2. Januar 2020

Die Spitze der Pyramide

„Der letzte Pharao“ - Blake & Mortimer in der Postapokalypse von Brüssel

Lesezeit: 2 min.

Neben „Tim & Struppi“ von Hergé ist „Blake & Mortimer“ von Edgar P. Jacobs (1904-1987) der große Klassiker der franko-belgischen Comics. Die Abenteuer eines Physik-Professors und eines Offizers vom MI5 hatten nicht selten starke fantastische Elemente oder waren mehr oder weniger reine SF (Das Geheimnis von Atlantis, SOS Meteore, Die teuflische Falle, Die drei Formeln des Professor Sato).

Hergé hatte testamentarisch verfügt, dass „Tim & Struppi“ nach seinem Tod nicht fortgesetzt werden darf. Nicht so Jacobs. Und daher werden seit Mitte der 1990er von unterschiedlichen Autoren und Zeichnern die Abenteuer des Gespanns fortgeführt, streng dem Geist der Vorlage verpflichtet, Pastiche auf hohem Niveau.

Doch nun hat man sich beim Verlag Dargaud entschlossen aus diesem engen Korsett auszubrechen und präsentiert auch eine „Spezial“-Reihe, in der sich die beteiligten Künstler aus den stilistischen Zwängen befreien dürfen und „ihr eigenes Ding“ machen können. Dieses Konzept hat sich bereits bei „Spirou“ bewährt, wo schon seit geraumer Zeit exzellente Alben erscheinen, die neue Wege gehen.

Und gleich der Anfang dieser neuen Reihe ist spektakulär geraten: „Der letzte Pharao“ wurde von Filmemacher Jaco Van Dormael (Mr. Nobody, Das brandneue Testament), Thomas Gunzig und François Schuiten (Die geheimnisvollen Städte) angefertigt und schließt nahtlos an den Jacobs Zweiteiler „Das Geheimnis der großen Pyramide“ (1950-52) an. Das „nahtlos“ sollte man hier wörtlich verstehen; wer die Jacobs-Geschichte nicht kennt, hat keine Chance.

Damals hatte es Blake und Mortimer nach Ägypten verschlagen, wo sie in ein mystisches Abenteuer rund um die Cheops-Pyramide verstrickt wurden. Jetzt zeigt sich, dass die damaligen Ereignisse nur die Spitze der Pyramide waren. Denn viele Jahre später stößt Mortimer im Justizpalast von Brüssel auf Spuren des ägyptischen Abenteuers. Und dann werden unter dem Gebäude Kräfte frei, die die Welt bedrohen. Geheimnisvolle Strahlen haben verhängnisvolle Folgen auf Technik und Psyche und nur mit Mühe wird der Palast in einen faradayschen Käfig gepackt, der vorerst das Schlimmste verhindert. Brüssel wird evakuiert und eingezäunt. Dennoch entwickelt sich das Leben in der Stadt auch unter dem Einfluss der Strahlen weiter.

Wer Schuitens fantastische Werke kennt wird ahnen, was ihn erwartet. Ein postapokalyptisches Brüssel, das den Träumen eines Meisterarchitekten entsprungen ist. Atemberaubende Stadtlandschaften, durch die Mortimer irrt, um den Untergang dieser neuen Welt zu verhindern. Und dazwischen immer wieder Figuren der ägyptischen Mythologie. Alles ziemlich crazy und man sollte nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, denn Hand und Fuß hat die Nummer nicht. Aber darum geht’s auch nicht. Hier geht’s vor allem um Schauwerte, um Nostalgie; und da liefert das Team ziemlich ab. Aber ein ganz normales Blake & Mortimer-Abenteuer alter Schule sollte man nicht erwarten.

Abb.: Carlsen Verlag, Editions Blake & Mortimer / Studio Jacobs

Jaco Van Dormael, Thomas Gunzig, François Schuiten: Der letzte Pharao • Hamburg 2019, Carlsen • 92 Seiten • €19,99

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