30. November 2015 3 Likes 1

Portrait eines galaktischen Phänomens

Chris Taylors Sachbuch „Wie Star Wars das Universum eroberte“

Lesezeit: 4 min.

Dieses Jahr wird nicht bis Weihnachten runtergezählt, sondern bis zum Beginn einer neuen Star Wars-Ära. Okay, technisch gesehen begann diese schon mit den Vorbereitungen auf die Zeit nach George Lucas am Steuer des Phänomens und mit der Integration in Disneys Maus-Imperium. Aber der Release von „Das Erwachen der Macht“, eines neuen Star Wars-Streifens in den Kinos, wird es so richtig greifbar machen. Die deutsche Ausgabe von Chris Taylors Sachbuch „Wie Star Wars das Universum eroberte“ (im Shop), ein höchst unterhaltsamer Blick auf den Mythos Star Wars und dessen Schöpfer George Lucas, ist also das definitiv richtige Buch zur richtigen Zeit …

Fakt ist: Wer über Star Wars spricht, muss über George Lucas sprechen. Und genau das macht Chris Taylor, der Journalismus studierte und seit Jahren als Redakteur und Herausgeber tätig ist, über weite Strecken seines seitenstarken Buches. Aus Mr. Lucas’ Biografie ergibt sich zwangsläufig die Genesis und die Geschichte von Star Wars – und damit einer Revolution von Filmgeschäft und Popkultur. Das ist überhaupt eine der großen Stärken von Taylors Aufarbeitung: Parallel zu Lucas’ bahnbrechender Arbeit wird eben auch immer der entsprechende Film- und Pop-Zeitgeist als Kontext herausgearbeitet. Die andere große Stärke ist, dass Taylor die Star Wars-Historie lebendig und detailreich schildert und sowohl den begeisterten Fan, als auch den wachsamen Journalisten gibt. Er zeigt die Schwächen der Filme und ihres Kosmos genauso wie die Macken und Widersprüchlichkeit des geistigen Vaters von Luke Skywalker. Obendrauf packt Taylor noch kritische Stimmen und massig Zahlen.

In seinem Buch ist einfach alles drin:

Die Herleitung des Space Fantasy-Genres und die Einflüsse von Alex Raymonds Flash Gordon und Edgar Rice Burroughs Mars-Romanen.

George Lucas als Kumpel von Coppola und freundschaftlicher Rivale von Steven Spielberg – als Fast-Regisseur von „Apocalpse Now“ und Wegbereiter von Pixar.

Die wahre Herkunft der Worte „Wookie“ und „R2-D2“.

Dass Lucas das Verfassen und Überarbeiten von Drehbüchern als „Aufs Papier bluten“ bezeichnete.

Die Schwierigkeiten bei der Finanzierung des ersten Krieg der Sterne-Films.

Wie es dazu kam, dass Alan Dean Foster (im Shop) – zunächst als Ghostwriter – den offiziellen Roman zu „Krieg der Sterne“ schrieb und dieser Monate vor dem verschobenen Filmstart ein Bestseller wurde.

Wie wichtig das Logo, der gekürzte Roll-Up-Text und die Musik von John Williams sind, oder die zehn Minuten von Episode IV, die genau der ersten Filmrolle entsprachen.

Die Geburt eines multimedialen Giganten, der Merchandise- und Franchise-Kultur sowie des Sommer-Blockbusters.

Wie Spielberg und Lucas am Strand von Hawaii auf den Namen „Indiana Jones“ kamen.

Dass Star Wars dabei half, „Alien“, „Blade Runner“, „Tron“ und den ersten „Star Trek“-Film auf den Weg zu bringen, während George Lucas und Gene Roddenberry einander lediglich ein einziges Mal trafen.

Wie der einstige Lastwagenfahrer James Cameron von Star Wars regelrecht zum Effekt-Kino getrieben wurde.

Dass Pulitzer-Preisträger Art „Maus“ Spiegelman die erste Serie Star Wars Kaugummi-Trading-Cards für Topps mitdesignte.

Wer auf Han Solos legendäre „Ich weiß“-Antwort gekommen ist, und wer zuerst geschossen hat.

Wieso Lucas von einem Autorenparadies mit Pumas träumte.

Wer noch als Todeskandidat in „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ im Gespräch war.

Wie seine Scheidung Lucas aus der Bahn warf und ihn richtig viel Geld kostete.

Inwieweit Ronald Reagan „Star Wars“ als Begriff in der Politik zweckentfremdete.

Wie He-Man und G. I. Joe die Jedi aus den Kinderzimmern verdrängten und Star Wars zum 10-jährigen Jubiläum Ende der 80er im nostalgischen Sumpf versank, ehe das Erweiterte Universum geboren wurde und die verrückte Roman-Flut einsetzte.

Wie ab 1994 die Prequel-Trilogie geplant wurde, und was für Schäden und Traumata sie dem Franchise und seinen Fans zugefügt hat – und wie man sie überwinden kann.

Die Clone Wars im Kino und im TV, der Mega-Deal mit Disney.

Selbstverständlich ein zaghafter Ausblick auf „Das Erwachen der Macht“ und eine Analyse des ersten Teaser-Trailers zu Episode VII.

Dazu kommen schräge bis erstaunliche Auswirkungen und Ausuferungen des Star Wars-Mythos, u. a. professionelle Freizeit-Sturmtruppler, meisterliche Erzwo-Bastler und anderes.

Wem die vielen Zitate mit allen möglichen Beteiligten aus knapp einem halben Jahrhundert nicht reichen, der freut sich womöglich über die kleine, aber feine Schwarzweiß-Foto-Strecke, die z. B. Kermit, Yoda, Frank Oz und Jim Henson zeigt sowie das einzige existente Foto von Lucas und Roddenberry. Michael Nagula, SF-Autor und -Übersetzer und im Comic-Bereich seit 15 Jahren Star Wars-geeicht, hat zudem die vorhandenen deutschen Titel zu den englischen gestellt und ein paar zusätzliche Fußnoten ergänzt. Runde Sache.

„Wie Star Wars das Universum eroberte“ ist mehr als eine unterhaltsame Biografie von George Lucas, und mehr als ein süffiges, vielseitiges Portrait des Star Wars-Mythos, den Chris Taylor von innen wie von außen mal liebevoll, mal kritisch betrachtet. Die Schwarte, die als Paperback und E-Book vorliegt, präsentiert sich als Star Wars-Guide und darüber hinaus als Tour durch die Entwicklung von Film, Spielwaren, Marketing, Digital Cinema, Franchise-Konzepten und anderem. Letztlich beleuchtet Taylor durch sein Spotlight auf das Star Wars-Märchen nun mal auch ein ganzes Stück Filmgeschichte und Popkultur – was die Zielgruppe für „Wie Star Wars das Universum eroberte“ wirklich riesig macht. Zumal Taylor niemanden ausschließt, ob Hardcore-Fan oder Franchise-Padawan.

Möge die Macht mit diesem Brocken von einem Sachbuch sein, das eine wahre Fundgrube ist – und hoffentlich viele Star-Wars-Fans, Film-Freaks und Kino-Besucher erreicht, erhellt und fasziniert.

Chris Taylor: Wie Star Wars das Universum eroberte • Heyne, München 2015 • 768 Seiten • 11,99 Euro

Kommentare

Bild des Benutzers Ledzep

Klasse Schmöcker, nicht nur zum Thema Star Wars sondern zur Filmgeschichte allgemein.

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