22. Dezember 2012

Exemplarische Science-Fiction

„Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ – Erzählungen von Ted Chiang

Lesezeit: 4 min.

Die Science Fiction, so tönt es aus allen Richtungen, hat ihre beste Zeit hinter sich: Nichts mehr ist geblieben vom stolzen Anspruch, das dunkle Terrain der Zukunft zu erhellen und den Leser via wohligem »sense of wonder«-Schauer auf künftige Menschheitsabenteuer einzustimmen; völlig zurecht wenden sich die Leser folglich von einem Genre ab, das, in der Sprache gewisser Jung­politiker, nicht mehr »liefert«. Nun, daran ist dies und das wahr (die Zeiten, in denen Arthur C. Clarke und Robert A. Heinlein live im Fernsehen den ersten Mondspaziergang kommentieren durften, sind tatsächlich vorbei; aber andererseits: Wir spazieren auch nicht mehr auf dem Mond, sondern schnüren Rettungs­pakete für Griechenland), ist dies und das marktlogisch (einige SF-Autoren haben es sich darin gemütlich gemacht, was Harry Mulisch einmal ein »braves Genre« nannte: eine bebilderte Hochrechnung von Tagesaktualitäten, die, wenn überhaupt, ihre Spannung aus einem konventionellen Thrillerplot bezieht), und ist dies und das ganz banal ignorant: Verweigert etwa Charles Stross den »sense of wonder«, wenn er bemannte Raumfahrt für einen ziemlichen Unsinn hält? Hat Paolo Bacigalupi nichts mit der Zukunft am Hut, wenn er seine Geschichten in der Dritten Welt ansiedelt? Liefert Ted Chiang nicht, wenn er keine Lust hat, tausendseitige Space Operas zu schreiben?

Überhaupt Ted Chiang, wunderbares Beispiel. Mit seinen knapp dreizehn seit 1990 geschriebenen Erzählungen hat der Amerikaner so ziemlich jeden Preis eingeheimst, den das Genre zu vergeben hat, und was immer es an Ausreden gegeben haben sollte, ihn zu ignorieren, ist jetzt obsolet: Denn das bei Golkonda erschienene Buch »Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes«, das fünf seiner Geschichten erstmals auf Deutsch versammelt, ist »sense of wonder« pur. Da flüchtet der Autor nicht in Meta-Texte oder Insider-Spielchen, sondern macht, was jede neue Generation von Autoren machen sollte, wenn sie das Genre ernst nimmt: Er sucht sich jenen archimedischen Punkt, an dem man das, was wir über die Welt denken, so weit biegen kann, dass es eine Form ergibt, die man aus gutem Grund Science Fiction nennt und nicht Fantasy. Zukunft? Natürlich, irgendeine Zukunft wird es schon sein, wenn uns Außerirdische einen Besuch abstatten oder rätselhafte Maschinenwesen über ihre Herkunft philosophieren, aber es könnte auch die Zukunft einer anderen Gegenwart sein oder womöglich die Gegenwart einer von uns herbeimythisierten Vergangenheit.

Ted Chiang hat Informatik studiert und weiß: Wenn wir über die Natur sprechen, sprechen wir über unsere Kenntnisse von der Natur, sprechen wir über Informationen, also Wahrscheinlichkeiten, die sich im Hinblick auf Myriaden von Unwahrscheinlichkeiten einstellen (oder auch nicht). Natürlich gibt es kosmische Fakten und Eigenschaften von Materialien und Regelmäßigkeiten und solche Sachen – aber gilt das auch für die, wenn man so will, Algorithmen, nach denen wir Welterklärung betreiben? Warum nicht einmal, wie in »Der Turmbau zu Babel«, ein Universum beschreiben, wie es sich unsere alttestamentarischen Vorfahren in etwa zusammengeschustert haben, ein Universum also, in dem das ptolemäische Weltbild physikalische Gültigkeit besitzt – und in dem es trotzdem erst das soziale Verhalten der Menschen ist, das daraus eine »Welt« macht? Oder, wie in »Geschichte deines Lebens«, eine außerirdische Spezies, die eindeutig in derselben beobachtbaren Welt lebt wie wir, aber diese beobachtbare Welt völlig anders interpretiert, nämlich nicht kausal, sondern teleologisch – und darauf ein ebenso festes beziehungsweise ebenso fragiles semantisches Gebilde errichtet wie wir? Oder, wie in der furiosen Titelgeschichte, eine Erde, in der das Göttliche regelmäßig und für alle sichtbar interveniert und in der es trotzdem unerklärbares Leid gibt – eine Erde also, wie einige Leute sie sich offenbar tatsächlich vorstellen, dass sie funktioniert, aber nicht den Mumm haben, sich einzugestehen, dass das Göttliche, das wir uns vorstellen, nur in unserer Vorstellung nicht profan, nicht mit sich selbst beschäftigt ist?

Das alles ist nicht unbedingt gänzlich neues literarisches Terrain – unvergessen bleibt Philip José Farmers Story »Weitersegeln! Weitersegeln!« über die ultimative Angstsituation avant Kolumbus –, aber Chiang findet doch eine eigene Stimme: Ihm geht es um die moralischen, ja alltagsmoralischen Folgerungen; darum, dass auch vorgestellte Welten für den, der darin lebt, schmerzhaft konkret sind. Und wenn es, was die Voraussetzungslosigkeit und das Kontraintuitive betrifft, auch etwas von der Phantastik eines Jonathan Carroll hat, so ist es doch Science Fiction: Es dehnt das Mysterium, in dem wir leben und das wir wissenschaftlich oder theologisch, jedenfalls immer hermeneutisch, beschreiben, nur so weit, wie es das jeweils beschreibende System zulässt. Am wichtigsten aber ist: Ted Chiang schreibt keine epistemologischen Lehrstücke im Sinne von »Jetzt schauen wir mal, was passiert, wenn wir Gödel Gödel sein lassen« (auch wenn eine seiner spannendsten Geschichten »Division by Zero«, die in dieser Auswahl leider nicht enthalten ist, durchaus Züge einer solchen Science-Fiction-Didaktik trägt), sondern er schreibt Ideenliteratur reinsten Wassers und erster Güte: Ideen, die sich nicht selbst genügen, sondern immer mit dem merkwürdigen Wesen, Mensch genannt, zu tun haben, das sie sich ausgedacht hat; Texte, die so fein und präzise gearbeitet sind, dass wir erst gar nicht merken, wie sehr sie uns in Staunen versetzen. Müßig zu erwähnen, dass einem Vergleichbares in der Gegenwartsprosa praktisch nie begegnet. Und müßig auch zu erwähnen, dass das, was Science Fiction ist und sein kann und was Ted Chiang seit Jahren auf exemplarische Weise betreibt, gerade erst anfängt.

Ted Chiang: Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes • Erzählungen · Aus dem Amerikanischen von molosovsky · Golkonda Verlag, Berlin 2011 · 182 Seiten · € 14,90

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