22. September 2016 1 Likes

Zwei Punkte auf Odyssee

ARTE erzählt mit „Type:Rider“ spielerisch die Geschichte der Typografie

Lesezeit: 4 min.

Zu den Kernthesen des im Alter von nur 68 Jahren viel zu früh verstorbenen Literatur- und Medienwissenschaftlers Friedrich Kittler gehörte die Behauptung, wonach menschliches Wissen viel stärker von den in einer jeweiligen Epoche dominanten Medien und deren technischen wie materiellen Voraussetzungen geprägt ist, als es manch egozentrischem „Geniegedanken“ unserer Philosophie- und Geistesgeschichte lieb sein kann. Die Medien, so hatte es bereits Friedrich Nietzsche vor Kittler aphoristisch angedeutet, schreiben an unseren Gedanken und Selbstbildern mit und sind eben keine von Menschenhand jederzeit bewusst ein- oder ausschaltbare „Option“ unter unserer Kontrolle. Speziell Kittler ging es in seinen gerade in Akademikerkreisen berühmt berüchtigten Schriften wie Grammophon Film Typewriter um die Betonung eines medientechnischen Apriori, also einer Art Vorrangigkeit der Medientechnik, die oftmals vor dem Denken und Arbeiten mit Medien wie dem Computer oder der Schreibmaschine alle weiteren Schritte vorformatiert.

Für viele Kritiker Kittlers klang das schon lange vor dem Internet an so mancher Stelle etwas paranoid und mitunter schwer verdaulich, doch neben der gelungenen (weil positiv folgenreichen) Provokation speziell der damals medientheoretisch verschlafenen Geisteswissenschaften, bleibt festzuhalten, dass Kittlers materialistisch-technologischer Blick auf die Grundbedingungen unserer Kultur in ihren Grundfesten nichts an Attraktivität eingebüßt hat. Gerade dann nicht, wenn man sich bei einer so alten Kulturtechnik wie der Schrift die Zeit nimmt, deren Geschichte über einige Jahrtausende und speziell die der letzten Jahrhunderte seit der Erfindung des Buchdrucks zu verfolgen. Was nun entweder nach einem Thema für ein Linguistik-Seminars oder, in einer abgemilderten Form, nach einer ausgiebigen Lektüre bei Wikipedia klingt, lässt sich mit einem zwar nicht mehr ganz taufrischen, aber nach wie vor sehr empfehlenswerten Kleinod nachholen.

Mit Type:Rider brachte ausgerechnet der Fernsehsender ARTE 2014 ein faszinierendes Game für IOS und Android auf den Markt, das man nur sehr oberflächlich als 2D-Plattformer inklusive einiger kleiner Puzzle-Elemente beschreiben kann. Der Ansatz verfolgt nichts Geringeres, als uns in den einzelnen Level-Abschnitten die bedeutendsten Zäsuren und Entwicklungen der Schriftgeschichte näherzubringen. Damit bewegt sich ARTEs erstes Game-Projekt nahe am Genre der Serious Games oder sogar der Lernsoftware, denn es gibt – oh Wunder – viel zu lesen und zu lernen während den 2-3 Spielstunden. Mit zwei Punkten (oder einem Doppelpunkt) geht es in klassischer Sidescroller-Manier auf eine Reise durch markant designte Levels, die nach Epochen, Schriftarten und deren Schöpfern aufgeteilt sind. So hüpft man sich mit seinen zwei Pünktchen etwa durch Level namens Garamond, Helvetica oder Futura und verdient sich durch fleißiges Einsammeln wild verteilter Buchstaben und Ikons optional einsehbare Buchseiten, die in kompakter, gut lesbarer Form Auskunft über berühmte Buchdrucker, technische Innovationen wie die Schreibmaschine oder ganze Bewegungen wie Bauhaus anbieten. All dies zusammen ergibt ein wunderbares Kompendium für jede Altersklasse, die sich spielerisch und nicht zu akademisch mit einem Stück Kulturgeschichte auseinandersetzen möchte. Ignoranten, die einen solchen Ansatz tatsächlich nur als Jump´n´Run missverstehen wollen, können all das auch ausblenden und sich nur auf das Gameplay konzentrieren.

Doch gerade die Spielmechanik fällt im Vergleich zum schicken Design und der sehr pfiffigen Umsetzung grafisch motivierter Puzzle-Einlagen wie der „hüpfenden“ Bedienung einer Schreibmaschine oder dem Ausbalancieren einer Kugel zwischen den Textblöcken eines Schriftstückes leider doch insgesamt etwas ab. Denn die meiste Zeit besteht das Gameplay darin, gegen eine recht störrische Steuerung anzukämpfen, die zwar aufgrund der sehr fairen Rücksetzpunkte nicht wirklich für Dauerfrust sorgt, allerdings auch nicht dazu einlädt, abgeschlossene Level im angebotenen Speedrun-Modus mehrfach durchzustehen. In vielen Momenten ist man vor allem damit beschäftigt, die Punkte gegen recht starke und oft nicht einmal durch die Spielwelt plausibilisierte Widerstände von einer Plattform zur nächsten zu „zerren“. Das hätten die Entwickler wesentlich eleganter lösen müssen, damit auch die Mechanik an sich motiviert und als echter Kaufgrund durchgeht. Die durchgängig simplen Rätsel wie kleine Schiebeeinlagen oder die Flucht vor einem schießenden Fadenkreuz, bringen auch nur dann frischen Wind in den Ablauf, wenn man diese Sequenzen mit dem medienhistorischen Grundkonzept des Games verknüpft. Ohne diese Assoziation bleiben sie bloßes Stückwerk ohne echten Eigenwert.

Daher ist Type:Rider letztlich nur Spielern zu empfehlen, die sich für die facettenreiche Geschichte der Typografie und damit einem wichtigen und nach wie vor in unserer Kultur dominanten Medium interessieren. Denn das Game illustriert wunderbar einleuchtend, wie gerade im digitalen Korsett zwischen 0 und 1 (so würde es wohl auch Kittler ausdrücken) auch traditionelle Medien wie Buchstaben und Schrifttypen integriert und zu einem spannenden Konzept transformiert werden können. Medienumbrüche wie die Etablierung des Films, der Werbung und des Comics oder der Siegeszug der Digitalität werden ebenso thematisiert wie die Ursprünge der Schrift aus dem Geiste der Wandmalerei. Neben imposanten Bildern, die atmosphärisch wegweisenden (und spielerisch letztlich teilweise vergleichbaren) Indie-Games wie Limbo oder Inside durchaus das Wasser reichen können, geht Type:Rider aufgrund seiner eigenständigen Idee sogar als echte Alternative durch. Wer sich über die Menge an Text und Bildung innerhalb des Gameplays beklagen sollte, müsste sich aber dann folgerichtig auch die Frage gefallen lassen, ob ihm oder ihr bei The Walking Dead nicht zu viele Zombies oder bei Star Wars zu viele Lichtschwerter negativ auffallen. Kurz gesagt: Spieler mit Wissensdurst sollten unbedingt mehr als einen Blick riskieren. Denn die Frage, wie Schrift zwischen analoger und digitaler Kultur (nicht nur im Sinne Kittlers) weiter an uns und unserem Umgang mit Medien“mitschreibt“, wird sicher auch in der Zukunft einige spannende Beobachtungen nach sich ziehen.

Type:Rider ist für IOS, Android und jüngst auch für PS4 sowie PS Vita erschienen. Ein Trailer ist unter dem Beitrag eingebettet.

Type:Rider • ARTE/Ex Nihilo • Exploration 2D-Plattformer

Abb. © ARTE/Ex Nihilo

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