Detektive, Monarchen und Jobvermittler
Phantastik-Comic-Neuheiten im Mai
Nele Jongeling untersucht in einer Mediensatire unser Verhältnis zur Arbeit, Ville Ranta lässt einen Märchenkönig an sich selbst verzweifeln, und Benoit Dahan schickt Sherlock Holmes auf Monsterjagd nach Schottland.
Nele Jongeling: Ich will nicht arbeiten
Im Neoliberalismus ist individualisierte Selbstverantwortung das Maß aller Dinge. Wer keine Arbeit findet, ist selbst schuld; wer seine Arbeit verliert, gab sich zu wenig Mühe; wer zu wenig verdient, hat falsche Prioritäten gesetzt; wer Arbeit ablehnt, schadet der Volkswirtschaft. Es braucht all diese internalisierten Denkbewegungen, damit die strukturelle Ungleichheit nicht zu einem solidarischen Aufbegehren führt. Wo Armut und Reichtum bloß eine Frage der individuellen Motivation sind, gibt es weder systemische Grenzen, die den Aufstieg verhindern, noch Verantwortliche, die sozialen Wandel politisch unterdrücken, und je rechter die Zeiten, desto mehr wird diese brutale Arbeitsideologie durchgesetzt. Nele Jongeling hat in ihrer Mediensatire „Ich will nicht arbeiten“ diese Stimmung niedergezeichnet und bietet ganz tagesaktuell Friedrich Merz Paroli. Die Kandidaten der TV-Show „Projekt Traumjob“ müssen unter Beweis stellen, dass sie den Preis, den Job in spe, auch wirklich wollen und sind darum zu allen möglichen Demütigungen, die niemand mehr als solche erkennt, bereit. Zugleich geben sich sie sich nicht vollends dem Konkurrenzdruck hin – sonst wäre die Erzählung nur eine weitere rabiate Dystopie unter vielen. Die Figuren knüpfen Beziehungen untereinander, sprechen über Ängste und erhalten durch die Gespräche vor der Kamera eine psychologische Tiefe, sodass kein sozialdarwinistisches Setting in den Fokus rückt, sondern immer das Konzept Arbeit den roten Faden bildet. Das lässt Raum für Veränderung, aber nicht für ein Happy End, dafür ist die Story viel zu ehrlich.
Nele Jongeling: Ich will nicht arbeiten • Reprodukt, Berlin 2026 • 304 Seiten • Klappenbroschur • 29,00 Euro
Ville Ranta: Wie der König den Kopf verlor
Ville Ranta ist der bekannteste Karikaturist Finnlands, was ihn nicht davon abhält, regelmäßig auch Graphic Novels zu zeichnen. Zuletzt übersetzte Reprodukt im vergangenen Jahr Rantas Abrechnung mit dem französischen Comicbetrieb „Wie ich Frankreich erobert habe“, ein Rückblick auf seine frühen Versuche in den nuller Jahren auf dem dortigen Markt Fuß zu fassen. Die lustigen Begegnungen mit Schwadroneuren und Großmäulern brachen sich an Rantas Selbstkritik, die eigenen Karriereziel rüde auf dem Rücken seiner zurückgelassenen Familie durchgesetzt zu haben, und gewissermaßen schließt die jetzt erschienene vordergründige Märchen-Parodie „Wie der König den Kopf verlor“ daran an. Denn dass der titelgebende König, dessen Schloss aus dem letzten Loch pfeift, seine zunächst noch witzige Sinnkrise, unter der seine desinteressierten Töchter und seine als Hofnärrin auftretende Frau zu leiden haben, einer Verbindung aus Narzissmus und früherem Fehlverhalten verdankt, ist die düstere Finte des Plots, der die Märchen- und Fantasy-Elemente dazu nutzt, allerlei Erscheinungsformen toxischer Männlichkeit durchzuspielen.
Ville Ranta: Wie der König den Kopf verlor • Reprodukt, Berlin 2026 • Hardcover • 176 Seiten • 26,00 Euro
Cyril Lieron, Benoit Dahan: Im Kopf von Sherlock Holmes Teil 1
In 56 Kurzgeschichten und vier Romanen hat Arthur Conan Doyle Sherlock Holmes auftreten lassen und damit eine archetypische Detektiv-Figur geschaffen, die eine gigantische Industrie am Laufen hält. Schwierig, zwischen all den Adaptionen, Remakes, Reboots und Sequels in den noch entlegensten popkulturellen Randgebieten noch eigene Akzente zu setzen. Aber der französische Zeichner Benoit Dahan überwältigt mit einer eigenständigen visuellen Pracht, dass daraus ein methodischer Ansatz von eigener Güte erwächst. Wie schon im Vorgänger-Doppelband ist es Holmes‘ Denkapparat selbst, den Dahan und Autor Cyril Lieron in Beziehung zum Fall setzen; der Titel der Reihe ist keine Metapher, sondern wörtlich zu verstehen. Hier nun verschlägt es Holmes und Watson in ein abgelegenes schottisches Dorf am Loch Leathan, wo ein sektenartiger Kult und eine Nessie ähnelnde Kreatur für Schrecken sorgen. Und nimmt die Geschichte anhand eines mysteriösen Briefes, der Holmes zugespielt wird, erst ihren Anfang, gibt’s für Dahan kein Halten mehr: Dann fährt auf einer Doppelseite ein Zug wie eine Modelleisenbahn die als Stationen angeordneten Indizien ab und wird von Holmes mit Informationen beladen oder die Panelaufteilung einer Seite ergibt in ihrer Gesamtheit ein Pentagramm, um die satanistischen Absichten der Sekte klarzustellen. Auch die Leser*innen (und das Lektorat!) sind gefordert: Eine wichtige Nachricht lässt sich erst entschlüsseln, indem man die Seite gegen das Licht hält, weil die Buchstaben andernfalls von schwarzen Balken verdeckt sind, und an anderer Stelle müssen zwei Seiten exakt aneinandergelegt werden, sodass sich aus den Texten der Vorderseiten neue Wortkombinationen ergeben. Hier triumphiert die Form über den Inhalt zur Abwechslung mal aus gutem Grund.
Cyril Lieron, Benoit Dahan: Im Kopf von Sherlock Holmes. Teil 1: Der Albtraum von Loch Leathan • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 48 Seiten • Hardcover • 18,00 Euro
Suehiro Marou: Doktor Inugami
Für „Doktor Inugami“ taucht Mangaka Suehiro Marou tief in die japanische Folklore für recht deftige Horrorgeschichten. Das Prinzip dieser Storys ist meist sehr ähnlich: Doktor Inugami erscheint vor Figuren, denen von einem Zauber oder anderen bösartigen Figuren arg zugesetzt wird, und rettet, was noch zu retten ist – dann heißt es nicht kleckern, sondern klotzen, denn die Grausamkeit der Szenen ist von gehobener japanischer Drastik. Im Nachwort entschlüsselt der Kulturanthropologe Kazuhiko Komatsu die Tradition der blutigen Bilder, in der sich Marou bewegt, ebenso wie die mythologischen Bezüge, die er in den vorliegenden Geschichten verarbeitet hat. Dann splattert es sich doch viel reueloser.
Suehiro Marou: Doktor Inugami • Reprodukt, Berlin 2026 • 192 Seiten • Flexicover • 20,00 Euro
Abb. ganz oben aus Nele Jongelings „Ich will nicht arbeiten“, Reprodukt
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