Trumps USA, Lucas’ Geldsorgen und Descartes’ Schädel
Phantastik-Comic-Neuheiten im März
Alison Bechdel zeigt, wie sich als queerer Mensch ein Leben in rechten Zeiten anfühlt, Laurent Hopman und Renaud Roche schildern George Lucas‘ Finanzierungsprobleme für „Das Imperium schlägt zurück“, und Daria Schmitt beobachtet René Descartes Dispute im Naturkundemuseum.
Alison Bechdel: Kaputt
Nachrichten aus der Prä-Apokalypse: Alison Bechdel zeigt diesmal nicht nur ihre, sondern US-amerikanische Seelenzustände – am Beispiel liberaler Babyboomer: ihrer eigenen Peergroup und deren Kinder. In ihrer autofiktionalen Graphic Novel „Kaputt“ tummeln sich Figuren, auf die MAGA-Faschisten mit Schaum vorm Mund herabblicken und allein aufgrund ihrer Existenz „Woke!“ gen Himmel oder Führer schreien würden. Wie lebt es sich als queerer Mensch in einem Land, dessen zukünftiger Präsident den autokratischen Umbau durchsetzen und einen Bürgerkrieg provozieren könnte? Wie funktioniert diese ominöse „Spaltung“, die alle nachbeten, um von rechten Machtinteressen zu schweigen? Wie dringt also die Makro- in die Mikroebene? Bechdel liest Marx und will einen Comic über die destruktiven Kräfte des Kapitalismus zeichnen; wir halten ihn gewissermaßen in der Hand, die Kapitelüberschriften sind aus dem „Kapital“ übernommen. Aber hier ist nichts abstrakt.
Bechdel lebt mit ihrer Partnerin Holly Rae Taylor auf dem gemeinsamen Zwergziegen-Gnadenhof in Vermont, Rückzug ins Idyll nach jahrzehntelangen sozialen Kämpfen. Mit über 60 ist langsam die Puste ausgegangen – obwohl so ein Satz sowohl Bechdels Situation als auch ihre Methodik in diesem Comic nur unzulänglich beschreibt. Liegt es vielleicht auch am zumindest ausreichenden finanziellen Polster, dass die Puste ausgeht? Im Modus ständiger indirekter Selbstbefragung entfaltet Bechdel mit viel Humor und (Selbst-)Ironie den Doppelcharakter eines idealistischen Lebens unter kapitalistischen Bedingungen – wenn ein kleiner linker Buchverlag für eine Veröffentlichung anfragt, sie sich aber für das Geld eines großen Players entscheiden muss; wenn die immer bekloppteren Wendungen der (fiktiven) Netflix-Serie zu ihrem Bestseller „Fun Home“ sie dazu antreiben, mit einem eigenen Pitch das Ruder rumzureißen, der nur müde belächelt wird; wenn ihre Partnerin mit einem Gnadenhof-Insta-Kanal Bechdels Popularität zu überflügeln scheint, was sie insgeheim ziemlich neidisch macht.
Im Fokus steht mehr aber noch der herzliche Blick auf das teils herrlich schrullige Leben der queeren alternden Land-Community und wie sie sich unterm spürbaren Druck der Faschisierung – und es sind noch die Corona-Jahre unter Biden, aber in den Nachrichten und Gesprächen ist die Hetze der Republikaner allgegenwärtig – selbst behauptet. „Kaputt“ lässt keinen Zweifel daran, dass Hoffnungslosigkeit der schlechteste Garant für die Zukunft ist.
Alison Bechdel: Kaputt • Reprodukt, Berlin 2026 • 272 Seiten • Hardcover • 24,00 Euro

Laurent Hopman, Renaud Roche: George Lucas – Episode 2
Der zweite Teil der Comic-Trilogie um George Lucas‘ „Star Wars“-Trilogie (nach „Der lange Weg zu Stars Wars“). Sechsstellige Verkaufszahlen in Frankreich sind auch für eine Comicbiografie mit einem solch dauergefragten Thema außerordentlich. Aber die Inszenierung ist auch allemal geschickt: Laurent Hopman und Renaud Roche zeigen Lucas als sozial manchmal neben sich stehenden Nerd, der seine Vision gegen alle Widerstände durchzusetzen versteht – eine Quest also, die im ersten Band, mit den Entscheidern in den Studiobüros als Opponenten, zur Erfolgsgeschichte wurde und sich im zweiten fortsetzt. Geblieben ist die Missgunst der Studio-Vertreter, die sich ihre Fehlentscheidung schmallippig eingestehen müssen und darum auch dem Sequel nicht wohlgesinnt sind. Für Lucas ist der Erfolgsdruck nicht geringer, weil er diesmal die Finanzierung größtenteils selbst übernimmt, und es zeugt von gutem Erzählhandwerk, wie spannend Hopman und Roche die teils katastrophale Produktionsgeschichte des Films behandeln, deren guter Ausgang (der dem ökonomischen Konzept des Blockbuster das Fundament lieferte) eigentlich längst bekannt ist, zumal hier nochmals die Spätphase Hollywoods nähergebracht wird, in der Probleme am Set nicht mit dem Rechner gelöst werden konnten. Die brutalen Dreharbeiten in den eisigen Temperaturen Norwegens rufen eine in die Ästhetik übertragene Körperlichkeit des Kinos in Erinnerung, wie wir sie in diesem Überfluss wohl nie wieder erleben werden.
Laurent Hopman, Renaud Roche: George Lucas – Episode 2 • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • Hardcover • 208 Seiten • 29,80 Euro
Daria Schmitt: Der Totenkopf aus Schweden
Schon „Das Traumbestiarium des Mr. Providence“, die erste deutsche Veröffentlichung der französischen Zeichnerin Daria Schmitt, war ein fantastisch gezeichnetes Spiel mit den Lovecraft-Mythen, die sich gegen den Einbruch der Moderne beweisen mussten – sehr lustig, weil dieser Einbruch sich vor allem im Marketing-Jargon der Protagonisten offenbarte. Um Mythos und Moderne geht es auch in ihrem Folgewerk „Der Totenkopf aus Schweden“, bei dem es sich um den Schädel René Descartes’ handelt. Der steht, sichtlich verwirrt und quicklebendig, als Ausstellungsobjekt im Naturkundemuseum und muss außerhalb der Besuchszeiten gegenüber den anderen Wirbeltiere-Exponaten Rede und Antwort stehen, die einerseits wissen wollen, was den Aufklärer denn so besonders macht, und ihm andererseits seine Tiermaschinen-Theorie mächtig übel nehmen. Vergnügliche Philosophiegeschichte neben der Spur, im 20-seitigen Anhang dann mit gebotenem Ernst.
Daria Schmitt: Der Totenkopf aus Schweden • Splitter Verlag 2026 • 120 Seiten • Hardcover • 25,00 Euro
Sandrine Kerion, Claire Caland: Geschichte des Krimis
Das Konzept dieses Sachcomics wurde augenscheinlich von der 2021 erschienenen „Geschichte der Science Fiction“ übernommen: ein chronologisch aufbereiteter Ritt durch die Geschichte des Genres mit Autor*innen, deren Werk, szenisch aufbereitet, rekapituliert, oft im Biografischen erörtert und um Querverweise in die Film-, seltener in die Comicgeschichte ergänzt wird. Das sieht abwechslungsreich aus, ist durchaus erschlagend in seiner Gesamtheit, aber recht wikipedianisch im Detail, weil uns die Künstlerinnen nicht mit Theorie behelligen wollen und analytische Schlüsse abseits der Publikationshistorie(n) meiden. Gesellschaftliche Entwicklungen sind allenfalls ein in zwei Sätzen abgehandeltes Raunen im Hintergrund. Verbindungen zum Horror werden etwa an den Beispielen Poe, Hitchcock, Stephen King und dem in den 80ern losgetretenen Serienkiller-Hype registriert.
Sandrine Kerion, Claire Caland: Geschichte des Krimis • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 216 Seiten • Hardcover • 29,80 Euro
Darcy van Poelgeest, Ian Bertram: Precious Metal
„Precoius Metal“ ist das Prequel zum SF-Comic „Little Bird“, der 2020 mit dem Eisner Award für die beste Mini-Serie ausgezeichnet wurde. 35 Jahre vor der Hauptstory einsetzend, führt die Geschichte in ein dystopisches Amerika, in dem anscheinend evangelikale Ableger das Sagen haben. Hauptfigur Max Weaver arbeitet als Tracker, der genetisch manipulierte Menschen jagt und bei seinem jüngsten Auftrag auf ein Kind angesetzt wird, dessen Fähigkeiten für die Zukunft der Welt von entscheidender Bedeutung sind, weswegen eine religiöse Sekte ebenfalls hinter ihm her ist. Der Trumpf liegt nicht in der verschachtelten Story, die ständig Bilder der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einander ablösen lässt, um den Blick auf die beanspruchten Vorbilder zu vernebeln, sondern in den Zeichnungen von Ian Bertram, die in teils doppelseitigen apokalyptischen Wimmelbildern eine surrealistische Note aufweisen und sich zu einer regelrechten futuristisch überformten Raserei des Abjekten steigern.
Darcy van Poelgeest, Ian Bertram: Precious Metal • Cross Cult, Ludwigsburg 2026 • 320 Seiten • Hardcover • 35,00 Euro
Helen McCarthy: Manga! Der definitive Guide
Der Titel kommt natürlich großspurig daher; im Original wird das Buch gar zur Bibel erklärt, darunter macht man’s heutzutage wohl nicht mehr. Doch tatsächlich gelingt der in England lebenden Manga-Expertin Helen McCarthy, die bereits über ein Dutzend Bücher – darunter erste Grundlagenwerke und als Co-Autorin die „Anime Encyclopedia“ – zum Thema geschrieben hat, eine sehr lesenswerte, kompakte Abhandlung zum japanischen Comic, die als Einführung zukünftig gute Dienste leisten wird. McCarthy verbindet formalästhetische Aspekte mit soziohistorischen, ökonomischen und technologischen Entwicklungen, beleuchtet mit diesem Rüstzeug sowohl Motive und Genres (Science Fiction, Horror, Rollenwechsel der Geschlechter usw.) als auch den Kulturbetrieb und das Fandom drumherum. Pointiert, hellsichtig und weit entfernt von den hiesigen Anhängern des Buchhalter-Positivismus, die sich erst nach der Klärung, wer wann mit wem wieso und womit einen Comic gezeichnet hat, beruhigt schlafen legen können.
Helen McCarthy: Manga! Der definitive Guide • Prestel, München 2026 • 320 Seiten • Hardcover • 26,00 Euro • im Shop
Abb. ganz oben: Laurent Hopman, Renaud Roche: „George Lucas – Episode 2“, Splitter-Verlag
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