25. Februar 2026

„Wiedersehen mit Comanche“ von Romain Renard

Wenn aus Nostalgie magischer Realismus wird

Lesezeit: 2 min.

Ein alter Revolvermann wird mit der Gegenwart und der Vergänglichkeit des Lebens und einer Ära konfrontiert, herausgerissen aus seinem isolierten Dasein irgendwo in einer einsamen Waldhütte ausgerechnet von einer Hochschwangeren, die einen Artikel über den „alten Westen“ schreiben will, in dem er, „Red Dust“, eine Art Legende war. Es folgt ein Road Trip zurück zu der Ranch in Wyoming, die sein damaliger Lebensmittelpunkt war, und zu der jeder Kontakt abgebrochen ist. Wir befinden uns im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts, dem Amerika, das John Steinbeck z.B. in „Grapes of Wrath“ ein Denkmal gesetzt hat, Stichwort: Great Depression.

Wiedersehen mit Comanche“ von Romain Renard ist also zunächst einmal eine Story aus der Kategorie „Was ist aus dem Held von damals geworden?“, also eine verkappte Nostalgie-Veranstaltung, die auf eine Comic-Serie zurückgreift, die vor allem in den 1970ern eine Art leichterer Gegenentwurf zum etwas anstrengenden Überwestern „Blueberry“ von Jean (Moebius) Giraud und Michel Charlier war. „Comanche“ von Geg und Hermann wollte weit weniger und hat wohl gerade deshalb so viele Fans gefunden, die einfach nur eine gut erzählte, bunte Pferdeoper suchten, die einen in eine andere Zeit entführte. Daran knüpft Renard in seinem Comic-Roman an und weist schon durch ein äußeres Stilmittel darauf hin, dass es so bunt nicht wird. Denn die gut 150 Seiten kommen in höchst gediegenem Schwarzweiß daher, das nicht nur einen gewissen kunstigen Ernst signalisiert, sondern auch, dass es keinen Blick durch die rosarote Brille aufs Gestern geben wird. Auch ansonsten setzt sich Renard von Hermanns damaligem zeichnerischen Ansatz durch massiven Einsatz von Fotoreferenzen ab, was konservative Comicfans vielleicht nicht so mögen werden.

Das Faszinierende an „Wiedersehen mit Comanche“ ist nun, dass Red Dust zwar auch von alten Geistern in Gestalt jener Männer verfolgt wird, die er getötet hat (sicher der ödeste Aspekt des Buches), vor allem aber von der Gegenwart und der Zukunft. Denn der „alte Westen“ mag tot sein, der „neue“ wirkt aber auch nicht gerade lebendig. Renard verkneift sich ein „früher war alles besser“, deutet jedoch ein „ab jetzt wird alles noch beschissener“ mehr als nur an. Denn die Landschaft, durch die Red Dust und die Reporterin in spe fahren, nimmt zunehmend apokalyptische Züge an. Und nicht nur das. Auch die Anachronismen werden mehr, die Relikte aus Zeiten, die noch gar nicht begonnen haben. Das verleiht dem Band viel magischen Realismus und eine Relevanz, mit der nicht unbedingt zu Rechnen war. Ja, das ist auch die Suche nach einem verlorenen Traum, einem Leben und einer Ära, die es jenseits von Hollywood und Groschenromanen nie gegeben hat, symbolisiert auch durch Comanche, jener Frau, die in der ursprünglichen Serie trotz ihrer Rolle als Titelfigur kaum eine Rolle gespielt hat, und hier endgültig zum Fluchtpunkt einer Sehnsucht wird, die unheilbar und unerreichbar mit diesem Land verknüpft ist.

Romain Renard: Wiedersehen mit Comanche • Comic-Roman • Aus dem Französischen von Anne Bergen • 150 Seiten • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • Hardcover • 35,00 €

Kommentare

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.
Sie benötigen einen Webbrowser mit aktiviertem JavaScript um alle Features dieser Seite nutzen zu können.