„Das Spiel“ – Wir amüsieren uns zu Tode
Ein dystopische Roman, der fast dokumentarisch wirkt
Als „Love Islands“ trifft „Herr der Fliegen“, mit ein bisschen „Tribute von Panem“ als Kirsche auf der Torte. So wird das Romandebüt „Das Spiel“ (im Shop; im Original etwas prägnanter „The Compound“) der irischen Autorin Aisling Rawle angekündigt. Hehre Vergleiche, die Autorin selbst legt die Messlatte mit einem dem Roman vorangestellten Epigraph aus George Orwells „Die Farm der Tiere“ gleich noch mal eine Nummer höher – kann sie auf den folgenden 400 Seiten aber zumindest ansatzweise auch erfüllen.
Das Setting der Geschichte zumindest überzeugt, soll zwar eine Satire sein, wirkt angesichts der absurden und immer extremer werdenden Reality-Formate, die inzwischen auch von einst ambitionierten Streamern produziert werden, allerdings fast dokumentarisch. 20 junge, schöne Menschen, zehn Frauen und zehn Männer, finden sich in einer Anlage mitten in einer Wüste wieder. Allzu gut ausgestattet ist das Haus zu Beginn noch nicht, aber das kann sich ändern. Zumindest wenn die Kandidaten Gruppenaufgaben erfüllen, die mal banal wirken – die Frage, wann habt ihr zum ersten Mal jemanden geküsst? Soll beantwortet werden – aber schnell auch härter wird: Werft eine Person vom Anwesen…
Und noch eine andere Schwierigkeit gibt es: Jeden Abend müssen sich Paare zusammenfinden, müssen ein Männlein und ein Weiblein gemeinsam im Bett liegen, wer keinen Partner gefunden hat, fliegt raus. Nach und nach lichtet sich das Teilnehmerfeld, wie man das aus Reality-Formaten kennt, offenbaren sich unterschiedliche Charaktere, formen sich Allianzen und Aversionen.
Erzählt wird das alles aus der Perspektive von Lily, einer etwas tumben jungen Frau, die im wirklichen Leben in einem Kaufhaus arbeitet und Make-Up verkauft. Passend oberflächlich also für ein Spiel, das offenbar zur Belustigung der Bevölkerung inszeniert wird, von der man allerdings nichts erfährt. Denn über die Außenwelt darf nicht gesprochen werden, somit erfährt auch der Leser kaum etwas über die Welt draußen. Immer wieder streut Rawle jedoch Hinweise ein, dass eine dystopische nahe Zukunft suggeriert, eine Welt, die von Umweltkatastrophen geplagt wird, in der Waldbrände drohen, die meisten Menschen nur noch arbeiten, um zu überleben.
Dementsprechend verführerisch wirkt die Teilnahme an dem Spiel, denn zusätzlich zu den Gemeinschaftsaufgaben können die Teilnehmer eigene Aufgaben erfüllen und werden dafür mit mehr oder weniger nützlichen Konsumgütern belohnt. Von Lidschatten über Designerkleider bis zu Diamanten gibt es alles zu gewinnen, was das Konsumentenherz sich erträumen mag, die reine Oberfläche also und genau darum soll es gehen.

Man kann sich während des Lesens unmittelbar vorstellen, wie ein Fernsehproduzent Lust auf eine Adaption von „Das Spiel“ bekommt: Zahlreiche junge, schöne Menschen, die sich zum Affen machen um Luxusgüter zu gewinnen, die sich in zunehmend ausgefeilten Fehden verlieren, die vor Kameras Sex haben und irgendwann gar nicht mehr wissen, warum sie eigentlich am Spiel teilgenommen haben.
Was als Satire beginnt, entwickelt sich zunehmend zur allzu realistischen Beschreibung der „Dschungelcamp“- oder „Bachelor“-Fernsehrealität, bleibt dabei jedoch stets flott geschrieben und unterhaltsam. An die dystopischen Weltbeschreibungen von Vorbildern wie „Die Tribute von Panem“, „Herr Der Fliegen“ oder gar George Orwell kommt Aisling Rawle zwar nicht heran, als pointierte, übersteigerte Version unserer Realität funktioniert „Das Spiel“ aber unbedingt.
Aisling Rawle: Das Spiel • Roman • Aus dem Englischen von Lena Riebl • btb, München 2026 • 400 Seiten • Erhältlich als Hardcover, eBook, Hörbuch Download und Hörbuch Download (gekürzt) • Preis des Hardcovers: 24,00 € • im Shop
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