5. September 2019

Zukunft ist gut für alle!

Das Berliner „Futurium“ blickt nicht nur in die Zukunft, sondern in Zukünfte

Lesezeit: 3 min.

Ausnahmsweise geht es in Berlin mal flott: Gut vier Jahre sind erst vergangen, seit im Juni 2015 der Grundstein für einen futuristisch anmutenden Bau gelegt wurde, in Sichtweite von Reichstag und Kanzleramt, also im Herzen der Hauptstadt. Futurium nennt sich der Bau (Eröffnung am 5. September 2019), der kein Museum beinhaltet, auch wenn einige Kunstwerke ausgestellt werden, aber auch kein Schaufenster ist, auch wenn viele Produkte deutscher Technologie-Unternehmen zu sehen sind. Letzteres war in den Jahren der Genese, als intern über die Art der Präsentation diskutiert wurde, Kritik von Außen: Dass das Futurium, zu dessen Gesellschaftern eben nicht nur der Bund und Wissenschaftsorganisation zählen, sondern auch zahlreiche Vertreter der Industrie, allzu ungebrochen den tatsächlichen oder angeblichen Nutzen von Technologie feiert.

Doch diese Sorge ist unbegründet, auch wenn das Futurium in seinem weiträumigen Ausstellungsbereich und vor allem auch im Keller, in einem als Laboratorium angelegten Mitmachbereich, durch und durch vom Geist der Utopie getragen wird. Was allerdings nicht so weit führt wie etwa im Brüssler Atomium, an das man angesichts der Namensähnlichkeit denken muss. Wurden dort bei Eröffnung in den 50er Jahren vollkommen kritiklos die Vorzüge der Atomkraft beschworen, finden sich im Futurium diesbezüglich nicht nur Tafeln, die fragen: „Atomkraft? Ja Bitte.“ sondern auch solche die sagen „Atomkraft? Nein Danke.“

So plakativ dieses Beispiel auch sein mag deutet es doch an, dass die umfassende Ausstellung nicht im isolierten Forschungslabor entstanden ist, sondern angebrachte und vielleicht auch zunehmende Skepsis an den vorgeblichen Verheißungen der Technik mitdenkt. Lose in die Bereiche Mensch, Natur und Technik unterteilt, kann man sich hier teilweise sehr detailliert über technische Entwicklungen informieren, über möglichen Nutzen von Robotern und Künstlicher Intelligenz, aber auch über Fragen der Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung.

Wirkt diese Etage in ihrer deutlich auf den Besuch von Schulklassen angelegte Präsentation noch wie schön illustrierte Was-ist-Was?-Bücher, geht es im Wissenschaftslab im Untergeschoss eine Spur ambitionierter zu. Dort können Besucher nicht nur in virtuellen Welten Städte bauen oder lernen, wie man am Computer Gegenstände designt, die dann direkt per 3D-Drucker hergestellt werden, hier zeigen experimentelle Stationen auch Möglichkeiten und Gefahren von Technologien.

Weitestgehend harmlos wirken da noch KI unterstütze Klaviere, die selbst unbeholfenes Klimpern in ansprechende Melodien verwandeln oder sogar ein Duett zwischen Mensch und KI ermöglichen. Faszinierend auch ein Programm namens Style Transfer, das in Echtzeit Videoaufnahmen mit dem Stil berühmter Künstler verwischt und so den Besucher direkt in Gemälde von van Gogh oder Kandinsky tauchen lässt.

Wirklich erschreckend ist jedoch das Experiment Smile to Vote, in dem man in einer Wahlkabine steht und gefilmt wird und anschließend von der KI eine Partei zugeordnet wird. Mit erstaunlichen 75% Genauigkeit vermag die KI ausschließlich anhand von äußerlichen Merkmalen zu bestimmen, welche Partei man bei der letzten Bundestagswahl gewählt hat, und ja: Es funktioniert tatsächlich!

Welche Möglichkeiten hinter solchen Experimenten zur Gesichtserkennung stehen ist leicht auszumalen, umso mehr steht es dem Futurium gut zu Gesicht, nicht einfach einen verklärten, sondern auch einen kritischen Blick in die Zukunft und auf technologische Entwicklungen zu werfen.

Abb.: David von Becker

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