29. Februar 2020

Wenn Superhelden aus dem Raster fallen

„Watchmen“ lässt grüßen? „Peter Cannon: Thunderbolt“ von Kieron Gillen & Caspar Wijngaard

Lesezeit: 3 min.

Wer sich ein bisschen mit der Geschichte des US-Comics auskennt, der weiß, dass viele Figuren in Alan Moores und Dave Gibbons einflussreichem Übermeisterwerk „Watchmen“ bei DC auf älteren Figuren des Charlton Verlags beruhen – ursprünglich wollte Moore anno 1984 sogar explizit die Charaktere von Charlton für sein DC-Epos verwenden, da der Heimatverlag von Batman, Wonder Woman und Co. damals gerade erst die Rechte an den Charlton-Recken erworben hatte. Letztlich wollte DC sich die Neueinkäufe aber erst einmal aufheben, inspirierten die alten Figuren lediglich die von Moore neu geschaffenen Watchmen. Die originalen Charlton-Helden wurden wenig später durch das einschneidende Event „Crisis on Infinite Earths“ ins moderne DC-Universum eingeführt. Unter ihnen war auch Peter Cannon alias Thunderbolt, der 1966 von Peter Morisi für Charlton ersonnen worden war und der nach 20 Jahren Abstinenz in den 90ern eine eigene DC-Serie erhielt. Heute erscheinen seine Abenteuer erstaunlicherweise beim US-Verlag Dynamite Entertainment. 2019 inszenierten der britische Top-Autor Kieron Gillen („The Wicked + The Divine“, „Star Wars“, „Thor“) und der wie Gillen in London lebende Zeichner Caspar Wijngaard („Star Wars: Doctor Aphra“, „Angelic“) hier zuletzt eine fünfteilige „Peter Cannon: Thunderbolt“-Miniserie, die als brillanter „Watchmen-Nachfolger“ gefeiert wurde. Im Januar ist die komplette Mini in einem großformatigen englischsprachigen Hardcover-Album erschienen.

Die Geschichte beginnt in L. A., das von einer Alien-Invasion aus einer anderen Dimension verwüstet wird. Die Superchampions von China, Russland und den USA, deren Länder zuvor auf dem besten Weg in einen atomaren Vernichtungskrieg waren, versuchen den mythischen Superhelden Peter Cannon davon zu überzeugen, sie im Kampf um die menschliche Zivilisation zu unterstützen, die der schlauste Mann der Welt allerdings zutiefst hasst. Nach einigem Hin und Her steht Cannon den anderen Heroen bei, blickt in seine uralten Schriftrollen, denen er seine Überlegenheit verdankt, und führt die Abbilder von Captain America, Iron Man und anderen in die Schlacht.


Links Meta-Spielerei mit dem „Watchmen“-Panel-Raster, rechts Hommage an Eddie Campbell

Das Ergebnis ist ein sehr cooles Eröffnungskapitel, das jeden erreicht, der die besten, zynischsten und bissigsten Superhelden-Satiren von Mark Millar und Pulp-Updates von Warren Ellis abgefeiert hat. Wijngaards klares Artwork erinnert dabei an eine Mischung aus Jamie McKelvie und Mike Allred. Ebenfalls schön: Gillen macht Tabu, Cannons treuen Freund und „Diener“, zu seiner großen, wenngleich gescheiterten Liebe. Ungefähr zur Mitte des schicken Sammelbandes, wenn der Alan Moore/Grant Morrison-Vibe schon allgegenwärtig und der Ozymandias-Modus unübersehbar ist, fällt Cannon dann aus den Panels und landet in einer Parallelwelt, die den realistischen, semiautobiografischen schwarz-weißen „Alec“-Comics von Eddie „From Hell“ Campbell nachempfunden wurde, und das Neun-Panel-Grundraster aus „Watchmen“ und sogar die Schriftart des Letterings der Campbell-Werke werden kritische Elemente der Handlung und des Showdowns.

Comics dürfen und sollen natürlich auch abseits von Grant Morrison oder Warren Ellis gern meta und intertextuell, gern ambitioniert und kompliziert sein – Kieron Gillen übertreibt es jedoch schlichtweg, indem er das Formale zum fiktiven Schlüssel seiner Geschichte macht, zumal ihm das mit Watchmen-Referenzen gespickte Muskelspiel wichtiger scheint als die narrative Klarheit seines Plots und des Geschehens. Selbst mit Gillens ursprünglichem Treatment im Anhang des Deluxe-Hardcovers kommt das viel zu kompliziert daher. Diese „Peter Cannon: Thunderbolt“-Neuinterpretation ist ohne Frage reizvoll und voller starker Szenen, doch in den entscheidenden Momenten zugleich viel zu verkopft und überambitioniert.

Abb.: ® & © 2019 Dynamite Characters, Ilc

Kieron Gillen & Caspar Wijngaard: Peter Cannon: Thunderbolt Vol. 1 Dynamite Entertainment, Runnemende 2020 • 128 Seiten • Hardcover:$ 29,99 • Sprache: Englisch

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