23. April 2026

Krimis mit Hunden, Science-Fiction mit Schuss und Spielberg mit Anekdoten

Phantastik-Comic-Neuheiten im April

Lesezeit: 5 min.

Josephine Mark hat mit „Red“ einen brillanten Funny-Krimi gezeichnet, von Moebius existieren tatsächlich noch unübersetzte Werke, und Amazing Ameziane verhebt sich an Steven Spielberg.

 

Josephine Mark: Red

Josephine Marks schwarzhumoriger Krimi „Red“ ist im Kibitz Verlag erschienen, der auf Kindercomics spezialisiert ist, aber mit diesem kleinen Meisterwerk wird jede Altersklasse glücklich. Es geht um einen dreibeinigen Hund, der auf der Flucht vor zwei gewaltgeilen Waschbären in der Waldhütte der hypermürrischen alten Rosa landet, der der ungebetene Gast allemal lästig ist. Zumindest darf er über Nacht bleiben, und als er am nächsten Morgen zufällig am Hemd ihres verstorbenen Mannes Red menschliche Blutreste erschnüffelt – dessen nackter Leichnam vor 30 Jahren im Wald entdeckt wurde, Todesursache: Erfroren wegen Alkoholvergiftung, Fall geschlossen –, ist das der Auftakt für eine langwierige Privatermittlung der beiden, schließlich hatte Red noch nie zuvor in seinem Leben Alkohol getrunken.

Der Witz steckt in sämtlichen Details: Die Dialoge sind lakonisch, aber so pointiert wie in einem Kaurismäki-Film; die Zeichnungen genial typisiert, sodass etwa bei Rosa stets zwei waagerechte Striche für Mund und Augen genügen, um ein ganzes Arsenal an Grimmigkeit darzustellen; der Plot ist schon deshalb unvorhersehbar, weil manche Tiere mit den Menschen sprechen können, andere wiederum nicht (etwa ein Zirkuspony, dessen Posen trotzdem verraten, dass es den Gesprächen der Menschen folgen kann), und die verschneite Waldlandschaft erinnert sowohl an Provinzkrimis als auch ans „Fargo“ der Coen Brüder. Das Funny-Road-Movie „Trip mit Tropf“, die Westernparodie „Murr“, nun also der Krimi „Red“ – Josephine Mark gehört zu den wenigen exzellenten Comiczeichner*innen und -autor*innen, die das Humor-Metier auch in der langen Form perfekt beherrschen. Die Jury des Comic-Salons Erlangen applaudiert ebenfalls und hat den Band kürzlich für den diesjährigen Max-und-Moritz-Preis nominiert.

Josephine Mark: Red • Kibitz Verlag, Hamburg 2026 • 248 Seiten • Hardcover • 26,00 Euro

 

Zuni, Christopher Fellehner: Holzinsel

Dieser Kindercomic wird vom Kibitz Verlag etwas pädagogischer verkauft, als er tatsächlich ist: „In ihrer spannenden Abenteuergeschichte stellen Zuni und Christopher Fellehner die Frage, wie weit man für seine Überzeugungen gehen darf“, heißt es auf der Website. Unter dieser Prämisse lässt sich nach der Lektüre festhalten: Man sollte keinesfalls versuchen, für Flora und Fauna die gesamte Menschheit zu vernichten. Aki muss mit seinen Eltern Urlaub auf einer einsamen Insel verbringen, ohne Handy und Internet, nur noch bewohnt von der „Botanikerin“, die dort ihre vermeintlich harmlosen Experimente durchführt, tatsächlich aber überaus sinistre Pläne von globalem Ausmaß verfolgt. Im Kern erzählt das Duo mit viel Witz und in herrlich feinziselierten Zeichnungen eine kindgerechte mad scientist story mit Paranoia-Elementen: Aki findet die Wahrheit heraus, ist aber auf sich allein gestellt, denn natürlich denken seine Eltern, dass die Fantasie mit ihrem Sohn durchgeht – was sie sich letztendlich von diesem Digital-detox-Experiment ja auch versprochen hatten. Erziehungsauftrag erfüllt vs. Wir werden alle sterben, die Omma ist verrückt – das ist die humoristische Fallhöhe. Und während Aki zusammen mit einem wilden Esel, mit dem er sich angefreundet hat, seine Dr. Moreau zu entlarven versucht, kann man sich an all den niedlichen Waldtieren gar nicht genug sattsehen. Wenn’s darüber hinaus der Reife dient, die Weltuntergangspläne von durchgedrehten Bond-Bösewichten zu vereiteln, sollte dieser Comic erst recht und noch heute in jedem Kinderzimmer ausliegen.

Zuni, Christopher Fellehner: Holzinsel • Kibitz Verlag, Hamburg 2026 • Hardcover • 96 Seiten • 20,00 Euro

 

Moebius: Die hermetische Garage – Jäger und Gejagter

Moebius in den 70ern war die Revolution der Zeichen: Sein schmutziger Tuschestil aus „Blueberry“ wich linienbetonenden Federzeichnungen; die Schraffurtechnik erzeugte eine Dreidimensionalität, die sich dem Sog archaischer Traumwelten verschrieb; das Korsett des Genres wurde zur ans Absurde grenzenden Assoziation; die Seite war nicht mehr bloß Träger sequentieller Erzähleinheiten, sondern wuchs zum eigens komponierten Element; aus erzählerischer Geradlinigkeit entsprang eine hybride Programmatik aus Science Fiction, Mystik und Traumlogik – wortlos in „Arzach“, delirierend in „Die hermetische Garage“ oder „Der Incal“ und meist nur wenige Schritte von der Esoterik entfernt.

Automatisches Zeichnen, Abkehr von der begrenzten Seitenzahl des klassischen Albums, sexuell aufgeladene SF-Settings und das Primat des (alb-)traumhaften Fabulierens; die Introspektion der Künstleridentität vor jeder Verständlichkeit hatte es in dieser episch-avancierten Form noch nicht gegeben. Für den europäischen Comic war dies ein qualitativer Quantensprung, den Moebius wie kein zweiter verkörpert, und er wurde zum internationalen Star. Dass es trotzdem noch Werke von ihm gibt, die nicht ins Deutsche übertragen wurden, ist kaum zu glauben. Doch dieser Appendix zur „hermetischen Garage“ aus den 2000er Jahren, der nun beim avant-verlag erschienen ist, gehört ebenso dazu, wie der im Oktober bei Splitter angekündigte, über 700-seitige Spätwerk-Trumm „Inside Moebius“, an den sich bislang kein Verlag herangetraut hat. Gute Zeiten also, um Comicgeschichte nachzuholen.

Moebius: Die hermetische Garage – Jäger und Gejagter • Avant-Verlag 2026 • 64 Seiten • Hardcover • 30,00 Euro

 

André Breinbauer: Blutsauger

Hannah Traindl hat den alten Mietvertrag ihrer Oma übernommen und wohnt nun seit ein paar Monaten in einem Wiener Altbau. Doch die neue Hausverwaltung Easy-Wohnen setzt alles daran, die Mietparteien herauszuekeln. Das wäre die soziale Angst-Komponente. Zu allem Überfluss sieht Hannahs nachtaktiver Nachbar auch noch aus wie Max Schreck in „Nosferatu“ und benimmst sich mindestens merkwürdig, was die irrationale Angst hinzutreten lässt, bei ihm handele es sich um einen Vampir, der ihr nach dem Leben trachtet. Sie vertieft sich also in den Vampir-Mythos und bemerkt in dieser immer obsessiveren Beschäftigung gar nicht, dass sie die echte Gefahr immer mehr aus den Augen verliert. Wie der Wiener Zeichner André Breinbauer die schalkhafte Grusel-Hommage mit den realen Abstiegsängsten verbindet, bringt mal jenseits der metaphorischen Untertöne einen Schuss ganz expliziter Sozialpolitik ins Horror-Genre. Das honoriert selbst der Kulturbetrieb: Sogar die Max-und-Moritz-Preis-Jury gibt in diesem Jahr der Vampir-Story eine Chance und schickt den Titel ins Rennen.

André Breinbauer: Blutsauger • Carlsen, Hamburg 2026 • 248 Seiten • Hardcover • 28,00 Euro

 

Amazing Ameziane: Spielberg

Der französische Zeichner Amazing Ameziane ist der emsigste Comicbiograph der Filmwelt. Neben Quentin Tarantino und Martin Scorsese, die auch in deutscher Übersetzung bei Splitter erschienen sind, hat er sich auch der Werke Francis Ford Coppolas und Sergio Leones angenommen, Clint Eastwood wird das nächste Projekt. Aber erst einmal Steven Spielberg, das einstige Wunderkind, das Hollywood mit „Der weiße Hai“ auf den Blockbuster-Trichter gebracht hat, jenes globale Auswertungsmodell, dem wir die heutige beispiellose Konformität der Stoffe und Stile, gigantomanische Budgets und den Tod des B-Picture verdanken. Ebenso Dutzende Filme, die Geschichte geschrieben haben. Ameziane setzt die Fanboy-Brille auf und lässt sich chronologisch durch Spielbergs Filme treiben – nicht erschöpfend, eher repetitiv: so viel Geld, so viel Zusammenhalt am Set, so wenig Zeit. Beim Tarantino-Band korrespondierten die Abschweifungen bestens mit dessen Pastiche-Methode, da ließ sich auch ein wenig übers Exploitation-Kino sinnieren. Hier gewinnt man den Eindruck, dass Ameziane die Deadline im Nacken saß, wenn er immer wieder zu knappen Produktionsanekdoten zurückkehrt, die sich auffällig oft mit der englischen Wikipedia decken, und die Misserfolge teilweise ausspart. Alles so schön nostalgisch hier, ikonisch erst recht, technisch astrein, Spitzenfilme, netter Kerl. Die großformatigen, oft doppelseitigen Zeichnungen arbeiten sich meist an berühmten Szenen ab, die Illustration dominiert. Für die Textebene wäre diesmal ohnehin der Rückgriff auf externe Expertise ratsam gewesen.

Amazing Ameziane: Spielberg • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 192 Seiten • Hardcover • 35,00 Euro

 

Abb. ganz oben: Moebius: Die hermetische Garage – Jäger und Gejagter, Avant-Verlag

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