20. August 2018 5 Likes

Vietnam im All

Die Comic-Adaption von Joe Haldemans „Der ewige Krieg“

Lesezeit: 4 min.

Joe Haldeman war Mitte zwanzig als er nach Vietnam geschickt wurde und dann verwundet (und mit einem Purple Heart) nach Hause kam. Seine Kriegserlebnisse verarbeitete er in einem der berühmtesten Romane, die das Genre hervorgebracht hat: „The Forever War“ (1974).

Der Autor berichtete später mit gewissem Galgenhumor, dass das Skript von über einem Dutzend SF-Verlagen abgelehnt wurde, ehe es beim „Mainstream“-Verlag St. Martin’s Press unterkam. Auch die Vorveröffentlichung im „Analog Magazine“ fand erst statt, nachdem Haldeman massive Veränderungen zugestanden hatte – der damalige „Analag“-Redakteur Ben Bova entfernte praktisch den Mittelteil des Romans (in dem der Protagonist nach der ersten „Tour“ im All auf eine dystopische Erde zurückkehrt, die er kaum wiedererkennt), weil er meinte, diese Passage sei zu deprimierend für die Leserschaft seines Blattes. Bova war es aber auch, der Haldeman an St. Martin’s Press vermittelte.


Die Comic-Adaption von Marvano in drei Bänden und die Gesamtausgabe in einem Band

„The Forever War“ wurde auch in der gekürzten Fassung ein großer Erfolg, der sich auch darin zeigte, dass der Roman drei große Genre-Preise gewann, den Nebula, Hugo und Locus Award. Spätere Ausgaben enthielten dann auch Haldemans bevorzugte (längere) Fassung, der auch die aktuelle deutsche Übersetzung (im Shop) zugrunde liegt.

Haldeman erzählt die Geschichte von William Mandella, einem der ersten Soldaten, der in einem interstellaren Konflikt kämpft. Doch Haldemans Szenario kennt keinen Überlichtantrieb. Die Raumschiffe transportieren die Figuren an der Grenze der Lichtgeschwindigkeit zu den Kriegsschauplätzen, weswegen für sie aufgrund der Zeitdilation wenig Zeit vergeht, während um sie herum Jahrzehnte verstreichen. Bereits nach dem ersten Einsatz kehrt Mandella in eine ihm fremd gewordene Welt zurück und jeder weitere Einsatz verschlimmert den Effekt. Ganz abgesehen davon, dass auch der Krieg selbst zu einem absurden Stück wird, weil zum Beispiel gegnerische Einheiten aufeinandertreffen, die aus völlig verschiedenen Epochen stammen. Und nicht zuletzt machen die Einsätze über Raum und Zeit hinweg menschliche Beziehungen schwierig bis unmöglich.

Haldemans Roman traf einen Nerv und hat bis heute wenig von seiner Kraft verloren, auch wenn die Zeitangaben mittlerweile seltsam wirken – schließlich begann gegen Ende der 1990er kein Krieg gegen die Tauren. Einer, den der Stoff ebenfalls fasziniert hat, war der Belgier Marvano (Mark van Oppen), der 1988/89 in enger Zusammenarbeit mit Haldeman eine Comicadaption anfertigte, die locker auf einer Stufe mit dem Original steht und geradezu ein Musterbeispiel ist für eine gelungene Übertragung in ein anderes Medium.

Marvano hatte Haldeman schon 1980 auf dem Beneluxcon angesprochen, wo der Amerikaner als Ehrengast anwesend war, und ihm die Idee einer Comicadaption unterbreitet. Doch erst 1987 auf dem Worldcon in Brighton nahm das Projekt konkret Gestalt an. Was dann in drei Bänden (zusammen knapp 150 Seiten) beim französischen Verlag Dupuis erschien, war schlicht atemberaubend. Der Belgier blieb der Vorlage weitgehend treu, dampfte sie nur etwas ein und entschied sich praktisch immer für die richtigen Szenen aus der Vorlage, die er grafisch mit maximalem Effekt umsetzte. Entscheidende Hilfe dabei war wohl Frank Millers berühmter Batman-Vierteiler „The Dark Knight“, der 1986 erschienen war und ganz offensichtlich eine Art Augenöffner für Marvanos Herangehensweise ans Storytelling gewesen sein muss. Von Miller übernahm Marvano verschiedene Techniken zur Straffung von Zeit, die Raum schufen, um einzelne wichtige Momente der Handlung breit und spektakulär präsentieren zu können. Ein Wechselspiel zwischen sehr kleinen komprimierten Bildern (gerne TV-Ausschnitte und „Talking Heads“) und großzügig inszenierten Sequenzen, die eher kurze Zeitabschnitte dehnte und damit ihre Bedeutung drastisch erhöhte.

Die Wirkung könnte größer kaum sein. Von der ersten Seite an zieht Marvano hinein in diese Geschichte, die noch immer fassungslos macht und durch die grafische Gestaltung noch gewinnt an Durchschlagskraft, Elegie und Grandeur. Die emotionale Wucht, die sich entfaltet, je wahnsinniger die Ereignisse werden, ist bis auf den heutigen Tag in jeder Beziehung einzigartig. Die Adaption macht Haldemans Roman natürlich nicht überflüssig, aber sie ist eine bestechende Alternative, zu der man ohne Bedenken greifen kann. Und für Leute, die Haldemans Roman kennen und schätzen ist der Comic eine spannende und zwingende Interpretation und/oder Ergänzung, die die Bedeutung der Vorlage nur unterstreicht.

Die deutsche Gesamtausgabe der Adaption ist vergriffen und antiquarisch nur relativ teuer zu bekommen. Wesentlich leichter und günstiger ist es, die deutsche Erstausgabe in drei Bänden antiquarisch zu erstehen. Alternativ gibt es natürlich die lieferbare französische Gesamtausgabe (Dupuis), und seit Kurzem ist auch eine englischsprachige Gesamtausgabe des Comics beim britischen Verlag Titan erhältlich. Letztere ist auch digital zu bekommen.

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