„Blame“ - Mit Corona brach der Wahnsinn aus
Eindrucksvolles Plädoyer für die Wissenschaft
Das Thema Covid-19 bzw. Corona für einen zweistündigen Dokumentarfilm fühlt sich auf den ersten Blick etwas kühn an, schließlich wurde in den letzten Jahren zu kaum etwas anderem derart viel veröffentlicht. Der Schweizer Christian Frei weiß das auch und geht in „Blame“, seinem fast schon wieder etwas zu unaufgeregten Film, nicht nur den Ursprüngen der Covid-19 Pandemie auf den Grund, sondern schildert im Kern ein aktuell dringlicheres Thema: Das erodierende Verhältnis zur Wahrheit.
Erzählt wird von drei Forschern, die einst den Ursprung der SARS-Pandemie von 2002/2003 fanden: die Molekularbiologin Linfa Wang, die Virologin Shi Zhengli und der britische Zoologe Peter Daszak konnten den SARS-Ausbruch auf eine Fledermaushöhle in Südchina zurückführen, fanden heraus, dass die Tiere das Virus in sich tragen und sie die natürlichen Wirte sind. Die drei veröffentlichten ihre Entdeckung im Wissenschafts-Journal „Science“ und warnten eindringlich vor der nächsten Pandemie – die Warnungen verhallten ungehört.

Als sich dann 2019 das SARS-CoV-2-Virus auf die Reise durch die ganze Welt machte, fand Shi Zhengli mittels einer Überprüfung von Proben eines erkrankten Patienten aus Wuhan heraus, dass es sich um einen Erreger handelt, der eng mit dem SARS-Virus verwandt ist. Doch nicht nur das neue Virus breitete sich rasend schnell aus, Gerüchte, Anschuldigungen und Falschmeldungen wurden weltweit verbreitet, und so schlugen den bis dato außerhalb der Wissenschafts-Community kaum bekannten Forschern schnell das Misstrauen und der Hass unzähliger Menschen entgegen, Morddrohungen waren nicht selten.
Eine der bekanntesten und für allerlei Verschwörungsgeschwurbel attraktivsten, bis heute allerdings unbestätigten Theorien über den Ursprung des Virus, ist die lab-leak-Theorie, die besagt, dass das Virus nicht natürlichen Ursprungs, vom chinesischen Wildtiermarkt, sondern aus einem Labor, Shi Zhenglis Labor, entwichen ist.

Im wissenschaftlichen Bereich wird sie nicht ausgeschlossen, als primäre These gilt allerdings der zoonotische Ursprung, an dem es in Freis Film wiederum absolut keinen Zweifel gibt. Hier hätte sich der Film durchaus ein Tick ambivalenter geben können. Aber das ist nicht weiter tragisch, da zum einen erst im März 2026 weitere, gewichtige Untersuchungen veröffentlicht wurden, die weiter untermauern, dass das Virus seine Ursprung in der Natur hat und sich der Fokus mit zunehmender Spielzeit sowieso auf die Wissenschaftshetze und auf die Frage, wie sich das alles so entwickeln konnte, wieso die Urheber faktenfreier Verdächtigungen soviel Erfolg hatten, verschiebt. Womit Peter Daszak in den Vordergrund rückt, der in einem Moment resigniert feststellt: „Wir haben uns als Gesellschaft seit dem Mittelalter kaum weiterentwickelt.“
Die Antwort auf die Frage nach dem „Warum?“ fällt nicht gerade überkomplex aus, aber die Mechanismen können vielleicht nicht oft genug beleuchtet werden. In dem Kontext: Es ist schade, dass Frei das Buch „Merchants of Doubt“ (dt. Titel: „Die Machiavellis der Wissenschaft. Das Netzwerk des Leugnens“) von Naomi Oreskes und Erik M. Conway, das PR-Taktiken zur organisierten Wissenschaftsleugnung beschreibt, zwar indirekt erwähnt, sich aber fast nur auf eher plakative Fälle wie Steve Bannon stürzt. Dabei gibt es viel perfidere Methoden, wie die gezielte Nutzung des journalistischen Dogmas der Ausgewogenheit für eigene Zwecke, wobei – leider oft zu Recht – auf die Unfähigkeit der Massenmedien seriöse von unseriöser Wissenschaft zu unterscheiden, spekuliert wird.

In Deutschland manifestierte sich das im Zuge der Pandemie in zahlreiche medial aufgebauschte „Duelle“ von Virologen und anderen Wissenschaftlern. Zu jeder fundierten Position wurden Gegenpositionen meist äußerst zweifelhafter Natur aus dem Hut gezogen, was für maximale Verunsicherung sorgte und seinen Teil dazu beitrug, die Gesellschaft zu spalten – hier hatte journalistische Naivität für großen Schaden gesorgt.
Es mutet in dem Kontext ironisch an, dass in einigen der bisher erschienen Kritiken bemängelt wird, dass Frei, der ebenso als Person auftaucht, sich mit seiner Doku fast vorbehaltlos auf die Seite der Wissenschaftler schlägt und kritische Positionen nur in Form einer unabhängigen Wissenschaftsjournalistin anbietet, die Daszak kommunikative Fehler vorwirft.
Dabei folgt „Blame“ – mit beeindruckenden Bildern garniert – tatsächlich einfach nur der Wissenschaft und das durchaus gründlich.
Blame • Schweiz 2025 • Regie: Christian Frei • Mit: Peter Daszak, Wang Linfa, Philip Markolin • im Kino • Abb © Rise and Shine Cinema
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