8. Juni 2014

Der Untergang des Abendlandes

Dmitry Glukhovskys „Futu.re“

Lesezeit: 3 min.

Zwischen Rentenreform und Nanotechnologie stellt sich hartnäckig die Frage, wo das alles hinführt, wenn der technologische Fortschritt dafür sorgt, dass wir immer länger leben – und eines Tages vielleicht sogar unsterblich sind? Der russische Bestseller-Autor Dmitry Glukhovsky setzt mit „Futu.re“ noch einen ganzen Schwung Fragen drauf: Wer darf teilhaben an der Unsterblichkeit? Wie sieht eine Geburtenkontrolle aus in einer Welt, in der auf natürlichem Wege kein Platz für Neues mehr entstehen kann? Wie geht man mit den Alten um? Wie macht man im Europa der Zukunft Politik? Und welche Folgen hat es für die Religion, wenn das ewige Leben frei Haus geliefert wird?

Dmitry Glukhovsky: Futu.reIn der Zukunft ist Europa eine gigantische Mega-City, deren Türme über die Wolken hinausragen, und in drei Stunden kommt man mit der U-Bahn von Berlin nach Madrid. Die Menschen leben auf zwei Mal zwei Mal zwei Metern, jeder ist für immer jung und schön. Nur wer Kinder haben möchte, fliegt raus: eine maskierte Spezialeinheit, die Unsterblichen, spüren illegal Geborene auf, entreißen sie ihren Müttern und spritzen einem Elternteil ein Mittel, das die genetisch herbeigeführte Unsterblichkeit aufhebt. Jan Nachtigall ist Mitglied der Unsterblichen und steht dem allen mit indoktrinierter Gleichgültigkeit gegenüber. Familien zu zerstören ist sein Alltag, und er macht seinen Job so gut, dass er von einem hochrangigen Politiker einen Spezialauftrag bekommt: Er soll Jésus Rocamora, einen Revoluzzer von der Partei des Lebens, töten. Jan und seine Einheit führen den Befehl aus, doch dann geht alles schief: Der Revolutionär beschwatzt den Unsterblichen, sodass Jan ihn laufen lässt, während nebenan Annelie, Jésusʼ schwangere Freundin, von Jans Trupp brutal vergewaltigt wird. Jan nimmt die Maske ab, rettet das Mädchen und flieht mit ihr nach Madrid, dem gigantischen dreckigen Vorort Europas, wo Einwanderer darauf warten, ins Paradies gelassen zu werden – oder zu sterben, je nach dem, was zuerst kommt …

„Futu.re“ ist sperrig, in mehr als nur einer Hinsicht: Protagonist Jan ist eine durchweg opake Figur, die nur häppchenweise preis gibt, warum sie diese oder jene Entscheidung trifft. Die Welt, in der sie sich bewegt, ist einerseits ein überfülltes Paradies der ewigen Jugend, andererseits eine nicht minder volle, stinkende Kloake – die, im Gegensatz zum unsterblichen Europa, wesentlich näher an dem ist, was wir uns unter „Leben“ vorstellen. Schritt für Schritt kommt man dahinter, was Jan antreibt, immer wieder  durchbrochen von Erinnerungen an das grausame Internat, in dem er aufgewachsen ist und auf die Unsterblichen-Ideologie eingeschworen wurde. Er sitzt irgendwann zwischen allen Stühlen und Ideologien, wie Rittmeister Grigori Melechow aus Scholochows „Der stille Don“, ohne Aussicht darauf, „das Richtige“ tun zu können – was immer das auch sein sollte. Auch die zarte Liebesgeschichte zwischen Jan und Annelie, zwischen Täter und Opfer, zwischen dem Dionysischen, das das Apollinische verführt, muss in dieser Zukunft tragisch enden.

Gnadenlos abgerechnet wird mit allen religiösen Ideologien, allen voran der christlichen: Nicht nur, dass Kathedralen jetzt als Bordelle herhalten müssen und immer wieder gegen die kirchliche Propaganda gewettert wird – als Unsterblicher tut man sich da leicht. Revolutionsführer ist ein gewisser Jésus, und an ihm und seinen Ansichten zum Leben reibt sich Jan Nachtigall beständig – und fast unmerklich nähert er sich seinem Feind weiter an, als ihm lieb ist. „Futu.re“ ist eine eindringliche Schilderung davon, welche Opfer es die Menschheit kostet, wenn sie nach verbotenen Früchten greift – und welche Opfer der einzelne erbringen muss, um seine Träume zu verwirklichen.

Dmitry Glukhovsky: Futu.re • Roman • Aus dem Russischen von David Drevs • Wilhelm Heyne Verlag, München, 2014 • 925 Seiten • € 13,99 (im Shop)

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