14. November 2022

Weltraumblasen und Hitzekuppeln

Not macht erfinderisch, heißt es, und die Not ist gerade ziemlich groß

Lesezeit: 4 min.

Wenn Sie immer noch der Meinung sind, dass das mit dem Klimawandel nicht so schlimm ist, dann kennen Sie die BC-Hitzekuppel nicht.

BC steht für die kanadische Provinz British Columbia, wo ich lebe. Als ich hierherzog, war ich überrascht, wie mild die Sommer in einem derart weit nördlich gelegenen Land sind. 2021 wurde aus mild dann schrecklich. Durch ungewöhnlich starke Regenfälle in China bildete sich über BC eine gewaltige Kuppel aus heißer Luft, in der extreme Temperaturen herrschten: 43 Grad in Vancouver, 49 Grad in einem Städtchen im Hinterland, das buchstäblich in Flammen aufging.

Es waren vier ekelhafte Tage. Ich musste vor sechs Uhr morgens mit dem Hund raus, und selbst da hat der Asphalt schon gekocht. Ich habe eine ganze Woche lang kein Hemd getragen, nur einen klebrigen Schweißfilm. An Schlaf war nicht zu denken, denn selbst nachts hatte es noch 26 Grad. Sagen wir es mal so: Ich bin aus Afrika, und mir war noch nie so heiß wie letzten Sommer in Kanada. Vierhundert Menschen fielen der Hitze zum Opfer.

Der Klimawandel ist real, er ist bereits eingetreten und macht unserer Spezies, die mit Vorliebe die Finger in die Ohren steckt und „Lalala, ich kann nichts hören!“ brüllt, ordentlich die Hölle heiß. Wenn Sie das leugnen, dann sind Sie dämlich und sollten mal die Augen aufmachen.

Glücklicherweise ist die Menschheit auch sehr erfinderisch und hat bereits jede Menge Einfälle, wie man die Temperaturen auf unserem kleinen zerbrechlichen Planeten wieder senken kann. Viele dieser Ideen haben irgendwie mit dem die Erde umgebenden Weltall zu tun, womit diese Kolumne wieder bei ihrem Thema wäre. Insbesondere den Plan, die Welt mit riesigen Weltraumblasen zu retten, will ich Ihnen nicht vorenthalten.

Was hat es damit auf sich? Eine Forschergruppe vom Massachusetts Institute of Technology glaubt, dass man die globale Erwärmung aufhalten kann, wenn man eine gewaltige Menge riesiger Blasen so zwischen der Erde und der Sonne positioniert, dass sie das Sonnenlicht abhalten. Den Berechnungen der Forscher zufolge müssten wir nur 1,8 Prozent des Sonnenlichts blockieren, das auf die Erde fällt, um die globale Erwärmung auszugleichen. Eigentlich eine bemerkenswerte Idee, obwohl ich beim ersten Lesen natürlich dachte: „Jaja, alles sehr interessant, aber ich will mehr über diese seltsamen Blasen wissen!“

Seifenblasen sind jedenfalls nicht gemeint, so reizvoll die Vorstellung auch sein mag. Nein, die Haut dieser Blasen besteht aus einem neuartigen künstlichen Film, was sowohl die Produktion der Blasen als auch ihren Transport in den Weltraum ziemlich schwierig macht. Weshalb die Forscher vorgeschlagen haben, die Blasen gleich im Weltraum herzustellen. Und damit sie langfristig auf einer stabilen Umlaufbahn bleiben, bringt man sie am besten zu einem Lagrange-Punkt, also einem Punkt der Stabilität zwischen den Gravitationsfeldern der Sonne und der Erde.

Wie gesagt ist Sinn und Zweck dieser Blasen, so viel Sonnenlicht wie möglich abzuhalten. Ich konnte mir allerdings ein Grinsen nicht verkneifen, als ich von einem weiteren Vorteil dieser Blasen las: Wenn man sie nicht mehr benötigt, wenn sie beispielsweise irgendwann zu viel Sonnenlicht blockieren, kann man sie einfach wie Seifenblasen platzen lassen. Da stelle ich mir jetzt einen Astronauten mit einer großen Nadel vor – definitiv ganz vorne auf der Liste meiner Traumjobs.

Leider Gottes werden diese zauberhaften Weltraumblasen wohl ein Traum bleiben. Was in erster Linie daran liegt, dass sich viele Nationen der Welt nicht die Bohne für den Klimawandel interessieren – und die, die es tun, haben weder die Macht noch die Mittel, um wirklich etwas bewirken zu können. Die Großmächte – China, die USA und so weiter – haben andere Probleme. In den USA zum Beispiel scheint sich die Hälfte der Politiker ausschließlich mit Gebärmuttern zu beschäftigen, weil irgendwas mit Bibel und den Gründervätern und der Verfassung und ihrem Frauenhass. Für dieses Problem habe ich auch keine Lösung, aber gute Lust, besagten Politikern ordentlich eins hinter die Löffel zu geben und sie für immer und ewig aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Aber auf mich hört ja keiner.

Jedenfalls sollte jedem klar sein, dass wir schnellstens etwas gegen den Klimawandel unternehmen sollten, sonst haben wir diese Hitzekuppeln nicht nur in Kanada, sondern überall auf der Welt. Aber vielleicht ist es auch schon zu spät. Vor einigen Wochen hat mir meine Schwester erzählt, dass es in London 43 Grad hat – keine sehr angenehme Temperatur, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.

Können Sie sich das Elend und das Chaos vorstellen, wenn von jetzt an jeder Sommer so heiß wird? Ich bin inzwischen für jeden noch so unkonventionellen Vorschlag dankbar, also: Versuchen wir es mit den Weltraumblasen. Und mit ein paar saftigen Ohrfeigen für die amerikanischen Politiker, wenn wir schon dabei sind.

 

Rob Boffard wurde in Johannesburg geboren und pendelt als Autor und Journalist zwischen England, Kanada und Südafrika. Er schreibt unter anderem für „The Guardian“ und „Wired“. Seine Romane „Tracer“ (im Shop), „Enforcer“ (im Shop) und „Verschollen“ (im Shop) sind im Heyne-Verlag erschienen. Alle seine Kolumnen finden Sie hier.

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