„Boyfriend on Demand“ - Südkoreanische KI-Kuppeleien
Eine bombonbunte koreanische Dating-Soap mit futuristischem Unterbau
In Umfragen heißt es immer wieder, dass jüngere Menschen, also Vertreter der Millenials oder der Generation X, kaum noch Daten und auch immer weniger Sex haben. Die Ursachen dafür sind vielfältig, das übermäßiger Konsum der Sozialen Medien dazugehört dürfte außer Frage stehen, vor allem in Kombination mit den von Influencern vorgelebten perfekten Beziehungen gegen die kaum eine normale Beziehung standhalten kann. Dazu die Angst vor Zurückweisungen, die schnell zu Selbstzweifen oder gar realen oder eingebildeten Traumata führen können, und schnell haben wir eine Generation, die lieber Netflix schaut als zu Daten.
Passenderweise ist es nun Netflix, das eine neue Serie zeigt, die das beschriebene Problem umkreist, in der elitären und stets sehr glatten Welt südkoreanischer Medienarbeiter. „Boyfriend on Demand“ beginnt mit einem ironisch, selbstmitleidigen Voice Over Kommentar der Hauptfigur Seo Mi-rae (Kim Jisoo, Mitglied der K-Pop-Band Blackpink, die einst einen Hit mit dem schönen Titel „DDU-DU DDU-DU“ hatte), eine Endzwanzigerin, die für ein Unternehmen Web Toons kreiert, täglich Content raushaut und ansonsten zu nichts kommt. Schlafen, zehn (!) Stunden arbeiten, Schönheitspflege, in der U-Bahn sitzen, da bleibt keine Zeit für einen Freund. Erst recht nicht, da Mi-rae ihre letzte, auch schon einige Jahre zurückliegende Beziehung noch nicht wirklich verarbeitet hat.

Im Büro gibt es zwar den reizenden Kollegen Park Kyeong-nam (Seo In-guk), doch der scheint mehr an der Arbeit interessiert zu sein, denn an Mi-rae. Da kommt das Angebot einer Kundin gerade recht, die Mi-rae ein Freiabo der neuen App Boyfriend on Demand schenkt. Und diese App hält was sie verspricht: Einen Freund auf Abruf, der in virtuellen Welten immer genau dann zur Verfügung steht, wenn die Nutzerin Zeit hat und sich vor allem immer betont zuvorkommend und liebevoll zeigt. Wobei sich das Miteinander betont züchtig abspielt und von schmachtenden Blicken und Händchenhalten geprägt ist, denn der von Namgung Do-young geschriebene und von Kim Jung-Sikh inszenierte Zehnteiler ist betont jugendfrei und zielt auf das Publikum, das ansonsten K-Pop-Gruppen anhimmelt und seine Jugendzimmer mit Postern der gerade angesagten Stars tapeziert.

Diese treten in kurzen Auftritten als KI-Boyfriends auf, zum Beispiel Model und Schauspieler Lee Jae-wook, der in einer Art Krankenhausserien-Szenario als Doktor auftaucht, während etwa Ong Seong-wu in einem Thriller-Szenario als Geheimagent agiert. Man merkt: Im Laufe der Staffel werden diverse romantische Muster durchgespielt und Projektionen bedient, die man früher mit Serien wie der „Schwarzwaldklinik“, dem „Traumschiff“ oder zahllosen Groschenromanen befriedigen konnte. Hier finden Sie also in virtuellen Welten statt, was bei Mi-rae unweigerlich dazu führt, dass sie Realität und Fiktion durcheinanderbringt. Zumal ihr realer Schwarm Kyeong-nam ebenfalls in der virtuellen Welt auftaucht, was es zunehmend schwierig macht auseinanderzuhalten, ob da gerade die reale Mi-rae mit dem realen oder dem virtuellen Kyeong-nam interagiert.
Was auch deswegen kaum zu unterscheiden ist, da die koreanische Gegenwart – zumindest die der mindestens oberen Mittelschicht – ein Maß an Designerglätte erreicht hat, wie es früher fast nur in futuristischen Filmen oder Serien existierte. Was im Kontext von „Boyfriend on Demand“ für einen interessanten Bruch sorgt, denn wo früher Figuren in eine virtuelle Welt eintauchten, um einer ziemlich unschönen Realität zu entfliehen, ist das heute oft gar nicht mehr nötig. Dafür wirkt die Realität geerdeter, gibt es Probleme und Missverständnisse, die Online zumindest in der Welt von Influencern abgeschafft scheinen, die aber das Zwischenmenschliche erst menschlich machen. Das Mi-rae am Ende zu dieser Erkenntnis findet, lässt „Boyfriend on Demand“ zu einer zwar nur unterschwelligen, aber doch vernehmbaren Kritik an der Lust auf allzu perfekte virtuelle Welten werden.
Boyfriend on Demand • Südkorea 2026 • Darsteller: Jisoo, Seo In-guk • zehn Folgen, jetzt bei Netflix
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