„Der König in Gelb“ von Robert W. Chambers – ein Weird-Fiction-Klassiker in neuer Ausgabe
Gelbe Zeichen, schwarze Sterne und die böse grinsende Sonne
In „Form und Leere“, der achten und letzten Episode der ersten Staffel der Neo-Noir-Anthologieserie True Detective (2014), betreten die Ermittler Rust Cohle und Marty Hart nach siebzehnjähriger Mordserien-Spurensuche endlich jenes bizarre, einer organischen Riesenskulptur oder Rauminstallation gleichende Labyrinth, das dessen Schöpfer – die ultimative Inkarnation des amerikanischen Serienkillers mit Hinterwäldler-Provenienz namens Errol Childress – Carcosa nennt und in dessen Zentrum der aus Menschenknochen, Geäst und Stofffetzen konstruierte Gelbe König auf seinem Thron hockt.
Der Drehbuchautor dieses hybriden Mystery-Albtraums, dessen Krimi-Fundament mit dem Okkulten sowie einer weltlich-nihilistischen Variante kosmischen Horrors überbaut ist, heißt Nic Pizzolatto. Carcosa und der Gelbe König (oder König in Gelb) sind seit immerhin 1886 bzw. 1895 als metafiktive Großkaliber in unserer Welt, jedenfalls in jenen Territorien, wo die Tradition der Weird Fiction gepflegt wird. Pizzolatto setzt in diesem Staffelfinale nicht nur jene abstrakten Chiffren ins Bild, die den latent beunruhigenden Vibe von True Detective markieren, sondern erschafft damit die wahrscheinlich markanteste Visualisierung dieses fiktiven Ortes und der mit ihm in vager Verbindung stehenden enigmatisch-unheimlichen Gestalt, die es in der populären Genre-Kultur bislang gegeben hat.
Was fraglos eine würdigungswerte Leistung darstellt und es darüber hinaus umso lohnenswerter macht, einen Blick auf die ursprüngliche, hinter der Form lauernde Leere zu werfen, nämlich Robert William Chambers (1865-1933) Kurzgeschichtensammlung Der König in Gelb, erstmals erschienen 1895 und nun in attraktiver Ausgabe und einer Neuübersetzung für schmales Geld frisch verfügbar (im Shop).
Es spricht bereits einiges für die zeitlose Durchschlagskraft von (literarischen) Kunstwerken, wenn ihr Kanon-Status sich über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte hinweg bewährt. Noch ein bisschen mehr spricht dafür, wenn das, was sie an Stoffen oder Motiven hervorgebracht haben, immer wieder an unvermutetem Ort, in späteren Kunstwerken, als Referenz, Zitat, Blaupause oder Pastiche auftaucht. Besonders bemerkenswert wird es allerdings dann, wenn jene Motive, die sich weitertragen, in der jeweiligen Quelle gar nicht ausformuliert werden, sondern dort nur als angedeutete Chimären oder signifikante Leerstellen auftauchen – Carcosa und der König in Gelb bleiben weitgehend Namen, Bezeichnendes für ein nicht näher Bezeichnetes. Noch dazu hat sich Chambers seinen fiktiven Ort (Stadt? Land? Kontinent? Parallelwelt?) von seinem etwas älteren Zeitgenossen Ambrose Bierce (im Shop) geliehen, dessen Erzählung Ein Bewohner von Carcosa 1886 veröffentlicht wurde – „so vernachlässigt, verlassen, vergessen [schien] der Ort, daß ich mich unwillkürlich für den Entdecker des Bestattungsorts einer prähistorischen Menschenrasse hielt, von der selbst der Name längst ausgelöscht war“, wie Bierces Ich-Erzähler seinen maßgeblich dem Bewusstsein von Leere hinter der Form geschuldeten Schauder aufs Lesepublikum überträgt.

Chambers füllt diese Leere nicht aus, lässt aber einige neblige Schlieren und Konturen aus ihr auftauchen, die seinem Entwurf fiktiver Historie, fiktiver Orte und natürlich fiktiver Gestalten eine metafiktionale und darin wahrhaft un-heimlich effektive Kontur verleihen. Bei Chambers ist der „König in Gelb“ ein nur auf Kosten der psychischen Stabilität lesbares Theaterstück, das unmittelbar in zwei Zitaten sowie einigen dunklen Paraphrasen präsent ist: „[…] ich kann Carcosa nicht mehr vergessen, wo schwarze Sterne am Himmel stehen […], und ich werde für immer die Erinnerung an die Bleiche Maske behalten.“ (S. 15) Maske, schwarze Sterne, Hastur, das Gelbe Zeichen und natürlich der König in Gelb – nichts als blanke, semantisch eher unverdächtige Wörter, die auf subtil-bedrohliche Weise wirklichkeitszerfressende Macht entfalten, zuallererst bei ihrem Schöpfer, jenem imaginären und unbekannt bleibenden Autor, der „sich erschossen [hat], nachdem er diese Monstrosität hervorgebracht hatte […].“ (S. 42)
Robert W. Chambers war New Yorker, neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit (etwa 70 Romane, Dramen, Gedichte und Kinderbücher) auch ein fähiger Maler und grafischer Künstler (der seinen Gelben König für eine frühe Coverillustration höchstpersönlich ins Bild setzte), studierte in Paris und führte sowohl dort als auch nach der Rückkehr in seine Geburtsstadt das Leben eines Bohemians. Dementsprechend urteilen Rein A. Zondergeld und Holger E. Wiedenstried in ihrem Lexikon der phantastischen Literatur (Stuttgart/Wien/Bern 1998) wenig generös, die zehn in Der König in Gelb gesammelten Geschichten seien „stilistisch triviale[…], die Gemeinplätze der Dekadenzliteratur vereinende[…] Erzählungen“, was bei H.P. Lovecraft (im Shop) in dessen Literatur der Angst (Frankfurt 1995) ein wenig malerischer nachtönt, wenn der Große Alte bei Chambers die Diagnose einer „manierierten Überspanntheit“ und „gallischen Atelieratmosphäre“ stellt. Lovecraft attestiert Chambers dabei immerhin „zweifellos beachtliche Höhen kosmischer Angst“ (Chambers’ Mutter war im Übrigen eine Nachfahrin des Gründers von Providence, Lovecrafts heißgeliebter Heimatstadt).

Der Buchmythologie des Königs in Gelb folgen nur die ersten vier dieser zehn Erzählungen konsequent – das eigentliche Frühwerk –, bevor das Unwirklich-Makabre langsam verklingt bzw. in den späteren, überwiegend Pariser Künstlerwelt-Vignetten vor Weltkriegshintergrund ausmalenden Geschichten nur noch stilistisch durchschlägt, dies im Zweifel, wie in „Die Straße der ersten Granate“, jedoch nicht zu knapp: „Ein eisiger Wind fegte von den Höhen herab und zerfetzte den Nebel. Einen Augenblick lang blickte die Sonne mit einem bösen Grinsen durch die kahlen Wälder von Vincennes, sank wie ein Blutklumpen in den Rauch der Batterie, tiefer und tiefer in die blutgetränkte Ebene.“ (S. 197) Allgemein bringt Chambers mit Vorliebe Neologismen und Synästhesien von stark assoziativem Effekt ins Spiel, wie „Sargwurm“ (S. 94) oder ein „Gemurmel wie dichter öliger Rauch aus einem Fettbottich oder der Geruch von übler Verwesung“ (S. 111). Absolute Höhepunkte bilden „Das gelbe Zeichen“ (eine Erzählung, die mehr als alle anderen klassische und durchaus drastische Horror-Tropen variiert) und die erste Geschichte namens „Der Wiederhersteller des Ansehens“, deren erstaunliche Bizarrerien auch in einem Text von Thomas Ligotti oder Harlan Ellison (im Shop) nicht fehl am Platze wären.
Doch auch der Rest ist äußerst lohnenswert – mindestens als Dokumentation der literarischen Entwicklung eines im besten Sinne eigenwilligen Schauerfantasten und spätschwarzromantischen Realisten, der es mit Jorge Luis Borges gesprochen geschafft hat, durch „die Interpolation einer Fiktion in eine andere Fiktion […] dafür zu sorgen, daß uns die Realität irreal erscheint […].“ („Wenn die Fiktion in der Fiktion lebt“, ein kurzer Essay von 1939). Wer wirklich an das Fantastische glaubt, dem wird durch Metafiktion nicht die Künstlichkeit der Fiktion, sondern die Brüchigkeit des Wirklichen vorgeführt – dank nicht zuletzt Robert William Chambers, dessen König in Gelb in makelloser Neuübertragung von Eva Brunner und Bernhard Kempen sowie einem so ansehnlichen wie haptisch entgegenkommenden Buchkörper abermals Gestalt annehmen darf. Errol Childress wird nicht der Letzte gewesen sein, der Carcosa nachbaut.
Robert W. Chambers: Der König in Gelb • Aus dem Englischen neu übersetzt von Eva Brunner und Bernhard Kempen • Anaconda Verlag, München 2025 • 288 Seiten • Hardcover • € 9,95 • im Shop
Robert W. Chambers: Der König in Gelb. Horrorgeschichten
Neu übersetzt. Der große Klassiker des übernatürlichen Horror und der Weird-Fiction.
Das frühe Meisterwerk der Weird Fiction & Vorbild für H. P. Lovecraft.
Wer das liest, verliert den Verstand – so ergeht es allen, die das Theaterstück »Der König in Gelb« auch nur zu Gesicht bekommen, denn das fatale Werk enthält eine grässliche Wahrheit. Dieser Klassiker der Horrorliteratur ist feinster Stoff für alle, die abgründiges Entsetzen lieben. Chambers’ zehn Geschichten erzählen von Wahnsinn, Liebe, Krieg und anderen welterschütternden Dingen. Sie haben Großmeister H. P. Lovecraft tief beeindruckt und stark inspiriert. Die vollständige Ausgabe aus dem Jahr 1895 erscheint hier in neuer Übersetzung.
Robert W. Chambers: Der König in Gelb • Roman • Aus dem Englischen von Bernhard Kempen • Anaconda, München 2025 • 288 Seiten • Erhältlich als Hardcover und eBook • Preis des Hardcovers: 9,95 € • im Shop
Kommentare