9. Februar 2017 3 Likes 3

Gut geklaut ist nicht nur halb gewonnen – Ich liebe Star-Wars-Ripoffs! (Teil 2)

„Einer gegen das Imperium“

Lesezeit: 5 min.

Herzlich willkommen zurück zu meiner kleinen Rundreise durch das Tal der Ausgestoßenen, die schon seit Jahren nach Liebe schreien und diese meiner Meinung nach auch mehr als reichlich verdient haben (falls jemand erst jetzt an Bord klettert: Hier geht’s zu Teil 1!)

In dieser Folgen wollen wir uns einem ganz speziellen Kandidaten widmen: Einem der eigentlich wirklich nicht viel anzubieten hat, aber trotzdem zu einer feucht-fröhlichen Party einlädt, Wiener Würstchen und ein paar Dosenbier können sich durchaus nach einem reichhaltigen Buffet anfühlen, Hauptsache ist, die Stimmung passt und die passt hier. Und wie die passt.

Einer gegen das Imperium (Italien/Türkei 1983) • Regie: Anthony M. Dawson (Antonio Margheriti) • Darsteller: Reb Brown, Corinne Cléry, John Steiner, Carole André, Luciano Pigozzi

Um gleich mal den Regisseur in Schutz zu nehmen: Hinter Anthony Dawson steckt Antonio Margheriti und der ist – anders als es „Einer gegen das Imperium“ ​vielleicht vermuten lässt – durchaus ein fähiger, ernstzunehmender Regisseur, der vor allem in den 60er- und 70er-Jahren mit wunderbaren Perlen wie „Sieben Jungfrauen für den Teufel“ (1968), „Satan der Rache“ (1970), „Dracula im Schloss des Schreckens“ (1971) oder „7 Tote in den Augen der Katze“ (1971) auftrumpfte. Allerdings taumelte die italienische Filmindustrie ab Anfang der 1980er-Jahre langsam aber sicher in eine Krise und so musste nicht nur Margheriti mit deutlich weniger Budget auskommen. Dass man in solch einer Situation dann trotzdem ein Projekt angeht, dass sowohl auf der mit „Conan - Der Barbar“ (1982) losgetretenen Welle an Sword & Sorcery-Filmen reitet, als auch den immer noch anhaltenden „Star Wars“-Hype melkt; also in gleich zwei ziemlich kostenintensiven Genres wildert, zeugt entweder von einer totalen Selbstüberschätzung oder einer völlig entspannten Unverfrorenheit. Bei Margheriti war letzteres der Fall, er sieht seinen Film rückblickend auch ganz cool als „Spaßprojekt mit praktisch null Budget, der ideale Partyfilm“, der, und jetzt kommt die wunderbare Pointe, tatsächlich zu einem der erfolgreichsten Filme seiner Karriere wurde (das Ding wurde in den USA tatsächlich mit 1400 Kopien von Columbia Pictures ausgewertet!).

Aber genug mit dem Anheizen, zum eigentlichen Thema: Bei „Einer gegen das Imperium“ handelt es sich um die Verfilmung des argentischen Comics „Henga el cazador“, der in Italien als „Yor The Hunter“ veröffentlicht wurde  (der Originaltitel von Margheritis Adaption lautet „Il mondo di Yor“, also „Die Welt von Yor“) und der Plot geht in etwa so: Yor, ein Jäger aus den Bergen, macht sich – warum auch immer – auf um das Geheimnis seiner Herkunft zu erkunden. Begleitet wird er von Ka-Laa, die er aus der Gewalt fieser Höhlenmenschen rettete, die ihren ganzen Stamm ausgelöscht haben, und dem alten, schrulligen Pag. Unterwegs erlebt das dynamische Trio allerhand Abenteuer: Nicht nur, dass die auf Rache sinnenden Höhlenmenschen wieder auftauchen, feueranbetende Wüstenbewohner und Riesenechsen sorgen ebenfalls für allerbeste Unterhaltung. Schließlich landen unsere Helden auf einer Insel wo ein Böswatz mit dem tollen Namen „Der Höchste“ (der unvergleichliche John Steiner in einer seiner patentierten Baddie-Rollen) ohne nachvollziehbaren Grund mit Darth-Vader-Röchelstimme spricht, eine Armee von Darth-Vader-Lookalikes befehligt und vorhat die Welt mit der perfekten Mischung aus Mensch und Maschine zu besiedeln…vom Neandertal-Gekloppe nahtlos zum Science-Fiction-Geballer, das muss erstmal einer nachmachen (der Wechsel wird sogar inhaltlich  begründet, aber der große – hihi – „Twist“ soll hier nicht verraten werden)!

Klingt bekloppt? Ist natürlich auch bekloppt, aber ob man tatsächlich Margheritis Drehbuch die komplette Schuld geben kann, muss offen bleiben, denn das Gaga-Meisterwerk wurde ursprünglich als vierteilige Mini-Serie (jeder Part läuft ungefähr 50 Minuten) für das italienische Fernsehen gedreht und anschließend für eine Kinoauswertung auf die vorliegenden 83 Minuten runter geschnitten. Das da natürlich kein kohärentes Ganzes mehr rauskommen kann, ist klar, anderseits aber auch nicht wirklich schlimm, denn die Kinofassung ist solch ein Füllhorn von Wunderlichkeiten, dass das wackelnde Etwas von einer Geschichte regelrecht begraben wird, denn es ist wirklich immer was los, es gibt Merkwürdiges an allen Ecken und Enden, man weiß gar nicht, wo man zuerst hingucken, über was man als Erstes staunen soll. 

Etwa über das mit einem herrlich beknackten, blonden Haarteil ausstaffierte und wie immer schauspielerisch grandios überforderte, permanent – selbst beim Monster metzeln – bedröhnt grinsende He-Man-Beinahe-Double Reb Brown? Über die Tatsache, dass Corinne Cléry mit „Geschichte der O“ (1975) und „Moonraker“ (1979) zum Weltstar wurde und nur kurze Zeit später im Fellfummel durch Pappkulissen tollt? Darüber, dass das „Imperium“ offenbar in einem Heizungskeller beherbergt ist? Über die kuriose Trapez-Nummer im Finale? Über Darsteller, die sich vermutlich die Überreste vom „Planet der Affen“-Kostümfundus ins Gesicht gepappt haben? Über die feinfühlig gespielten „Dialog-Szenen“, in denen die Darsteller, wenn ihr Gegenüber spricht, in den reaction shots immer so gucken als ob sie nicht die geringste Ahnung haben, von was die Rede ist, aber trotzdem freundlich nicken? Oder über die deutlich bewegungseingeschränkten, aber schwer drolligen, animatronischen Monster?  Oder soll man einfach nur zum ohrwurmigen Soundtrack der durch dutzende Soundtracks zu Bud-Spencer- und/oder Terence-Hill-Filmen bekannten  Angelis-Brüder kräftig mitwippen?

Ja. „Einer gegen das Imperium“ ist Quatsch, bei dem nicht wirklich viel stimmt (zumindestens in dieser Version)  und der anders als Cozzis mit vier Millionen Dollar immerhin noch verhältnismäßig großzügig gepolsterter „Star Crash“ auch keinen erkennbaren Stil mitbringt - den er sich vermutlich aber auch gar nicht hätte leisten können, das Budget konnte zwar nicht eruiert werden, man kann aber getrost davon ausgehen, das Eltern heutzutage weitaus mehr fürs monatliche Taschengeld berappen.  

Es ist aber mit sichtlicher Begeisterung angerührter Quatsch, Margheriti, der auch privat ein großer Fan von Science Fiction, Fantasy und Groschenromanen war, tobt hier wie ein Kleinkind durch einen Süßwarenladen und schraubt einfach alles zusammen, was er schon immer mochte, steckt wirklich alles in den Film, was auch nur irgendwie greifbar ist und versucht dem Resultat mit immerhin recht hübschen Landschaftsaufnahmen eine gewisse Größe zu geben. Das ist sicherlich nicht unbedingt im klassischen Sinne ambitioniert, aber auf eine bestimmte Weise auch eine Form von Kunst, ein mit Liebe gebauter, schwer in Worte zu greifender, Schund-Kosmos mit einer eigenen Dynamik und eigenen Gesetzen, ein Kosmos, in den man sich gerne begibt, denn diese überquellende Freude am eigenen Treiben ist einfach so verdammt ansteckend und findet immer mehr Freunde; was liegt zum Beispiel im US-Blockbuster „Ring“ (2002) im Regal mit dem verfluchten Video? Richtig – auch eine Kassette von Margheritis Partybombe!

Einfach ein verdammt knuddeliger Film, bitte unbedingt gucken, ihr werdet den Rest des Jahres mit Freude in den Augen und einem Liedchen auf den Lippen durch die Welt spazieren – versprochen!

*

Apropos Liedchen auf den Lippen: Hier für feucht-fröhliche Abende noch das Karaoke-Video zum Titellied von EINER GEGEN DAS IMPERIUM:

Kommentare

Bild des Benutzers Joachim Seitz

Das Filmplakat sieht aus, als ob es von Philippe Druillet gezeichnet wäre. Weiß man da Näheres?

Bild des Benutzers Thorsten Hanisch

Ja, ist eigens von Druillet für die französische Kinoauswertung angefertigt worden.

Ich liebe dieses Feature (und Star-Wars-Ripoffs) - mehr, bitte! <3

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