1. Juli 2026

„The Lure of the Image“ – Schöner Schein

Eine Berliner Ausstellung untersucht Möglichkeiten und Missbrauch von Bildern im Internet

Lesezeit: 3 min.

Über fünf Milliarden Fotos werden weltweit jeden Tag gemacht, in jeder Sekunde über 60.000, eine wahnwitzige Anzahl, die dann auch noch zu weiten Teilen im Internet wuchert und durch das Speichern in Cloud-Servern enorme Energie verbraucht. Einfach nur für sich stehen dabei die wenigsten Bilder, stattdessen wird mit ihnen getäuscht und gelogen, dienen sie als Basis von Memes und Fake News, zur Manipulation und Verführung.

Genau darum geht es in einer Ausstellungen im Fotokunstmuseum c/o Berlin: The Lure of the Image (bis 2. September), die Verlockung der Bilder untersucht in 14 künstlerischen Positionen, wie im Internet mit Bilder kommuniziert und manipuliert wird, wie Bilder, aus ihrem ursprünglichen Kontext losgelöst, ein Eigenleben entwickeln.

Als visuelle Kurzform etwa, als emoji, die auch aber nicht nur in autokratischen Regimen etwas andeuten, das nicht direkt gesagt werden darf. Viktoria Binschtok untersucht in ihrer Foto-Serie Digital Semiotics die Doppeldeutigkeit bestimmter Symbole, nicht zuletzt die Wassermelone, die im Zuge des Nahostkonfliktes als Solidaritätsbekundung für die Sache der Palästinenser bekannt wurde – und dadurch sicher bisweilen zu Missverständnissen führte, wenn ein ganz harmloses Foto der Frucht plötzlich als tendenziöse Meinungsäußerung gesehen wurde.


Joiri Minaya, aus #dominicanwomengooglesearch, 2016 © Joiri Minaya, Foto: Maxime Boisvert (auch Bild ganz oben)


Ellie Wyatt, cherrypicker, 2021, Videostill © Ellie Wyatt

Missverständnisse gibt es Online ohnehin viele, angesichts der Bilderflut findet sich für jedes Grüppchen Verschwörungstheoretiker genug Futter, um dies oder jenes scheinbar felsenfest zu beweisen. Von diesem Cherrypicken, auf Deutsch etwa „sich die Rosinen herauspicken“, handelt Ellie Wyatts Arbeit, die in rasanter Montage unzählige Bilder zusammenschneidet, auf denen Menschen Aliens, UFOs oder Verbrechen entdeckt zu haben meinen: Je undeutlicher die Bilder, je verpixelter die Aufnahmen, um so größer der Interpretationsspielraum. Als Projektionsmaschine funktioniert das Internet ausgezeichnet, angesichts der Unmengen Bilder findet sich garantiert immer etwas Passendes.

Das Bilderfluten bisweilen auch einen positiven Effekt haben können, dokumentiert die Arbeit von Zoé Aubry, deren Titel #Ingrid, sich auf eine junge mexikanische Frau bezieht, die von ihrem Mann brutal ermordet wurde. Als die Polizei ihre Leiche fand, wurde das Opfer selbst für ihren Tod verantwortlich gemacht, googelte man ihren Namen, fand man zuerst verstörende Aufnahmen ihrer Leiche. Was Aktivisten auf den Plan brachte, die das Netz unter dem Hashtag „Ingrid“ mit Bildern von schönen Landschaften und Blumen fluteten, so dass Suchmaschinen irritiert wurden.


Noura Tafeche, aus Annihilation Core, Inherited Lore ٩(๏͡ ๏̯͡ )۶, 2023– © Noura Tafeche


Dina Kelberman, The Wave, 2025, Videostill
© Dina Kelberman

Ausnahmeweise eine positive Form der Manipulation der Algorithmen, die ansonsten meist eher Konformität belohnen. Oder sich im exzessiven, schier unendlichen Wandel und der Suche von Neuem ergehen. An Andy Warhols berühmten Spruch von den 15 Minuten Ruhm lehnt sich die Arbeit In the Future, Everything Will Be a Trend for 15 Seconds des Künstlerduos Freel × Lynski an. In einem unendlichen Loop werden Gesichter gezeigt, die im Stile des berühmten Michael Jackson-Vidoes „Black or White“ ineinanderfließen und einen Strom der Beliebigkeit erzeugen.

Die Techniken der Bildmanipulation sind inzwischen auch im Amateur-Bereich so gut, das ein Maß an Perfektion erreicht (und oft auch erwartet wird), das eigentlich bald die Forderung nach Authentizität folgen müsste – wenn man denn noch sagen könnte, welche Bilder tatsächlich echt sind. Eine Frage, die sich im längst angebrochenen Zeitalter der KI noch stärker stellen wird, aber vielleicht sind wir alle ohnehin längst so sehr im Netz gefangen, dass eine Rettung nicht mehr möglich ist.

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