17. April 2026

„Gliff“ – Das Ende der Kindheit

Ali Smith hat einen dystopischen Roman aus Teenager-Perspektive geschrieben

Lesezeit: 3 min.

„Ein kurzer Moment“, „ein Schreck“. Diverse Bedeutungen hat das aus dem schottischen stammende Wort Gliff“ (im Shop), das dem neuen Roman von Ali Smith seinen Titel gibt. Das ein Wort so viele unterschiedliche Bedeutungen haben kann, würde es für die Machthaber der Welt, in der „Gliff“ spielt, ärgerlich, fast inakzeptabel machen. Denn wie so viele Herrscher in dystopischen Geschichten, zu denen auch dieser Roman im weitesten Sinn zählt, haben auch diese großes Interesse an Kontrolle, an der Überwachung der Bürger.

Wer sich diesen Kontrollen entzieht, gilt als nicht verifizierbar und muss untertauchen, versuchen, sich den Blicken der allgegenwärtigen Überwachungskameras zu entziehen, nicht zu nahe an die technischen Geräte zu kommen, die Menschen orten und identifizieren können. Diesen Weg hat auch die Mutter von Briar und Rose eingeschlagen, die ihre Kindern schon früh vor den Gefahren warnte, die durch Smartphones drohten. Laut der Mutter war die zunehmende Kontrolle, der sich die Menschen meist freiwillig unterwarfen, von langer Hand geplant: Die Mitte der 90er Jahre so beliebten Tamagotchis, jene kleinen elektronischen Piepmätze, die wie kleine Küken ständige Aufmerksamkeit verlangten, dienten in dieser hübschen Verschwörungstheorie quasi als Testballons, schließlich sind moderne Smartphones in gewisser Weise nichts anderes als Aufmerksamkeitsmaschinen, und Tweets ja im wahrsten Sinne des Wortes Piepse, die fast jeden Benutzer sofort zum Blick aufs Handy verleiten.

Man merkt: Ali Smith spielt gerne mit der Sprache, mit ihrer Bedeutungen, mit dem Gleichklang der Worte. So ist in Großbritannien Anfang des Jahres ein Begleitroman zu „Gliff“ erschienen, mit dem phonetisch identischen Titel „Glyph.“ Auf Deutsch erscheint nun zunächst „Gliff“, in einer Übersetzung, in der zwar manches Wortspiel notgedrungen verloren geht, die den Stil Smiths jedoch gut einfängt.

Der ist trotz der im Ansatz düsteren Thematik einer dystopischen Erzählung leicht, ja fast märchenhaft. Denn die Erzählstimme gehört Briar, anfangs vielleicht 12 oder 13 Jahre alt und vermutlich nonbinär, wie schon im geschlechtsneutralen Namen angedeutet wird. Ob Junge oder Mädchen: Genau erfährt man es nicht, wie so vieles in einem Roman, der weniger auf einen straffen Plot abzielt, sondern auf die Zustandsbeschreibung einer Welt, in der sich zwei Kinder alleine durchschlagen.


Ali Smith. Foto © Sarah Wood

Ähnlich wie in den oft ins Phantastische driftenden letzten Romanen von Kazuo Ishiguro (im Shop), spielt auch Ali Smith geschickt mit einer Erzählstimme, der man zwar trauen kann, die aber die Welt, in der sie existiert, nicht so beschreibt, wie es ein allwissender Erzähler tun würde. Vieles bleibt dadurch im Ungefähren, wird nur in einem Nebensatz, einer kleinen Bemerkung angedeutet, schließlich ist es für die Kinder selbstverständlich, anders als für den Leser.

Auch die scheinbar ständige Bedrohung durch ein unbestimmtes System schwebt dadurch eher wabernd im Hintergrund mit, scheint mehr für den Leser präsent, als für die Kinder. Die sind mehr an einem symbolisch aufgeladenen Pferd interessiert, das Rose auf einer Weide sieht und das sie Gliff tauft. Ob sie weiß, dass das Pferd für den Abdecker vorgesehen ist, bleibt ebenso offen wie vieles andere in diesem atmosphärisch dichten Roman, dem es mit seiner präzisen Sprache gelingt eine gleichermaßen kindliche, wie bedrohliche Stimmung zu evozieren, in der Individualität zu einer Gefahr geworden ist.

Ali Smith: Gliff • Roman • Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs • 304 Seiten • Erhältlich als Hardcover und eBook • Preis des Hardcovers: € 25,00 • im Shop

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