Das rote Herz der Zukunft
Kim Stanley Robinsons Mars-Trilogie heute
Als Kim Stanley Robinson Mitte der 1990er Jahre seine monumentale Mars-Trilogie veröffentlichte – Roter Mars (1992; im Shop), Grüner Mars (1993; im Shop) und Blauer Mars (1996; im Shop) –, schien das 21. Jahrhundert noch weit entfernt, die Vorstellung einer bewohnbaren Nachbarwelt ein Thema für Visionäre. Doch was Robinson damals schuf, wirkt heute – im Zeitalter von SpaceX, Terraforming-Plänen und Mars-Rovern – nicht wie Science-Fiction, sondern wie prophetische Chronik einer Zukunft, die bereits begonnen hat.
Robinson, 1952 in Illinois geboren und promoviert in englischer Literatur, gehört zu den wenigen Science-Fiction-Autoren, die mit literarischem Ehrgeiz wie mit naturwissenschaftlicher Genauigkeit schreiben. Seine Mars-Trilogie ist kein Abenteuerroman im All, sondern eine politische, ökologische und philosophische Versuchsanordnung. Hundert Kolonisten, die sogenannten „Ersten Hundert“, landen auf dem Mars, um dort die Grundlagen einer neuen Welt zu legen. Was folgt, ist ein Epos der Ideen: die Auseinandersetzung zwischen den „Roten“, die den Planeten in seiner Unberührtheit bewahren wollen, und den „Grünen“, die ihn terraformen möchten – bevölkerbar, bewohnbar, verdorben durch Leben.
„Roter Mars“ erzählt den heroischen Beginn – die Landung, den Aufbau der ersten Siedlungen, die Euphorie einer Pioniergesellschaft. „Grüner Mars“ entfaltet das Drama der Transformation: politische Spannungen, Revolutionen, ökologisches Experimentieren. „Blauer Mars“ schließlich mündet in einen neuen Gesellschaftsvertrag, der versöhnlich, aber nicht utopisch ist – eine Welt zwischen Kontrolle und Chaos, zwischen Mensch und Natur, zwischen Erde und Himmel.
Robinsons Erzählen ist episch und essayistisch zugleich. Er entwirft ein realistisches Panorama der Wissenschaft, ohne die große Erzählung vom menschlichen Streben preiszugeben. Seine Figuren – Ann Clayborne, Sax Russell, Hiroko Ai – sind keine Helden, sondern Träger von Ideen, Verkörperungen von Ethik und Zweifel. Der Romanzyklus ist damit weniger „Weltraumoper“ als eine vielstimmige Meditation über Fortschritt, Verantwortung und die fragile Symbiose von Technik und Ökologie.
Aus heutiger Sicht – in einer Zeit, in der Elon Musk von Marskolonien träumt und Geoengineering als Lösung des Klimawandels diskutiert wird – liest sich die Trilogie wie eine politische Versuchsanordnung für das Anthropozän. Robinson hat den Mars nicht als exotischen Fluchtpunkt entworfen, sondern als Spiegel der Erde: jeder Stein, jede Alge, jede Entscheidung dort verweist auf unser eigenes Dasein hier.
So ist die Mars-Trilogie kein nostalgisches Zukunftsbild, sondern eine Warnung und eine Hoffnung zugleich. Sie bleibt das große literarische Projekt einer möglichen Menschheit – die Geschichte nicht davon, wie wir den Mars bewohnen könnten, sondern ob wir lernen, eine Welt – jede Welt – zu bewohnen.
Kim Stanley Robinson: Roter Mars • Roman • Aus dem Amerikanischen von Winfried Petri • Heyne, München 2025 • 816 Seiten • Erhältlich als Taschenbuch, Paperback und eBook • Preis des Taschenbuchs: 16,00 € • im Shop
Kim Stanley Robinson: Grüner Mars • Roman • Aus dem Amerikanischen von Winfried Petri • Originaltitel: „Green Mars“ • Wilhelm Heyne Verlag • Taschenbuch: € 16,– (im Shop) • Auch erhältlich als Paperback und E-Book
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