„28 Years Later: The Bone Temple“ – Auf der Suche nach Erlösung
Ein Zombie-Film fast ohne Zombies
Wir erinnern uns: Am Ende von „28 Years Later“ wurde der junge Protagonist Spike (Alfie Williams) von einer wilden Bande gerettet, die mit blonden Perücken bekleidet waren und einem Anführer Namens Jimmy (Jack O’Connell) folgten, der in Aussehen und Attitüde nicht zufällig an die Droogs aus Stanley Kubricks „A Clockwork Orange“ erinnerte.
Ein paar Momente später beginnt die Fortsetzung „28 Years Later: The Bone Temple“, nun nicht mehr von Danny Boyle sondern Nia DaCosta inszeniert, aber immer noch einem Drehbuch von Alex Garland folgend, der hier auf ungewöhnliche Weise seine Beschäftigung mit Religion und falschen Gottesfiguren fortsetzt.
So einer ist ganz offensichtlich Jimmy, der mit silberner Tiara im Haar und dicken Ketten um den Hals wie ein Sektenanführer wirkt, dazu Trainingsanzug trägt, wie ein typischer britischer Lad. Seine sieben Epigonen sehen wie Mini-Mes aus, tragen blonde Perücken und führen die Anweisungen des Meisters scheinbar ohne Skrupel aus. Und das bedeutet: Horrorshow.

Auf brutalste Weise werden nicht etwa die Untoten hingemetzelt, die in scheinbar nie versiegender Anzahl immer noch durch das südenglische Unterholz streifen, sondern die wenigen Menschen angegriffen, die sich in den lose verteilten Höfen versteckt halten. Eine fast schon perverse Lust an Splattergewalt beweist DaCosta hier, die zuletzt mit der Ibsen-Verfilmung „Hedda“ auffiel, vor allem aber für das Horror-Remake „Candyman“ bekannt ist.
Erst nach dieser Episode beginnt die eigentlich, auch viel interessantere Handlung einer Fortsetzung, in der für einen Zombie-Film erstaunlich wenig Zombies vorkommen. Dafür sehr viel Ralph Fiennes, der erneut den Arzt Kelson spielt, der in jahrelanger Arbeit den titelgebenden Bone Temple erbaut hat, ein Tempel aus den Knochen der Toten, ein gigantisches Memento Mori.
Nun scheint Kelson ans Ende seiner Arbeit gekommen zu sein und gibt sich statt dessen lieber dem Morphiumrausch hin. Dabei hat er einen ungewöhnlichen Begleiter: Samson, einen gigantischen Untoten. Unter dem Sternenhimmel kommen Mensch und Monster sich näher, eine Art umgekehrte Frankenstein-Erzählung, die Alex Garlands erneut etwas mäanderndes, sehr loses Drehbuch jedoch nur am Rande interessiert.

Viel entscheidender wird statt dessen die Begegnung zwischen Kelson und Jimmy, der seinen Anhängern eine Begegnung mit seinem Vater versprochen hat, niemand anderem als Old Nick, im englischen ein Slang-Ausdruck für Satan. Diesen hat er nun scheinbar in Kelson gefunden, der mit seiner Glatze, seinem blut- und Jodbeschmierten Körper und vor allem seinem Kontakt mit einer Art Dämon wie Samson, aus der Ferne durchaus als satanische Figur durchgehen kann.
Ob Jimmy sich tatsächlich für den Sohn Satans hält oder wie ein typischer Sektenanführer seinen Anhängern nur das erzählt, was sie hören wollen bleibt offen, spielt am Ende aber auch keine Rolle. Zu einer umgekehrten Jesus-Geschichte steigert sich „28 Years Later: The Bone Temple“ zunehmend, zu einem animalischen, satanischen Exzess, in dem nicht Gott der gepriesene ist, sondern der Teufel. Was natürlich gut zu einer Welt passt, in der fast jede Menschlichkeit verloren, in der es keine Hoffnung auf Erlösung zu geben scheint.

Doch es soll ja noch einen dritten Teil geben, in dem dann ein alter Bekannter aus „28 Days Later“ eine entscheidende Rolle spielen dürfte. Aber um das zu erleben, muss dieser Mittelteil erst einmal ein finanzieller Erfolg werden, was man diesem blutigen und wilden, verstörenden und faszierenden Film unbedingt wünschen würde.
28 Years Later: The Bone Temple • USA 2026 • Regie: Nia DaCosta • Darsteller: Ralph Fiennes, Jack O’Connell, Alfie Williams • Im Kino
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