2. Juli 2021 2 Likes

„Companions – Der letzte Morgen“ von Katie M. Flynn

Der gegenwärtigste Zukunftsroman zwischen Pandemie und KI

Lesezeit: 2 min.

In Katie M. Flynns Romandebüt „Companions – Der letzte Morgen“ (im Shop) steckt die Welt inmitten einer schweren Virus-Pandemie. Ganze Städte stehen unter Quarantäne, der zwischenmenschliche Kontakt wurde extrem eingeschränkt, findet praktisch nur noch digital und in den eigenen vier Wänden statt, jeder Fremde ist eine potentielle Gefahr. Dadurch beginnt das Zeitalter der Companions, der künstlichen Begleiter: plumpen Robotern bzw. immer eleganteren, fast nicht mehr von Menschen zu unterscheidenden Androiden, auf die man das Bewusstsein verstorbener Personen hochlädt. Sie agieren als Kindermädchen, Spielgefährten, Betreuer, Freunde, Partner, was auch immer – auch nach der Quarantäne. Aber natürlich wird viel Schindluder mit der neuen Technologie getrieben, die das Leben und die Liebe auf die eine oder andere Weise verändern und sogar verlängern kann …

Katie M. Flynn lebt als Autorin, Lektorin und Herausgeberin in San Francisco. Ihr Romandebüt „Companions – Der letzte Morgen“ ist eine fragmentierte, episodische Geschichte über eine Zukunft, die näher erscheint als man vor drei Jahren noch anzunehmen bereit gewesen wäre, hätte man dieses Buch damals gelesen. Doch Corona macht die Zukunftsliteratur schlichtweg zur Gegenwartsliteratur. Zwischen der Science-Fiction-Vision zum Morgen und dem Alltag im Heute existiert bloß noch eine hauchdünne Trennlinie. In der „FAZ“ sprach der Journalist, Genre-Kenner und SF-Autor Dietmar Dath im März 2020 deshalb von einem „Buch der Stunde“, als er „Companion“ vorstellte. Aber der Roman ist sogar noch mehr. Mutig verfasst, zuallererst, denn Flynn folgt keiner klassischen Heldenreise oder ähnlich konventionellen Plot-Strukturen. Mit Schlaglichtern auf die mal mehr, mal weniger verknüpften Leben verschiedener Menschen und Companions zeigt die Amerikanerin uns ihre Welt der Masken, der Kontaktverbote und der Androiden-Begleiter, die einerseits so surreal und andererseits so realistisch erscheint aufgrund ihrer Beschränkungen und Möglichkeiten, in ihrer Utopie wie in ihrer Dystopie.


Katie M. Flynn

Darüber hinaus wirkt „Companions – Der letzte Morgen“ wie ein Dialog mit dem Science-Fiction-Genre und dessen Historie: Wie die bilanzierende Unterredung einer neuen Autorin mit all den vielen, großen und kleinen vorangegangenen Geschichten über Androiden und die Frage, wie sich Menschsein und Menschlichkeit erkennen und definieren lässt, an welchem Punkt aus einer künstlichen Existenz ein gleichwertiges Leben wird. Stellt man sich die Science-Fiction der letzten 50 Jahre auf einem Zeitstrahl vor, kann man letztlich eine direkte Linie zwischen Philip K. Dicks so einflussreichem, noch einprägsamer verfilmtem „Blade Runner“ und Katie M. Flynns Romanerstling ziehen. Obwohl Flynns Buch etwas ganz anderes ist, ganz anders tickt, ist die Verbindung, die Kommunikation, offensichtlich.

Gut möglich, dass die sprunghafte Erzählweise, die zur Vielfältigkeit der Impressionen beiträgt und mit dezent-effektiven Worldbuilding einhergeht, nicht allen gefallen wird. Um zwischen Corona und KI den präsentesten, gegenwärtigsten SF-Roman über Pandemien und Androiden zu lesen, muss man sich darauf jedoch einfach einlassen.

Katie M. Flynn: Companions - Der letzte MorgenRoman • Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski • Wilhelm Heyne Verlag, München 2021 • 352 Seiten • als Paperback und E-Book erhältlich • Preis des E-Books: 9,99 • im Shop

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