21. Juli 2018 1 Likes

Von Menschen, Mäusen und Cyborgs

„I'm a Cyborg, But That's OK“ von Park Chan-wook

Lesezeit: 3 min.

Da ist zuerst mal dieser Titel. „I’m a Cyborg, But That’s OK“. Man ist sofort neugierig, man platzt sogar vor Neugier, weil man unbedingt wissen möchte, was sich hinter diesem Titel verbirgt. Dann sieht man dieses Plakat, dieses Cover. Grüne Gummizelle. Pärchen. Weiße Kleidung. Er: Fest auf dem Boden. Sie: Schwebt. Sie küssen sich… fast.

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Nicht? Okay. Also…

Als „I’m a Cyborg, But That’s OK“ 2006 anlief, hatte man alles Recht der Welt gespannt zu sein. Der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook hatte gerade seine „Rache“-Trilogie abgeschlossen (Sympathy for Mr. Vengeance, Oldboy, Lady Vengeance) und war vor allem dank „Oldboy“ ganz oben im Business. Jetzt musste und wollte er beweisen, dass er nicht nur Filme machen kann, die Quentin Tarantino begeistern. Man darf wohl sagen, dass ihm das mit dem „Cyborg“-Film gelungen ist, der (fast) alle Erwartungen unterläuft, die man an diesen Filmemacher stellen konnte.

Ganz grob gesagt erzählt der Film von einer jungen Frau, Young-goon ( Lim Soo-jung), die in der geschlossenen Psychiatrie landet, weil sie mit einer Steckdose rumgespielt hat. Doch der Selbstmordversuch ist eigentlich „Nahrungsaufnahme“, denn Young-goon hält sich für einen Cyborg, der sich eben ab und zu aufladen muss. In der Nervenklinik trifft sie auf Il-sun (Rain), der sich für einen Dieb hält, der anderen nicht nur Dinge stiehlt, sondern auch Eigenschaften und Gefühle. Il-sun spürt bald, dass das Problem der jungen Frau lebensbedrohlich ist, da sie jedes normale Essen strikt verweigert und immer schwächer wird.


Rumms, die Ladung aus der Steckdose war zu viel.

Aber das kratzt nur an der Oberfläche. Denn Park erzählt den Film fast komplett aus der Innenperspektive der Insassen, d.h. es gibt praktisch keinen festen Boden. Alles ist jederzeit möglich und die Ärzte und Pfleger laufen in den ganzen bizarren Wahnvorstellungen herum und werden auch einbezogen. Man braucht etwas Zeit, um sich daran zu gewöhnen, denn das Süßliche, was Jean-Pierre Jeunets „Amélie“ zum Hit machte, geht Park völlig ab. Aber auch der magenumdrehende Realismus, den Milos Forman im „Kuckucksnest“ inszenierte, ist nicht sein Ding. „I’m a Cyborg, But That’s OK“ ist hemmungslos auf der Seite der Patienten, macht aber auch klar, dass wir es mit psychischen Störungen zu tun haben, die Ursachen und Folgen haben, die eher nicht witzig sind.

Und deshalb changiert der Film auch ständig zwischen Comedy und Drama, lässt nichts aus, weder brutale Actioneinlagen, noch schräge Musiknummern. Und je länger er läuft, desto wohler fühlt man sich und nach etwa einer Stunde, wenn die Geschichte zusehends Konturen bekommt, wenn man Verständnis für die Figuren entwickelt hat, gerät man in einen Sog, der einen bis zum wunderbaren Ende trägt, das so nüchtern wie poetisch ist.


Batterie voll – das Cyborg-Mädchen hat Strom getankt.

Für Park war „I’m a Cyborg, But That’s OK“ wohl eine Art Befreiungsschlag, denn er wiederholte sich nie mehr. „Oldboy“ war abgehakt. Er war im Arthouse-Kino angekommen, und dort wollte er auch bleiben, „Durst“ (2009), „Stoker“ (2013) und „Die Taschendiebin“ (2016) machten das unmissverständlich klar. Eigenwillige, bizarre, seltsame Filme, technisch perfekt, rätselhaft, „artsy“ bis zum Anschlag.

Capelight hat „I’m a Cyborg, But That’s OK“ nun in einem wunderbaren Mediabook herausgebracht, das keine Wünsche offenlässt. Blu-ray, DVD, Bonusmaterial (Interviews, Deleted Scenes, Making-Of und etliches mehr. Plus Booklet mit einem Essay von Marco Heiter, der einige sehr interessante Gedanken zu dem Film entwickelt.) Da merkt man erst so richtig, was einem bei Streamingdiensten fehlt! (Alternativ gibt es die DVD auch einzeln.)

I’m a Cyborg, But That’s OK • Südkorea 2006 • Regie: Park Chan-wook • Darsteller: Lim Soo-jung, Rain u.v.a.

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