15. Januar 2019 2 Likes

Harte Fakten und große Bilder

„Die wandernde Erde“: Storysammlung und Werkschau von Cixin Liu

Lesezeit: 3 min.

Cixin Liu (im Shop) eröffnete der chinesischen Science-Fiction-Literatur den Weg nach Westen und rückte die wissenschaftlich fundierte Hard-SF weltweit wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit und des Interesses. Wie sein Romanbestseller „Die drei Sonnen“, strotzen auch viele der kürzeren Erzählungen des 1963 geborenen Bestsellerautors vor harten Fakten aus der Welt der Physik. Elf von Lius zum Teil preisgekrönten Geschichten, die seit 1999 entstanden, liegen nun im Band „Die wandernde Erde“ (im Shop) gesammelt auf Deutsch vor.

Nicht nur in der Titelgeschichte, die jüngst in China verfilmt wurde und in der die Erde mithilfe riesiger Triebwerke aus ihrem dem Untergang geweihten Sonnensystem geflogen werden muss, malt Liu riesengroße Bilder des Fortschritts, des Universums, der darin vorherrschenden Kräfte – und letztlich der Zerstörung und Verwüstung der Erde durch eben diese astrophysikalischen Mächte. Nicht weniger beeindruckend ist das Bild eines Tunnels zwischen China und der Antarktis, das einer gigantischen Weltenverschlinger-Ringwelt oder das eines Berges aus Wassers im Meer, der den Mount Everest überragt und von einem Schwimmer erklommen werden muss. Ob er nun gewaltige Zerstörungskraft beschreibt oder gewaltige Vorstellungskraft fordert: Liu schreibt in diesen Storys stark faktenorientiert und nüchtern, frönt ganz der Tradition klassischer Hard-Science-Fiction. Selbst die Dialoge dienen eher der notwendigen Informationsübermittlung und der Erklärung des Szenarios.


Cixin Liu, Foto © Li Yibo

Aber der u. a. mit dem amerikanischen Hugo Award ausgezeichnete Überflieger der chinesischen, ach was, der internationalen Science-Fiction kann auch anders, wie mehrere Erzählungen der Kollektion beweisen, die einiges an Herz und Humor ins Spiel bringen. Etwa, wenn Liu die symbiotische Hochzivilisation der Dinosaurier und der Ameisen in der Kreidezeit entstehen lässt; wenn die außerirdischen Schöpfer der Erde als Greise zurückkehren und von ihren menschlichen Kindern gepflegt werden müssen; wenn ein einfacher Junge vom Land einen Weltraumspaziergang mit Stephen Hawking macht; oder wenn sich der ehemalige Computertechniker Liu als trinkenden, obdachlosen Ex-Schriftsteller und ferner als Indikator der Handlung in eine seiner Geschichten über einen verheerenden digitalen Virus schreibt. Zwischen dem Internet of Things, Blasenwelten, Mikromenschen, Kälteschlaf-Zeitsprüngen, Profikillern, Terranauten und Alien-Invasionen findet sich außerdem immer Platz für ein wenig Gesellschaftskritik, die sich keineswegs auf China beschränkt – Liu sagte schließlich einmal, dass Science-Fiction universale Literatur für die gesamte Menschheit sei und deshalb von überallher und überall funktioniere. Dennoch bietet die „chinesische Perspektive“ einen zusätzlichen Anreiz für westliche Leser, deren SF-Lektüre für gewöhnlich vom anderen Ende der Seidenstraße stammt, um mal frei aus dem kenntnisreichen Nachwort des britischen Second-Generation-Verlegers Nicolas Cheetham im Anhang der Kurzgeschichtensammlung zu zitieren.

Die Storys in „Die wandernde Erde“, die manchmal lose miteinander verknüpft sind, zeigen Lius Können genauso wie die wichtigsten Themen und Ideen seines gefeierten Werks, und wie er diese in Ton und Schwerpunkt variiert. Nicht allein begeisterte Leser seines Romans „Die drei Sonnen“ werden diese Werkschau, ja dieses Schaulaufen des chinesischen Genre-Superstars auf der bewährten Kurzstrecke der Zukunftsliteratur genießen. Der Band eignet sich viel mehr sogar hervorragend für den Erstkontakt mit Cixin Liu, chinesischer Science-Fiction oder Hard-SF.

Cixin Liu: Die wandernde Erde • Aus dem Chinesischen von Karin Betz, Johannes Fiederling & Marc Hermann • Heyne, München 2019 • 683 Seiten • E-Book: 11,99 € (im Shop)

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