„Dead Space“ von Kali Wallace
Ein futuristischer Weltraum-Krimi über mächtige KI und noch mächtigere Konzerne
Die Amerikanerin Kali Wallace (im Shop) machte ihren Doktortitel in Geophysik, und zwar über das Bauen im Himalaya-Gebirge sowie über Erdbeben in Indien. Sie schreibt allerdings auch schon ihr ganzes Leben lang Fiction, sprich: Geschichten. Doch erst 2010, nach dem Besuch des berühmten Clarion Writers’ Workshop, fasste Wallace eigene Veröffentlichungen als Science-Fiction-Autorin ins Auge – die sich noch ab Ende desselben Jahres einstellten. Inzwischen erschienen ihre SF-Kurzgeschichten z. B. in „Clarkesworld“, dem „Magazine of Fantasy and Science Fiction“, „Asimov’s“ und „Lightspeed“.

Seit 2016 veröffentlicht Wallace zudem Genre-Romane für eine jüngere Leserschaft, und seit 2019 auch Bücher für Erwachsene. 2021 kam im Original ihr Science-Fiction-Roman „Dead Space“ (im Shop) heraus, der 2022 mit dem Philip K. Dick Award ausgezeichnet wurde, wobei das Buch sich u. a. gegen Werke von Lavie Tidhar und Tade Thompson durchsetzte. Nun liegt „Dead Space“ in der Übersetzung von Bernhard Kempen auf Deutsch bei Heyne vor – und könnte eine Warnung zur gerade noch rechten Zeit sein, wenn wir sie nur ernst nehmen.

Wallace’ Hauptfigur und Ich-Erzählerin heißt Hester Marley. Als begnadete KI-Trainerin soll sie dabei helfen, in einem von der Menschheit kolonialisierten Sonnensystem den Titan zu besiedeln. Doch auf dem Weg dorthin wird das Schiff der Mission von Terroristen gesprengt. Hester überlebt schwerverletzt, erhält unter anderem einen kybernetischen Arm, ein kybernetisches Bein und ein kybernetisches Auge, dazu einige künstliche Organe. Die Schulden für Bergung und Behandlung muss sie fortan bei einem der privaten Konzernriesen abstottern, die im All das Sagen haben, weshalb sie als Daten-Analystin bei der Security einer Bergbaustation arbeitet.
Eines Tages wird Hester von einem alten Freund kontaktiert, der auf einer anderen Asteroiden-Baustelle des Konzerns Dienst leistet – und kurz nach der Videobotschaft tot aufgefunden wird. Hester schließt sich dem ermittelnden Team auf der anderen Station an, das von einem Mann vom Mars angeführt wird, und untersucht als Erstes den Overseer der Station: die alles sehende, alles aufzeichnende, so gut wie alles wissende KI des Konzerns, der just in der Stunde um den Mordzeitpunkt herum alles Datenmaterial fehlt. Verdächtig. Hesters weitere Nachforschungen bringen sie und das Team in große Gefahr …
Mit dem Großkonzern-dominierten Weltraum-Setting ihres Science-Fiction-Krimis sowie den darin umherflippernden Grundgedanken zum brutalen, gewissenlosen Kapitalismus ist Kali Wallace den multimedialen Franchise-Universen von „Alien“ oder „Blade Runner“ natürlich ganz nahe. Ungeachtet der Genre-internen Vertrautheit wirkt der literarische Kosmos von „Dead Space“ und Hester Marley aber eigenständig und plastisch genug – nicht zuletzt dank der Erzählstimme und deren nicht am sprachlichen Standard klebenden Rhythmus.
Obendrein schafft es Wallace, dass die kybernetisch veränderte Hester als Beispiel für Rassismus und Ableismus funktioniert, wenn ihre Ermittlerin und KI-Expertin zum Beispiel unwillkommene und ungefragte, geradezu fetischistisch motivierte Berührungen ihrer künstlichen Körperteile ertragen muss, oder wenn ihr Ablehnung, Getuschel, Klatsch und schräge Blicke zuteil werden.
Doch nicht allein deshalb ist „Dead Space“ ein weit wichtigerer Roman, als das Etikett ordentlicher SF-Krimi im Weltall der Zukunft vermuten lässt. Denn Kali Wallace’ preisgekröntes Buch stellt die 2026 noch unverzichtbarere Frage, wie viel Macht wir den künstlichen Intelligenzen und kapitalistischen Konzernen in unseren Leben eigentlich noch geben wollen.
Autorinnenfoto: © Jessica Hilt, 2015
Kali Wallace: Dead Space · Roman · Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kempen · Originaltitel: „Dead Space“ · Wilhelm Heyne Verlag · 384 Seiten · Paperback: € 16,– (im Shop) · Auch erhältlich als E-Book
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Christian Endres berichtet seit 2014 als Teil des Teams von diezukunft.de über Science-Fiction. Er schreibt sie aber auch selbst – 2024 ist bei Heyne sein SF-Roman „Wolfszone“ erschienen.
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