16. Oktober 2018 1 Likes 1

Gute Reise, Binti!

Nnedi Okorafors preisgekrönte „Binti“-Novellen in einem Sammelband

Lesezeit: 3 min.

Ihre literarischen Werke machten die amerikanische Science-Fiction-Autorin Nnedi Okorafor zum Aushängeschild des gegenwärtigen Afrofuturismus. Kein Wunder: Ihre Geschichten ticken einfach ganz anders als die der Konkurrenz, da Okorafors bemerkenswerte Texte von den afrikanischen Wurzeln und den Mythen ihrer aus Nigeria stammenden Familie durchdrungen sind. Während die 1947 geborene Okorafor aktuell immer mehr Comics für die großen US-Verlage um Marvel schreibt und George R. R. Martin (im Shop) die HBO-Fernsehserienadaption ihres Romans „Wer fürchtet den Tod“ produzieren wird, hat Cross Cult die drei zunächst als E-Books veröffentlichten „Binti“-Novellen „Allein“, „Heimat“ und „Nachtmaskerade“ gerade in einem Printsammelband zusammengetragen, der wie gewohnt mit einem Titelbild von US-Künstler Greg Ruth daherkommt.


Foto: Cheetah Witch,
Dezember 2009/Wikipedia

In „Binti“ erzählt die von GRRM, Ursula K. Le Guin (im Shop) und Neil Gaiman gleichermaßen gepriesene Okorafor die futuristisch-afrikanische Geschichte von Binti Ekeopara Zuzu Dambu Kaipka. Die hochbegabte Harmonisiererin und Befriederin, die mithilfe von verästelten mathematischen Gleichungen meditiert und ihre innere Mitte sucht, verlässt als erstes Mitglied ihres traditionsbewussten Stammes ihre Heimat am Rand der Wüste Namib, um zu den Sternen aufzubrechen und an einer berühmten Universität auf einem anderen Planeten zu studieren. Doch kaum dass sie der Engstirnigkeit, dem Traditionalismus und dem Rassismus ihrer Mitmenschen entkommen ist, wird sie in den Weiten der Galaxie mit denselben Problemen konfrontiert – und sogar mit einem Krieg zwischen den irdischen Erzfeinden ihres eigenen Volkes und den quallenartigen, tödlichen Medusen-Aliens. Es scheint, als könne Binti, der das Händchen für die Informations- und Kommunikations-Technologie der Astrolabien quasi in die Wiege gelegt wurde, manchen Dingen einfach nicht entkommen …

Auf den Seiten aller drei zusammenhängenden Novellen, die im Original ursprünglich online veröffentlicht wurden, klebt Okorafor wieder einmal an ihrer Protagonistin. Den Leser erwartet deshalb eine eindrucksvolle Lektüre – eindrucksvoll in dem Sinn, dass man alle Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken Bintis geradezu ungefiltert mitkriegt und teilt. Die erste Erzählung, die Bintis Aufbruch ins All und ihre dramatische Reise an Bord eines lebendigen Garnelenraumschiffes schildert, wurde mit dem Hugo Award und dem Nebula Award ausgezeichnet, dazu kamen Nominierungen für den British Fantasy Award und den Locus Award. Mit dem Plot und dessen Umsetzung lässt sich das nur unbedingt erklären, sehr wohl jedoch mit der ideenreichen Anmutung sowie der Verarbeitung des wichtigen Themas der kulturellen Identität, die sich im Aussehen, im Denken und selbst im Hass und im Krieg zeigen kann. Und natürlich sind Okorafors afrikanisch geprägte Science-Fiction- bzw. Science-Fantasy-Gemische immer von einer berauschenden, faszinierenden Andersartigkeit erfüllt. Trotzdem, und trotz aller Preise, kann Bintis Geschichte einen oft nicht genug packen, wirken die Handlung und die Szenen nicht zwingend genug, egal wie viel Schönes oder Bedeutsames man zwischendurch findet. Hin und wieder muss man sich förmlich von einer außergewöhnlichen Szene zur nächsten hangeln und zum Dranbleiben zwingen.

Als Genre-Fan freut man sich letztlich vor allem darüber, dass Cross Cult jetzt schon vier Bücher Nnedi Okorafors von Claudia Kern übersetzen ließ – wer noch nie etwas von Frau Okorafor gelesen hat und nach ihrem Auftritt in George R. R. Martins Kielwasser (s.u.) bei der diesjährigen Verleihung der Emmy Awards mal in ihr Schaffen eintauchen möchte, greift besser zu „Das Buch des Phönix“, das nicht umsonst mit dem deutschen Kurd-Laßwitz-Preis bedacht wurde.

Nnedi Okorafor: Binti • Cross Cult, Ludwigsburg 2018 • 400 Seiten • Paperback m. Klappenbroschur: 18,00 Euro

Kommentare

Bild des Benutzers Time Tunnel

Interessant. Ich würde es genau umgekehrt empfehlen. "Binti" fand ich großartig, vor allem die erste Novelle, und die Entwicklung, die Binti durchmachen muss, war faszinierend, während "Das Buch des Phönix" mir dagegen irgendwie zu ruppig, zu holzhammermäßig, zu inkonsistent war.

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