„Brutalist Korea“ – Koreanischer Beton
Paul Tulett entdeckt brutalistische Meisterwerke in Südkorea
Architektonisch denkt man bei Korea wohl nicht unbedingt als erstes an rohen Beton, sondern an Stahl und Glas, an moderne, futuristische Großstädte voller Leuchtreklamen und hochmoderner Bildschirme. Doch zwischen den modernen Hochhaustürmen und den vereinzelten Überresten einer langen Vergangenheit,
hat der britische Photograph und Stadtplaner Paul Tulett eine ganze Reihe von Gebäuden entdeckt, die meist mehr, manchmal auch weniger, dem Stil des Brutalismus zuzuordnen sind.
Auslöser für den nun bei Prestel erschienenen Band „Brutalist Korea“ (im Shop) war das vor knapp zwei Jahren im selben Verlag veröffentlichte „Brutalist Japan“. Dort hatte Tulett, der seit Jahren auf der südlichen japanischen Insel Okinawa lebt, einen Überblick über brutalistische Gebäude in dem ostasiatischen Staat gegeben, der sich sehr gut verkaufte. Da lag es nahe, dass Tuletts Verleger um einen Nachfolgeband bat, der sich mit Japans Nachbar Korea, bzw. genauer Südkorea beschäftigt. Für einen Moment spielte Tulett zwar offenbar mit der Idee, sich auch mit den gewiss eindrucksvollen Betonmonumenten des kommunistischen Nordens zu beschäftigen, sah dann aber davon ab, nicht zuletzt aus Sorge um die eigene Sicherheit. Ein weiser Gedanke, denn um den Objekten der Begierde nahe zu kommen, scheut Tulett augenscheinlich auch nicht vor klandestinen Aktionen zurück, man könnte auch einfach unbefugtes Betreten sagen, wie er bei der Bildbeschreibung einer Klinik in der koreanischen Pampa zugibt. Dieses eher unscheinbare Gebäude – gelbliche Fassade, umringt von dickem Stacheldraht – ist zwar sicher keine architektonische Meisterleistung, deutet jedoch die komplexe Geschichte des Brutalismus auf der Halbinsel an.


Ähnlich wie im benachbarten Japan herrschen auch in Südkorea oft extreme klimatische Bedingungen, die Bauen mit Beton als praktikable Methode erscheinen lassen, um den heißen Sommern zu trotzen. Vor allem aber herrschten in Südkorea nach dem Zweiten Weltkrieg wechselnde Militärdiktatoren, die mit eiserner Hand (und westlicher, vor allem US-amerikanischer Unterstützung) jegliche linke, demokratische Bewegung unterdrückten. Eine Ära, in der die abgebildete Klinik als sogenanntes „Rehabilationszentrum“ für Prostituierte diente, man könnte genauer sagen: Als Inhaftierungsmöglichkeit für unliebsame Elemente.
Durch diesen historischen Hintergrund muten auch andere von Tulett zusammengetragene Beispiele für brutalistische Architektur aus den 60er oder 70er Jahren noch mehr als ohnehin als Orte an, die wie aus einem dystopischen Film wirken, düster und bedrückend, die ganze staatliche Autorität und Unterdrückung ausstrahlend. Eine Ausnahme bildet da die spektakuläre Kyungdong Presbytarian Church, ein 1981 vollendeter Sakralbau, außen mit Backsteinfassade, innen mit glattem Sichtbeton, mehr Bunker als Gotteshaus, aber unbedingt eindrucksvoll.


Vier Seiten gönnt Tulett diesem Bau, die meisten anderen der über einhundert Beispiele werden dagegen auf nur eine Seite abgehandelt, eine arg kleinteilige Herangehensweise, mit der sich Tulett wie schon bei „Brutalist Japan“ bisweilen der Möglichkeit beraubt, die spektakulären Details der Architektur herauszuarbeiten.
Mag sein, dass sich das nicht überall in dem Maße lohnt wie etwa bei etlichen vom japanischen Stararchitekten Tadao Ando entworfenen Gebäuden, die ausführlicher vorgestellt werden. Doch gerade wenn zahlreiche Fotos die Details der Architektur eines Kulturzentrums andeuten, das bewusste Einsetzen von verkanteten Streben, das Spiel des Lichtes auf dem nur scheinbar eintönigen Beton, zeigt sich die ganze Vielfalt des Brutalismus.
Sei es drum: Auch so beeindruckt „Brutalist Korea“ mit seinem Überblick über spektakuläre Bauten in Südkorea, neben stilprägenden einheimischen Architekten wie Kim Swoo-geun oder Seung h-sang sind auch internationale Namen wie Zaha Hadid oder coop himmelb(l)au Kino vertreten, die einmal mehr zeigen, welch vielfältiges Bauen mit dem nur scheinbar banalen Beton möglich ist.
Paul Tulett: Brutalist Korea • Sachbuch • Prestel, München 2026 • 240 Seiten • Hardcover • € 45,00 • im Shop
Kommentare