekunden reichte – das kam ständig vor. Mir erschien die Situation beherrschbar. Es wäre zwar schön gewesen, noch eine Minute länger zu haben, um noch ein bisschen herumzutüfteln, doch ich wusste, dass die Zeit knapp wurde, dass wir runtergehen, das LM unter fünfzehn Meter bekommen mussten. Aber ich verlor wegen der Treibstoffsituation nicht den Kopf.“

04:06:45:26 Aldrin: Sechs Meter, 0,15 runter. Bewegen uns ganz leicht nach vorn. Gut. Okay. Kontaktleuchte.

 

Die Kontaktleuchte schaltete sich ein, sobald mindestens einer der Bodenfühler, die von drei der vier Fußteller herabhingen, die Mondoberfläche berührte.

Neil war so sehr auf das konzentriert, was zu tun war, um das Gefährt sicher zu landen, dass er weder hörte, wie Aldrin klar und deutlich den Kontakt verkündete, noch das blaue Licht aufleuchten sah. Er hatte vorgehabt, das Triebwerk abzuschalten, sobald die Kontaktleuchte an war, doch das gelang ihm nicht. „Ich hörte, wie Buzz etwas über Kontakt sagte. Doch da befanden wir uns noch über dem Sandschleier, und ich war mir nicht ganz sicher, ob der Kontakt wirklich hergestellt war. Das Kontrolllämpchen hätte auch ein Fehlalarm sein können, daher wollte ich uns noch ein bisschen weiter nach unten bringen. Vielleicht hatten wir schon aufgesetzt, als ich das Triebwerk abschaltete – es war auf jeden Fall knapp davor. Die einzige Gefahr bestand darin, mit der Glocke des Triebwerks zu nah an die Oberfläche heranzukommen, während es noch lief, dann hätte es beschädigt werden können. Das hätte keine Explosion ausgelöst, davor hatten wir keine Angst. Aber im Rückblick hätte es schlimme Auswirkungen haben können. Wenn wir mit ausgefahrenem Triebwerk direkt auf einem Felsbrocken gelandet wären, wäre das gar nicht gut gewesen.“

 

04:06:45:41 Armstrong: Abschalten.

04:06:45:42 Aldrin: Okay, Triebwerkstopp.

 

Die Mondlandefähre setzte sehr sanft auf, so sanft, dass die Astronauten kaum sagen konnten, wann sie wirklich gelandet waren. „Soweit ich es spüren konnte, standen wir nicht schräg“, erklärte Neil. „Es war wie eine Hubschrauberlandung.“ Genau betrachtet wäre es vielleicht sogar hilfreich gewesen, etwas kräftiger aufzusetzen, wie es die späteren Apollo-Besatzungen dann auch absichtlich taten. „Man versucht immer, weich zu landen“, meinte Neil, „aber wenn wir mit etwas mehr Schwung aufgesetzt hätten, wäre der Schaum in den Landebeinen der Fähre stärker zusammengedrückt worden, wodurch die untere Seite des Fahrzeugs näher an der Mondoberfläche und der Sprung von der Leiter zum Boden nicht so hoch gewesen wäre. Also hatte eine härtere Landung durchaus ihre Vorteile.“

04:06:45:58 Armstrong: Houston, hier Tranquility Base. Die Eagle ist gelandet.

 

Aldrin wusste, dass Neil vorhatte, die Landestelle „Tranquility“ Base zu nennen, aber Neil hatte ihm nicht mitgeteilt, wann er den Namen zum ersten Mal verwenden wollte. Das Gleiche galt für Charlie Duke. Neil hatte Charlie vor dem Start über den Namen in Kenntnis gesetzt, doch als Charlie ihn nun zum ersten Mal hörte, hatte der normalerweise sehr schlagfertige Mann aus South Carolina plötzlich einen Knoten in der Zunge:

04:06:46:06 CapCom: Roger, Twan … [korrigiert sich] Tranquility. Haben verstanden, dass ihr aufgesetzt habt. Ihr habt eine Reihe Kerle hier unten blau anlaufen lassen. Jetzt können wir wieder durchatmen. Vielen Dank dafür.

04:06:46:16 Aldrin: Danke ebenfalls.

04:06:46:18 CapCom: Von hier sieht alles gut aus.

 

Im Rückblick ist klar, dass die Treibstoffsituation der Eagle nie so kritisch war, wie das Kontrollzentrum zu der Zeit glaubte – oder wie es die Historiker gern darstellen. Die Nachfluganalyse ergab, dass Armstrong und Aldrin bei der Landung noch 300 Kilogramm nutzbaren Treibstoff im Tank hatten, der für weitere fünfzig Sekunden Schwebeflug ausgereicht hätte. Es waren etwa 225 Kilogramm weniger nutzbarer Treibstoff, als bei den folgenden fünf Apollo-Landungen verblieben.

Armstrong sagte später: „Das Wichtigste war, dass wir uns schon so nah an der Oberfläche befanden, dass es im Grunde egal war. Wir hätten auch dann nicht die Kontrolle über die Lage des Gefährts verloren, wenn uns der Treibstoff ausgegangen wäre. Das Triebwerk hätte sich abgeschaltet, aber aus der Höhe hätten wir trotzdem sicher auf dem Boden aufgesetzt.“

 

***

 

Die Landung erfolgte am 20. Juli 1969 um 16:17:39 Uhr Ostküstenzeit (21:17:39 Uhr in Mitteleuropa). Sobald die Menschen auf der Erde begriffen hatten, dass die Eagle sicher auf dem Mond aufgesetzt hatte – im Fernsehen rief Cronkite: „Meine Güte. Mann auf dem Mond!“ -, brachen Jubelstürme aus. Überall auf der Welt verspürten die Leute eine enorme Erleichterung. Sie saßen sprachlos da oder applaudierten wie wild. Sie lachten, während ihnen die Tränen über die Wangen liefen. Sie schrien, brüllten und jauchzten. Sie reichten sich die Hand und umarmten sich, stießen an und brachten Trinksprüche aus. Die Gläubigen beteten. In einigen Teilen der Welt hieß es: „Die Amerikaner haben es endlich geschafft.“ Natürlich war man in den USA besonders stolz auf diesen Erfolg. Selbst diejenigen, die nicht gut auf ihr Land zu sprechen waren – und das waren in den Tagen des Vietnamkriegs viele –, hielten die Mondlandung für eine außergewöhnliche Leistung.

In der Mondlandefähre, 385.000 Kilometer entfernt, taten Armstrong und Aldrin in diesem ganz speziellen Augenblick nach der Landung ihr Bestes, ihre Gefühle, wie auch immer diese aussehen mochten, zu unterdrücken. Die beiden Astronauten nahmen sich nur kurz die Zeit, einander die Hand zu schütteln und sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen. Auch wenn es ein entscheidender Moment im Leben beider Männer und vielleicht auch in der Geschichte der Menschheit im 20. Jahrhundert war, hatten die beiden ersten Menschen auf dem Mond keine Zeit, ihn zu genießen.

„So weit, so gut“, war die einzige Reaktion, an die sich Neil später erinnerte. Er wandte sich wieder seiner Checkliste zu und sagte zu Buzz: „Okay, weiter geht’s.“

 

* * *

 

Auf dem Stuhl des CapComs saß nun Bruce McCandless, er hatte den Posten für den Außenbordeinsatz von Owen Garriott übernommen:

04:13:22:48 McCandless: Okay, Neil, wir sehen dich jetzt die Leiter hinuntersteigen.

04:13:22:59 Armstrong: Okay, ich habe gerade probiert, wieder auf die erste Stufe zu kommen, Buzz. Das Landebein hat sich nur wenig zusammengeschoben, aber es reicht, um wieder hinaufzukommen.

04:13:23:10 McCandless: Roger. Verstanden.

04:13:23:25 Armstrong: Aber ein ordentlicher kleiner Sprung ist schon nötig.
 

04:13:23:38 Armstrong: Ich stehe am Fuß der Leiter. Die Fußteller sind nur ein paar Zentimeter tief eingesunken, obwohl die Oberfläche sehr, sehr feinkörnig zu sein scheint, wenn man sie aus der Nähe betrachtet. Fast wie Puder. Die Masse, die den Boden bedeckt, ist sehr fein.
 

04:13:24:13 Armstrong: Ich steige jetzt vom Landeteller hinab.

 

Keiner der Millionen Zuschauer auf der ganzen Welt, die diese Ereignisse verfolgten, wird je den Augenblick vergessen, in dem Armstrong den ersten Schritt auf die Oberfläche des Mondes hinaus machte. Auf den verschwommenen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von einem Ort, der über 400.000 Kilometer entfernt war, schien es eine Ewigkeit zu dauern, bis Neil schließlich - die rechte Hand an der Leiter – den linken Fuß im Stiefel vorstreckte und den Mond betrat.

Der historische erste Schritt fand um 22:56:15 Uhr Ostküstenzeit statt, um 03:56:15 Uhr MEZ. Wenn man die „Mission Elapsed Time“ zugrunde legt, die Zeit, die seit dem Start verstrichen war, erfolgte er laut einer offiziellen Presseerklärung der NASA nach vier Tagen, dreizehn Stunden, 24 Minuten und zwanzig Sekunden.

In den Vereinigten Staaten schauten die allermeisten Zuschauer, darunter auch die Armstrongs und ihre Gäste in Wapakoneta und El Lago, den Sender CBS, wo Cronkite – ein seltener Augenblick in seiner Fernsehkarriere – buchstäblich sprachlos war. Er hatte die Brille abgenommen und wischte sich die Tränen aus den Augen, als er erklärte: „Armstrong ist auf dem Mond! Neil Armstrong, ein 38-jähriger Amerikaner, steht auf der Mondoberfläche! An diesem 20. Juli 1969!“

Die Fernsehbilder gaben den Zuschauern das Gefühl, mit Armstrong gemeinsam auf den Mond hinauszutreten. Ohne sie wäre der erste Schritt eines Menschen auf dem Mond zwar trotzdem ein bedeutendes Erlebnis gewesen, aber auf ganz andere Weise. Wie Neil später meinte: „Die Bilder waren surreal, nicht weil die Situation an sich surreal war, sondern weil die Fernsehtechnik und die Qualität der Aufnahmen sie aufgesetzt und unwirklich erscheinen ließen.“ In Bezug auf all die lächerlichen Verschwörungstheorien der vergangenen vier Jahrzehnte, die behaupteten, die Mondlandung sei getürkt gewesen und in einem abgelegenen Filmstudio irgendwo in der Wüste aufgezeichnet worden, räumte Armstrong selbst ein: „Ich muss schon sagen, dass es fast gestellt aussah. Das war nicht geplant. Wäre es möglich gewesen, schärfere Aufnahmen zu machen, hätten wir uns sicherlich dafür entschieden.“

Er erinnerte sich: „Von einem technischen Standpunkt aus war das Fernsehen für verschiedene Leute innerhalb und außerhalb der NASA immer noch ein wertvolles Gut.“ Doch keine Information war bedeutender – oder besser gehütet – als die Worte, die Armstrong beim Betreten des Mondes äußern wollte. Niemand kannte sie, nicht einmal seine Mannschaftskameraden. Buzz wusste noch: „Auf dem Weg zum Mond fragten Mike und ich Neil, was er sagen wollte, wenn er den Mond betrat. Er antwortete, darüber denke er noch nach.“

Armstrong blieb immer dabei, dass er kaum Gedanken auf diese Frage verschwendete, bis sie die Landung erfolgreich abgeschlossen hatten.

Um 04:13:24:48 Uhr MET, wenige Sekunden vor 22:57 Uhr Ostküstenzeit, sprach Neil die berühmten Worte aus:

“That’s one small step for man, one giant leap for mankind.” („Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Schritt für die Menschheit.“)

 

James R. Hansen: „Aufbruch zum Mond“ ∙ Die autorisierte Biografie ∙ Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Schmalen ∙ Wilhelm Heyne Verlag, München 2018 ∙ 512 Seiten ∙ Preis des E-Books € 9,99 (im Shop)

 

 

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