„Gorgonà“ – Zwei Frauen gegen das System
Female Empowerment mit etwas zu wenig Power
In einer der schönsten Szenen von „Gorgonà“ fahren die Protagonistinnen Eleni und Maria in der Nacht auf einem Jet-Ski mit einer pinkfarbenen Neon Flex Tube vor grün funkelnde Industrie-Anlagen, pinkeln mit Blick auf ihre Heimat selbstbewusst im Stehen (ein Rekurs auf eine vorhergehenden Dialog über den Unterschied zwischen Maria und den Männern, denen sie nachzueifern versucht) ins Wasser und verharren noch kurz eng umschlungen. Ein ästhetisch betörender, leidenschaftlicher Moment, der bei einem bleibt, allerdings schmerzlich bewusst macht, was dem Film fehlt.


Im Griechenland einer nicht allzu fernen Zukunft herrscht dank Ressourcenknappheit Chaos. Banden streiten sich in den letzten Städten um Wasser, Treibstoff und Frauen. Maria ist die Freundin des todkranken Bandenchefs Nikos und hat dadurch eine gewisse Stellung inne. Das heißt aber auch, dass sie in der gewaltreichen Männerwelt mitziehen muss, um nicht unterzugehen. Dadurch, dass Nikos sie zur Nachfolgerin auserkoren hat, wird es nicht leichter, denn seine Handlanger sind darüber nicht gerade glücklich. Doch als die mysteriöse Sängerin Eleni auftaucht, scheint sich ein Ausweg aufzutun …
Die Dystopie wurde zwar von Frankreich mitproduziert, stammt aber vor allem aus einem Land, das man in Sachen Science-Fiction oder überhaupt Genrefilm kaum bis gar nicht auf dem Schirm hat, nämlich Griechenland. Was sich in erster Linie durchs mediterrane Ambiente und vielleicht durch ausgiebige, extravagant gestaltete Sexszenen bemerkbar macht (ich hatte vor Jahren mal das Vergnügen mit Unterstützung eines griechischen Uni-Profs ein Essay über die skurrile, tief verankerte und außerhalb griechischer Grenzen nahezu unbekannten Sexfilm-Historie des Landes zu schreiben, weswegen der Gedanke nicht ganz so abwegig ist).


Doch obwohl Regisseurin und Drehbuchautorin Evi Kalogiropoulu in ihrem auf dem Medusa-Mythos basierenden Debüt auch keine Scheu vor bahnhofskinoartigen Szenen hat, im letzten Drittel meint man sogar die alten Italiener aus weiter Ferne winken zu sehen, traut sie sich nicht ihr Anliegen über die ungebremste Wildheit der damaligen Filme zu transportieren. Stattdessen tritt Kalogiropoulu immer wieder ängstlich auf die Bremse, um in die Drögheit eines Thesenfilms abzubiegen, in dem die Figuren dazu da sind, eine Botschaft an den Mann oder die Frau zu bringen, die eigentlich schon nach wenigen Minuten klar ist. Denn in der hier aufgefächerten Zukunft sind praktisch alle Männer in Psychosen getunkte Testosteronungeheuer, die nur Gewalt kennen und können, eine Aussicht auf eine bessere Welt gibt’s ausschließlich mit den Frauen. Letzteres stimmt vielleicht sogar, aber gerade das gute alte Bahnhofskino hatte derlei Anliegen aber mit deutlich mehr Selbstbewusstsein und Leidenschaft transportiert.
Dennoch: Ohne Reiz ist die holprige, aber schön gemachte Mittelmeer-Dystopie nicht. Da steckt definitiv was drin. Es muss sich nur noch den Weg an die Oberfläche erkämpfen.
Gorgonà • Griechenland/Frankreich 2025 • Regie: Evi Kalogirupoulou • Darsteller: Errika Bigiou, Xenia Dania, Náyla Gougni, Erifili Kitzoglou, Myrto Kontoni • im Kino • Abb. Neue Visionen
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