17. Mai 2018 2 Likes

Zu viel oder zu wenig Kontrolle?

Die Dokumentation „The Cleaners“ deutet die Ambivalenz des Internets an

Lesezeit: 3 min.

Fake News, Cambridge Analytica, Blasen. Diese und andere Schlagworte kursieren nicht erst seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten durch die Medien und werden gern als Erklärung für die immer noch kaum zu fassende Wahl eines Reality-Stars zum mächtigsten Mann der Welt, aber auch für populistische Bewegungen wie den Brexit oder das Aufkommen der AFD benutzt. Ganz zeitgemäß mutet da also der Dokumentarfilm „The Cleaners“ an, in dem sich die Regisseure Hans Block und Moritz Riesewick auf die Philippinen begeben, wo im Zuge der Globalisierung und der zunehmenden Vernetzung der Welt ein neuer Berufszweig entstanden ist: Content Moderatoren nennt man die Menschen, die jeden Tag stundenlang vor allem Bilder und Texte sichten, löschen und zensieren.

Kaum vorstellbare Datenmengen sind das, die jeden Tag bei Facebook, Twitter, Instagram oder Youtube hochgeladen werden und kontrolliert werden müssen, so schreiben es die Gesetze vor. Doch welche Gesetze? Schon hier fängt es an, interessant zu werden, denn jedes Land hat eigene Regeln und Gesetze, eigene Paragraphen was den Schutz ihrer Bevölkerung vor sexuellen oder gewalttätigen Bildern angeht, aber auch vor Karikaturen oder satirischen Darstellungen oftmals autokratischer Herrscher. Wenn es sich einer der meist im amerikanischen Silicon Valley beheimateten Tech-Konzerne da nicht mit einem potentiell riesigen Markt wie dem chinesischen verderben will, dann sollte er tunlichst das tun, was die Regierungen verlangen. Was in diesem Fall bedeutet: bestimmte Bilder sperren. Eine Form der Zensur also, eine möglicherweise fragwürdige Unterstützung eines autokratischen Regimes, die dem Ansatz der Sozialen Medien, Menschen zu verbinden, eigentlich widerspricht.

Doch hat man nicht gleichzeitig die Pflicht, die User vor pornographischem, rassistischem, gewaltverherrlichendem Material zu schützen? Komplexe moralische Fragen stellen sich hier, ambivalente Ansätze, die nicht einfach zu beantworten sind, deren Tragweite dieser Dokumentation allerdings kaum bewusst zu sein scheint. Unterschiedslos stellen die Regisseure immer wieder sich widersprechende Aussagen gegeneinander, betonen einerseits die schwammige Haltung der Tech-Konzerne, die sich bei Anhörungen vor amerikanischen Untersuchungsausschüssen vor ihrer Verantwortung zu drücken scheinen, während andererseits mit Holzhammer-Methoden angedeutet wird, wie problematisch es ist, wenn ein Philipino Bilder bewertet, die er kulturell nicht einordnen kann. Jenes berühmte Bild aus dem Vietnamkrieg, dass ein von Napalm verbranntes, nacktes Mädchen zeigt, wird den Richtlinien entsprechend etwa zensiert, es zeigt schließlich ein nacktes Mädchen.

Gerade diese Widersprüche und Ambivalenzen machen das Thema so kompliziert, die Frage, ob Plattformen wie Facebook eben nur eine Plattform sind, auf der alle und jeder tun und lassen können was beliebt, oder eben doch Einfluss auf das nimmt, was jeder Nutzer zu sehen bekommt. Ersteres dürfte das Selbstverständnis der Firmen selbst sein, letzteres der Realität näherkommen, wobei eine Frage sowohl in der aktuellen Facebook-Diskussion, als auch in dieser Dokumentation nicht gestellt wird: Die nach der Eigenverantwortung der Nutzer.

Auch in analogen Zeiten lag es schließlich an jedem Zeitungsleser selbst, sich ein gewisses Maß an Medienverständnis- und bewusstsein anzueignen, zu wissen, dass man der SZ oder FAZ eher trauen kann, als etwa der Bild. Eine Aufgabe, an der schon in analogen Zeiten viele Menschen scheiterten, die im Überfluss digitaler Zeiten also noch schwieriger wird. Doch bedeutet dies automatisch, dass soziale Medien die Aufgabe haben, ihre Nutzer vor sich selbst zu schützen? Sind Facebook und Co. tatsächlich für die Ignoranz und Leichtgläubigkeit ihrer Nutzer verantwortlich, die allzu oft und allzu gern die absurdesten Berichte für bare Münze nehmen? Dieser grundsätzlichen Frage weicht auch „The Cleaners“ aus, der zwar einige interessante Aspekte eines ebenso relevanten wie komplexen Themas aufzeigt, dabei aber eine eigene Haltung vermissen lässt.

„The Cleaners“ läuft ab 17. Mai im Kino.

The Cleaners • Deutschland/Brasilien 2018 • Regie: Hans Block & Moritz Riesewick

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