26. Juni 2026

Queere Science Fiction, Plattenbau-Horror und Forschungsreisen

Phantastik-Comic-Neuheiten im Juni

Lesezeit: 6 min.

Ines Korth nutzt die Science Fiction zur kritischen Gegenwartsdiagnose, ein Berliner Hochhaus wird bei Thomas Gronle zum Dämonentreffpunkt, und Emmanuel Lepage reist erneut zum Kerguelen-Archipel.

 

Lewis Trondheim: Herr Hase und die patagonischen Karotten

Mit dem Independent-Verlag L’Association haben Lewis Trondheim, Menu, Stanislas, David B. und einige mehr in den 90ern das Gesicht des französischen Comics nachhaltig verändert und sich mit viel Chuzpe gegen die starren erzählerischen Konventionen im klassischen Albumformat gewendet. „Die Abenteuer von Herrn Hase“, neben „Donjon“ Trondheims langlebigste Reihe, nahmen hier ihren Anfang. Trondheim war gerade mal 26, als er den besagten Herrn in einem 500-Seiten-Trumm erstmals zu Papier brachte. Allein der Umfang war eine Provokation. Und wo Großmeister Moebius auf Drogen in die mexikanische und algerische Wüste abtauchte, um das automatische Zeichnen zu entdecken, setzte sich der Frischling Trondheim eben an den Schreibtisch und improvisierte Seite für Seite, nicht zuletzt, um sich das Zeichnen überhaupt erst einmal beizubringen. Das Schema ist streng – immer vier Bildreihen mit je drei Panels pro Seite –, die Gagdichte erschlagend. Im Prinzip nimmt das ganze Konzept dieses Buchs Trondheims späteren schwindelerregenden Output vorweg; vier, fünf Comics jährlich waren bei ihm mindestens ein Jahrzehnt lang eher Regel denn Ausnahme, seine Bibliographie hat längst die 100 hinter sich gelassen.

„Herr Hase und die patagonischen Karotten“ entstand in Etappen: erst 142 Seiten, dann 424, schließlich 500. Das bietet die seltene Chance, die Entwicklung eines Stils in einem Rutsch zu verfolgen. Im Dezember 1992 erschien dann die französische Erstausgabe, und 33 Jahre später entzückt Reprodukt auch das hiesige Publikum mit diesem Kuriosum europäischer Comicgeschichte. Abermals eine mutige, hinreißende Veröffentlichung.

Lewis Trondheim: Herr Hase und die patagonischen Karotten • Reprodukt, Berlin 2026 • 512 Seiten • Klappenbroschur • 39,00 Euro

 

Ines Korth: Endangered

Ines Korths neuer Science-Fiction-Jugendcomic „Endangered“ ist eine kleine Sensation, denn die komprimierte Erzählung ist ein politisches, noch dazu enorm unterhaltsames Lehrstück ohne Schnörkel und Abweichungen, das den gegenwärtigen Rechtsruck souverän mit den Mitteln des Genres aushebelt. Kindgerecht, knuffig, ja geradezu cozy sind die Zeichnungen, deren Stimmung beträchtlich von den schillernden Farben gefördert wird. Abwechslungsreich und voller Liebe zum Detail ist auch der Planet Hoarus mit all seinen skurrilen Lebensformen gestaltet, auf dem die Hauptfigur Nawa ein zweites, halblegales Leben fernab der Erde als Verkäuferin in einem Blumenladen gefunden hat, mit sensiblen Kollegen und einer resoluten Chefin. Aber spätestens als sich eine Romanze zu der geheimnisvollen Josie anbahnt, die den Planeten für ein paar Tage besucht und nur wenig über ihre Arbeit preisgibt, dringt auch die Politik in die Käseglocke. Denn Nawas Arbeitskollegen vermuten in Josie eine Fahnderin der Vereinigten Welten, die beauftragt wurde, illegale Menschen außerhalb der Erde aufzuspüren. Seit Außerirdische mit kooperativen Absichten auf der Erde landeten und nach anfänglicher Euphorie mittels Terroranschlägen von fanatischen Gruppen wieder vertrieben wurden, herrschen auf den Planeten drakonische Aufenthaltsregeln, die nun auch auf der bisher geduldeten Enklave Hoarus überwacht werden. Es ist beklemmend, wie intensiv Ines Korth das wachsende Misstrauen im Alltag beschreibt, besonders im Kontrast zu Josie, die sich in Verdrängung übt, von Politik nichts wissen will und darum nicht bemerkt, wie schnell die Verhältnisse immer bedrohlicher für sie werden. Das ist starke Science-Fiction, die vor der globalen Wiederkehr des Faschismus nicht die Augen verschließt.

Ines Korth: Endangered • Schwarzer Turm, Weimar 2026 • Softcover • 128 Seiten • 15,00 Euro

 

Thomas Gronle: Das Ritual

Thomas Gronle von der Künstlergruppe Moga Mobo, die seit 1994 über 100 ausgezeichnete Gratis-Comic-Anthologien publiziert hat, legt mit „Das Ritual“ eine bemerkenswerte Hochhaus-Horror-Story vor. Das Gebäude wird zum Schauplatz einer alle 107 Jahre stattfindenden Zeremonie. Dabei drohen alle Bewohner von einer Gruppe Dämonen in monströse Vögel verwandelt zu werden, um sich am Ende der Nacht gen Sonne zu bewegen und in der Atmosphäre zu verbrennen – ein Opferritual, um größeren Schaden von der Welt abzuwenden. Es obliegt dem jungen Nachtportier Jan, der ebenfalls mit seiner alkoholkranken Mutter in dem Hochhaus wohnt, die Menschen zu retten. Und das läuft mit viel Humor und „Attack the Block“-Vibes ab, denn Dealer-Kundschaft, von ihrer Virilität berauschten Schlägertrupps u. ä. ist der Ernst der Lage kaum zu vermitteln.

Die Monster pechschwarz gezeichnet, die Menschen hingegen weiß mit schwarzen Linien konturiert und zu zahlreichen virtuosen Verrenkungen gemorpht, ist „Die Reise“ trotz dieser illustrativen Extravaganzen eine Lektion in übersichtlicher Sequenzen- und Seitengestaltung, die Gronle mit sicherer Hand und geschultem Auge nie den noch chaotischsten Szenen unterordnet. Das führt zu einer sehr filmischen Erzählweise, die sich womöglich der Drehbuchvorlage des Autors Aron Craemer verdankt. Mit einem derartiges Inferno an Bildideen wird man hierzulande selten verwöhnt.

Thomas Gronle: Das Ritual • Edition 52 / Moga Mobo, Wuppertal 2026 • 196 Seiten • Hardcover • 29,00 Euro

 

Ursula Poznanski, Christopher Tauber, Timo Grubing: Cryptos

Der Frankfurter Künstler Christopher Tauber ist in jüngster Zeit durch allerlei Comicgeschichten aus dem „Die drei ???“-Universum präsent. Mit der Adaption von Ursula Poznanskis 2020 erschienenen Science-Fiction-Bestseller „Cryptos“ folgt die nächste große Auftragsarbeit. Die Climate-Fiction-Story um die Weltendesignerin Jana, die herausfindet, dass in der virtuellen Realität Menschen verschwinden, was auch zu ihrem realen Ableben führt, zeigt in solider, pragmatischer Ästhetik eine postapokalyptische Zukunft, in der sich die Menschen vollends und im Zweifel zufrieden in die Hände der Tech-Konzerne übergeben haben. Die bildet allerdings nur das Hintergrundrauschen des Thriller-Plots, in dem die Protagonisten auf der Suche nach dem Mörder recht repetitiv durch die virtuellen Welten aka Genres huscht.

Ursula Poznanski, Christopher Tauber, Timo Grubing: Cryptos • Loewe, Bindlach 2026 • 256 Seiten • Hardcover • 24,00 Euro

 

Posy Simmonds: Fred

Kürzlich wurde die englische Zeichnerin Posy Simonds auf dem Comic-Salon Erlangen mit dem Max-und-Moritz-Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk ausgezeichnet. Passend dazu hat Reprodukt eine editorische Lücke geschlossen. In „Fred“ geht es nicht wie gewohnt um einen ironischen Blick auf die Befindlichkeiten des gut betuchten Teils der bürgerlichen Mittelschicht, sondern um den titelgebenden vermeintlich „faulsten Kater der Welt“. Der Kindercomic erschien ursprünglich 1987 und verarbeitet den Tod der Hauptfigur als rauschendes Abschiedsfest Hunderter Katzen und Hunde, die sich zur letzten Ehre im Garten von Freds Haltern versammeln. Die müssen zu ihrer Verblüffung herausfinden, dass der tagsüber stoische Kater ein ausschweifendes Nachtleben pflegte und nun unter einer Woge der Liebe zu Grabe getragen wird.

Posy Simmonds: Fred • Reprodukt, Berlin 2026 • 32 Seiten • Hardcover • 15,00 Euro

 

Emmanuel Lepage: Mit dem Wind tanzen

Schon mal in Tschernobyl gewesen? Oder der lebensbedrohlichen Kälte der französischen Süd- und Antarktisgebiete ausgesetzt? Der französische Comiczeichner Emmanuel Lepage bereist Orte, die das Gros seiner Leser*innen niemals betreten wird, und er überträgt seine Eindrücke in atemberaubend aquarellierte Bilder, die selbst den menschenfeindlichsten Schauplätzen noch eine bizarre Schönheit verleihen. Den Kerguelen-Archipel hat Lepage schon 2012 in einem Comic verewigt und diese Reise im vorliegenden Band für eine Arte-Dokumentation wiederholt. Eine Welt der Polarstationen, und Lepage dokumentiert die Schönheit der Fauna ebenso ergreifend wie die Aufgaben der Wissenschaftler*innen, unter denen er diesmal wegen des ersten Reiseberichts als Star gilt. Das weckt Vertrauen, darum sprechen die Forscher*innen mittlerweile auch offener über die Schattenseiten ihrer Arbeit: ihre lausige Reputation im politischen Betrieb, den Machismo im Team, den kapitalistischen Sachzwang im ständigen Finanzierungskampf, die auch hier nachweisbaren Folgen des Klimawandels, ihre unpopulären Eingriffe in die Tierwelt infolge falscher Entscheidungen bei vergangenen Expeditionen. Die demütig-poetischen Bilder sind von einer dezenten Melancholie beseelt, was dieser nur scheinbar unberührten Inselgruppe am Ende der Welt noch blühen wird.

Emmanuel Lepage: Mit dem Wind tanzen • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 224 Seiten • Hardcover • 35,00 Euro

Kommentare

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.
Sie benötigen einen Webbrowser mit aktiviertem JavaScript um alle Features dieser Seite nutzen zu können.