Filmgeschichte(n), SF-Klassik und fabelhafte Kämpfe
Phantastik-Comic-Neuheiten im Januar
Alex W. Inker und Thibault Vermot erinnern an Fritz Langs Serienkiller-Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, Cazas SF-Kurzgeschichten für „Pilote“ sind wieder erhältlich, und im „Schloss der Tiere“ wird gegen einen diktatorischen Stier aufbegehrt.
Caza: Das Zeitalter der Schatten
Die im „Zeitalter der Schatten“ gesammelten Kurzgeschichten Cazas illustrieren sehr schön den Weg des französischen Künstlers von den satirischen Beobachtungen der „Szenen aus der Vorstadt“, die er für das „Pilote“-Magazin zeichnete, hin zum psychedelisch-allegorischen Science-Fiction-Pomp, der ihn Ende der 1970er zu den Bilderstürmern der Zeitschrift „Métal Hurlant“ führte. Tatsächlich erschienen die vorliegenden Kurzgeschichten in „Pilote“, was neben Cazas Loyalität und einer sichereren ökonomischen Basis, die das Traditionsblatt versprach, auch an der Geradlinigkeit der Storys gelegen haben mag. Und genau genommen entfernt sich Caza nur einen Schritt von den „Szenen aus der Vorstadt“ und seziert, wie sie sich in der Zukunft ausnehmen: Die ‚Oms dieser neuen Welt – eine schmerzhaft naive Spezies von knubbliger Gestalt und bar jeder Gefühlsregung, die in technisch hochgepumpten, von gigantischen Metallmauern umgebenen Städten verbarrikadiert leben und nur ihr rudimentäres, von Maschinen gesteuertes Wohlbefinden im Sinn haben – sind als Metapher der Konsumgesellschaft gar nicht so weit entfernt von den Figuren der „Vorstadt“, deren karges Leben mal an der eigenen Borniertheit, mal an den unantastbar scheinenden Verhältnissen zerbricht, oft mit fatalen Folgen. Im „Zeitalter“ ist es denn kein störender Nachbar oder ein spielendes Kind, das den scheinbaren Frieden explodieren lässt, sondern beispielsweise ein gigantisches Echsenwesen, das die Stätte der ‚Oms aufsucht und „Liebe!“ ruft, aber von niemandem verstanden, erschossen und zum Verrotten an den Stadtrand transportiert wird.
Mit dieser limitierten Sonderausgabe beendet der Splitter Verlag die erste „Staffel“ der zum zehnjährigen Jubiläum gestarteten Geburtstagsbände, der 2026 zum 20. eine weitere im völlig neuen Design folgen wird. Der Auftakt im Februar: Cazas zehnbändiges SF-Epos „Die Welt von Arkadi“ als üppige Gesamtausgabe.
Caza: Das Zeitalter der Schatten • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • Hardcover • 112 Seiten • 45,00 Euro
Thibault Vermot, Alex W. Inker: Krimi
Das französische Duo Alex W. Inker (Zeichner) und Thibault Vermot (Szenarist) hat einen Comic über Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ gemacht, jedoch keineswegs als schlichten Sachcomic, der die Produktionsgeschichte abreißt. Lang begegnet in Berlin Kommissar Lohmann, Hauptfigur des „M“-Films, der ihn für den Stoff eines gegenwärtigen Serienmörder-Falls zu erwärmen versucht, um so den Täter zu überführen. Doch Lang ist wenig interessiert und vermutet zunächst eine heimliche Ermittlung gegen seine Person, weil Lohmann einst mit der Aufklärung des rätselhaften Todes von Langs erster Ehefrau Elisabeth Rosenthal betraut war. Sukzessive überwindet Lang seine Widerstände und lässt sich schließlich von Lohmann in die Unterwelt einführen, um dem „Vampir von Düsseldorf“ auf die Spur zu kommen, der für „M“ tatsächlich den Anstoß lieferte, wie es auch der Wahrheit entspricht, dass Lang für die Recherche intensiv mit der Polizei zusammenarbeitete. In „Krimi“ werden Mythos und Geschichte eins, was insofern ein probater Ansatz ist, als Lang selbst zeitlebens redlich an seiner eigenen Legende wob. Im Comic bleibt etwa das Rätsel um Rosenthals vermeintlichen Suizid ungeklärt, auch Langs Behauptung, tags darauf aus Deutschland geflohen zu sein, nachdem ihm Goebbels ein Angebot als „Leiter des deutschen Filmwesens“ unterbreitete, wird aufgegriffen (tatsächlich blieb Lang noch mehrere Monate in Deutschland und zeigte sich auch auf offiziellen Anlässen mit der Nazi-Elite). In schwarz-weißen Kohlezeichnungen lässt Alex W. Inker sowohl die Atmosphäre des Expressionismus als auch den pessimistischen Sog des Noir-Kinos aufleben und hebt in langen Sequenzen die formale Nähe zwischen Comic und Film hervor: einerseits etwa als Hommage an Peter Lorres Schauspielkunst, andererseits als Showcase für die Kraft des seriellen Bildes. Dass wiederum die Morde im pechschwarzen Scherenschnitt-Stil à la Lotte Reiniger dargestellt werden, der keinerlei Graustufen mehr zulässt, ist eine dialektische Finte des Zeitgeists: So wie der Einzelne zum Gejagten, zum Opfer, zur Zielscheibe des Mobs wird, ist in „M“ das Böse längst überall, es lauert bereits in den Stilen und Formen. „Das letzte Jahr der Weimarer Republik präsentiert sich in dem Film“, wie Dietrich Kuhlbrodt mal schrieb. Inker und Vermot können heute einen Schritt weiter gehen und zeigen nicht nur Fritz Langs Ankunft in Paris, sondern auch den Verbleib seines jüdischen Kommissars Lohmann und seines Butlers Hans – beide begegnen sich auf einem Bahnhof wieder: der eine als Deportierter beim Abtransport zur Vergasung in Polen, der andere als Gestapo-Beamter, „wie geschaffen für eine Uniform“.
Thibault Vermot, Alex W. Inker: Krimi. Die Geschichte hinter Fritz Langs „M“ • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • 280 Seiten • Hardcover • 39,80 Euro
José-Louis Munuera: Der Mann, der Wunder vollbringen
konnte
Der französische Zeichner José-Luis Munuera hat eine Vorliebe für freie Literaturadaptionen: Nach Melvilles „Bartleby, der Schreiber“ (2021), Dickens „Weihnachtsgeschichte“ (2023) und Barries „Peter Pan in Kensington Gardens“ (2024) folgt mit „Der Mann, der Wunder vollbringen konnte“ eine weniger bekannte Erzählung von H. G. Wells. Munuera macht aus dem plötzlich über göttliche Kräfte verfügenden Protagonisten Fotheringay einen vom „gewöhnlichen Anstand“ (Orwell) beseelten Pragmatiker, der gar nicht bemerkt, wie er – eine deutliche Abweichung von Wells‘ Vorlage, die Munuera religionskritisch anreichert – sich von den Machtgelüsten des Pastors Maydigs vereinnahmen lässt, der nun seine Chance gekommen sieht, Gott abzulösen. Weiterhin eine gewitzte Parabel Wells‘, die Munuera mit allen zeichnerischen Finessen zum Strahlen bringt.
José-Luis Munuera: Der Mann, der Wunder vollbringen konnte • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • 72 Seiten • Hardcover • 19,80 Euro
Xavier Dorison, Félix Delep: Das Schloss der Tiere Band 4
Es ist weiterhin eines der aufregendsten frankobelgischen Debüts der letzten Jahre: Félix Deleps 2020 gestartete Fabel „Schloss der Tiere“, eine Zusammenarbeit mit dem renommierten Szenaristen Xavier Dorison, sorgte seinerzeit für große Augen, denn die ausgereiften Zeichnungen im klassischen Disney-Animationsfilm-Stil und die nuancierte mimische Gestaltung der zahlreichen anthropomorphen Figuren ließen eher auf die routinierte Hand eines Veterans schließen. Nahezu in Jahresabständen, auch keine Selbstverständlichkeit, lieferte Delep die Fortsetzungen, und dass der vierte und abschließende Band etwas mehr Zeit beanspruchte, liegt lediglich am doppelten Umfang. Somit lässt sich die streng komponierte, von keinerlei Abschweifungen behelligte Aktualisierung des Orwell-Stoffs „Animal Farm“ um einen Bauernhof, dessen Tiere sich mit Mitteln des gewaltlosen Widerstands gegen die Knute des diktatorischen Stiers Silvio erheben, endlich am Stück lesen.
Xavier Dorison, Félix Delep: Das Schloss der Tiere. Band 4: Das Blut des Königs • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • 96 Seiten • Hardcover • 22,00 Euro
Abb. ganz oben: José-Luis Munuera: Der Mann, der Wunder vollbringen konnte • Splitter
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