13. Mai 2022

Leseprobe aus „Die neue Wildnis“

In ihrem gefeierten Debüt setzt sich Diane Cook auf beeindruckende Weise mit dem Klimawandel und seinen Folgen auseinander

Lesezeit: 7 min.

Die Folgen der Erderwärmung bekommen wir inzwischen alle fast tagtäglich zu spüren. Ein Prozess, der – wie wir inzwischen wissen – sehr viel schneller voranschreitet als prognostiziert und der sich sehr viel schwerer aufhalten lässt als gehofft. Wie unsere Welt in wenigen Jahrzehnten aussehen könnte und was diese veränderte Welt für den Menschen bedeutet, macht sich die amerikanische Autorin Diane Cook Die neue Wildnis“ (im Shop) zum Thema. Ihr Romandebüt ist„der Klimawandel-Roman unserer Zeit“, urteilte die Jury des Booker Prize, für den „Die neue Wildnis“ nominiert war.

Wir freuen uns, Ihnen den Anfang des Romans als kostenlose Leseprobe zur Verfügung stellen zu können.

***

DAS BABY GLITT IN DER FARBE eines Blutergusses heraus. Bea sengte die Nabelschnur durch und wickelte sie von dem zarten Hals des Mädchens ab, und obwohl sie wusste, dass es sinnlos war, hob sie ihre Tochter hoch, tippte auf ihre weiche Brust und blies ein paar flache Atemzüge in ihren verschleimten Mund.

Um sie herum dehnte sich der eigenartige Gesang von Grillen aus. Beas Haut prickelte vor Hitze. Schweiß trocknete auf ihrem Rücken und Gesicht. Die Sonne hatte ihren Höchststand erreicht und würde, schneller, als richtig erschien, wieder sinken. Von der Stelle aus, an der Bea kniete, sah sie ihr Tal, seine geheimen Gräser und Sträucher. In der Ferne standen einsame Kuppen und etwas näher Erdhügel, die aussahen wie den Weg nach irgendwo weisende Steinmännchen. Am Horizont zeichnete sich klar und weiß die Caldera ab.

Bea grub mit einem Stock in dem harten Boden, dann mit einem Stein, schließlich schaufelte und glättete sie mit den Händen. Sie schob die Plazenta hinein. Danach das Mädchen. Das Loch war nicht tief, und der Bauch ihres Babys ragte heraus. An dem kleinen, von der Geburt nassen Körper hafteten grober Sand und winzige goldene Knospen, die durch die Sonnenhitze von ihren Stängeln gebröselt waren. Bea streute dem Säugling noch mehr Erde auf die Stirn, holte mehrere welke grüne Blätter aus ihrem Hirschlederbeutel und legte sie darauf. Von den Beifuß-Sträuchern um sich herum brach sie spröde Äste ab, deckte damit den aufgeblähten Bauch ab, die absurd schmalen Schultern. Das Baby war ein unförmiges Hügelchen aus Pflanzengrün, rostrotem Blut, einem trüb violetten Aderngeflecht unter feuchter Seidenpapierhaut.

Jetzt kamen die Tiere, die es gewittert hatten, allmählich näher. Am Himmel sank ein Zyklon von Bussarden herab, wie um die Fortschritte zu prüfen, und stieg dann mit einer Thermik wieder auf. Bea hörte den weichen Schritt von Kojoten. Sie schlängelten sich durch den blühenden Beifuß. Eine Mutter mit drei mageren Jungtieren tauchte im schartig geworfenen Schatten auf. Ein Jaulen sickerte aus ihrem teilnahmslosen Gähnen heraus. Sie konnten warten.

Wind regte sich, und Bea atmete die staubige Hitze ein. Sie vermisste den muffigen Geruch des Krankenhauszimmers, in dem sie Agnes vor mittlerweile wohl acht Jahren auf die Welt gebracht hatte. Das kratzige OP-Hemd, das sich über ihre Brust spannte und verwickelte, wenn sie versuchte, sich auf die eine oder andere Seite zu drehen. Die kühle Luft um ihre Hüften, zwischen ihren Beinen, wohin Arzt und Schwestern starrten, wo sie herumtasteten und Agnes aus ihr herauszogen. Damals hatte Bea das Gefühl gehasst. So exponiert, benutzt, tierhaft. Hier aber war alles Staub und heiße Luft. Hier hatte sie den kleinen Körper – war sie im fünften Monat gewesen? Im sechsten? Siebten? – mit einer Hand herausgeleiten müssen, während sie mit der anderen eine herabstoßende Elster abwehrte. Sie hatte allein sein wollen. Doch was hätte sie nicht für eine tastende Hand in einem Gummihandschuh gegeben, für umgewälzte Luft, brummende Apparate, ein frisches Laken statt dem Wüstenstaub. Etwas sterilen Trost.

Was hätte sie nicht für ihre Mutter gegeben.

»Haut ab«, zischte sie die Kojoten an und warf mit der Erde und den Steinchen nach ihnen, die sie gerade ausgegraben hatte. Aber sie legten nur die Ohren an, das Muttertier setzte sich, und die Jungen schnappten nach ihrer Schnauze, ärgerten sie. Wahrscheinlich hatte sie sich vom Rest des Rudels weggestohlen, um ihrem Nachwuchs einen Extrabissen zu verschaffen, oder um mit ihnen Aasfressen zu üben, Überleben zu üben. Das machten Mütter so.

Bea verscheuchte eine Fliege von den Augen des Babys, die anfangs erschrocken gewirkt hatten, es nicht geschafft zu haben, jetzt aber vorwurfsvoll. In Wahrheit hatte Bea das Kind nicht gewollt. Nicht hier. Es war falsch, es auf diese Welt zu bringen. Das hatte sie die ganze Zeit so empfunden. Doch was, wenn das Mädchen Beas Angst gespürt hatte und daran gestorben war, nicht gewollt zu sein?

Beas Kehle schnürte sich zu. »Es ist besser so«, sagte sie. Die Augen des Mädchens verdunkelten sich von den Wolken, die über ihnen herzogen.

Während einer Nachtwanderung, damals, als sie noch eine Taschenlampe und auch Batterien gehabt hatte, um sie zum Leuchten zu bringen, hatte sie einmal zwei Augen im Lichtkegel schimmern sehen. Sie hatte in die Hände geklatscht, um die Augen zu erschrecken, doch die senkten sich nur. Das Tier war groß, kauerte aber oder saß, und Bea befürchtete, es wollte sie angreifen. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, sie wartete auf das kalte Grauen, das sie zu dem Zeitpunkt schon mehrmals empfunden hatte. Ihren Sinn für Gefahr. Doch das Gefühl blieb aus. Sie ging näher. Wieder wurde der Blick gesenkt, flehentlich, wie bei einem gehorsamen Hund, nur gehörte er nicht zu einem Hund. Bea musste noch näher heran, ehe sie erkennen konnte, dass es ein Hirsch war, mit dem schrägen Rücken, den gespitzten Ohren, dem ergebenen Schwanzwedeln. Dann entdeckte sie ein weiteres Auge, klein, nicht auf sie gerichtet, sondern flackernd, wackelig. Der Hirsch hievte sich auf, und daraufhin taumelte auch das flackernde Auge hoch. Es war ein glänzendes Kälbchen auf zittrigen Zahnstocherbeinen. Bea hatte unwissentlich eine Geburt miterlebt. Lautlos in der Dunkelheit. Verstohlen wie ein Raubtier hatte sie sich an die Mutter angeschlichen. Und die Hirschkuh hatte in dem Moment nichts tun können, als ihren Kopf zu senken, als bäte sie darum, verschont zu werden.

Es gab nur weniges, was Bea sich in diesen Tagen zu bedauern gestattete, diesen unberechenbaren Tagen, ausgefüllt mit so schlichtem und brutalem Überlebenskampf. Doch sie wünschte, sie hätte in jener Nacht einen anderen Weg genommen, hätte nicht die Augen in ihrem Lichtstrahl gefunden, damit die Hirschkuh hätte gebären, das Junge beschnuppern und sauber lecken können, damit sie die Chance gehabt hätte, ihrem Kalb eine erste makellose Nacht zu schenken, bevor die Arbeit des Überlebens begann. Stattdessen war die Hirschkuh erschöpft weggetapst, das Kalb orientierungslos hinter ihr herstolpernd, und das hatte den Beginn ihres gemeinsamen Lebens dargestellt. Deshalb hatte Bea vor Tagen, als sie die Tritte und den Schluckauf und die Regungen nicht mehr gespürt und daher gewusst hatte, dass das Baby gestorben war, beschlossen, zur Geburt allein zu sein. Es war ihr einziger gemeinsamer Moment. Den wollte sie nicht teilen. Sie wollte nicht, dass jemand ihre eigene komplizierte Version von Trauer beobachtete.

Bea spähte zu der Kojotenmutter hinüber. »Du verstehst das, oder?«

Das Kojotenweibchen sprang ungeduldig auf und leckte sich die gelben Zähne.

Von einem weit entfernten niedrigen Grat, einem Ausläufer eines Gebirgsausläufers, ertönte ein freudloses Heulen; ein aufmerksamer Wolf hatte die Aasvögel entdeckt, signalisierte Beute.

Sie musste gehen. Die Sonne verschwand. Und jetzt wussten die Wölfe Bescheid. Bea hatte beobachtet, wie ihr eigener Schatten lang und schmal wurde, ein Anblick, der sie immer traurig machte, als sähe sie ihren eigenen Hungertod vor sich. Sie stand auf, streckte die sandigen Knie durch, wischte sich die Wüste von der Haut und dem zerlumpten Kleid. Sie kam sich dumm vor, weil sie versucht hatte wiederzubeleben, was doch eindeutig tot war. Dabei hatte sie geglaubt, die Wildnis hätte ihr jegliche Sentimentalität geraubt. Sie würde niemandem von diesem Moment erzählen. Nicht Glen, von dem sie glaubte, dass er sich ein eigenes Kind stärker wünschte, als er je zugäbe. Auch nicht Agnes, obwohl sie vermutlich gern mehr über diese Schwester, aus der nichts geworden war, erfahren hätte, gern ihre Mutter in all ihren geheimen Einzelheiten verstehen würde. Nein, sie bliebe bei der einfachen Geschichte. Das Baby hatte nicht überlebt. So viele andere ebenfalls nicht. Also ging das Leben eben weiter.

Ohne einen weiteren Blick auf dieses Mädchen, das sie Madeline hatte nennen wollen, machte Bea kehrt. Der Kojotenmutter gab sie noch einen kräftigen Tritt in die deutlich sichtbaren Rippen. Das Tier jaulte, zog den Schwanz ein, knurrte, aber es hatte drängendere Sorgen, als sich mit einer Menschenbeleidigung herumzuschlagen.

Bea hörte das Rangeln und Winseln hinter sich. Und obwohl die wachsende Erregung der Kojoten dem Schrei eines Neugeborenen ähnelte, wusste Bea, dass es nur der Klang von Hunger war.

Diane Cook: Die neue Wildnis • Roman • aus dem Amerikanischen übersetzt von Astrid Finke • Wilhelm Heyne Verlag, München 2022 • 544 Seiten • Erhältlich als Paperback und eBook • Preis des Paperbacks € 16,00 (im Shop)

 

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