18. Juli 2022 1 Likes

Im Falle eines Mondfalles

Warum Science-Fiction-Katastrophenfilme großer Quatsch und trotzdem großartig sind

Lesezeit: 4 min.

Erinnern Sie sich noch an diese herrlichen Blockbuster, in denen die Erde von einem Asteroiden bedroht wird oder sich zu drehen aufhört oder es über Nacht zu einer Klimakatastrophe kommt?

Früher, bevor Marvel auf der Bildfläche erschien, gab es davon mehrere im Jahr. Aber wen juckt heute noch ein mickriger Asteroid, wenn Thanos vor der Tür steht? Und Wanda Maximoff könnte die Erde vermutlich in der Kaffeepause wieder zum Rotieren bringen. Eigentlich ist das jammerschade – ich fand diese Actionfilme großartig. Sie waren so wunderbar dämlich, und die Besten davon waren sich dessen auch bewusst. Armageddon zum Beispiel, der Film, in dem Bruce Willis und Steve Buscemi ein Loch in einen Asteroiden bohren, fleht einen förmlich an, sein Gehirn an der Kinokasse abzugeben.

Zum Glück halten ein paar Filmstudios diese gute alte Tradition noch in Ehren. Vor ein paar Monaten etwa kam Roland Emmerichs Moonfall in die Kinos und ist jetzt auch auf Disney+ verfügbar, wo ich ihn mir kürzlich reingezogen habe. Diesmal droht der Mond die Erde zu vernichten – der Mond! Der möglicherweise sogar von Außerirdischen gebaut wurde! Keine Sorge, das war kein Spoiler - bei Moonfall sind Spoiler praktisch unmöglich. Selbst wenn ich Ihnen nichts über den Film erzähle, kennen Sie die Handlung schon: Der Mond fällt auf die Erde, Tsunamis, haufenweise zerstörte Städte, Halle Berry und die Trantüte von der Nachtwache aus Game of Thrones retten die Welt, Ende. Über zwei Stunden lang eine völlig alberne und abstruse Explosion nach der anderen – und ich habe jede Sekunde davon genossen, sogar die Szenen, in denen sich der Film viel zu ernst nimmt („Der Mond! Saugt! Den Sauerstoff! Von der Planetenoberfläche!“).

Im Film bleiben unseren tapferen Helden nur ein paar Tage Zeit, um ins All zu düsen. Also müssen sie auf die Schnelle ein Raumschiff organisieren. Aus … irgendwelchen Gründen holen Sie ein altes Space Shuttle aus dem Museum und fliegen damit los. Was natürlich völliger Quark ist. Großartig! Am liebsten hätte ich laut gejubelt. Auch auf die Gefahr, nostalgisch zu klingen: Das war wie früher!

Doch dann kam ich ins Grübeln – was leicht passieren kann, wenn man sein Hirn nicht an der Kinokasse abgibt. Mal angenommen, wir hätten tatsächlich nur ein paar Tage Zeit, um eine Bedrohung aus dem All unschädlich zu machen. Wie lange würde es dauern, ein Raumschiff startklar zu machen und in den Weltraum zu schießen?

Bei China oder Russland weiß das natürlich keiner so genau, da beide Länder ein großes Geheimnis aus ihrer Weltraumforschung machen, aber wenn es von den Amerikanern abhinge, dann gute Nacht. Damit will ich nicht sagen, dass die NASA, SpaceX oder die Firma von Jeff Bezos (wie auch immer sie heißt) unfähig wären. Nein, die Amerikaner sind nur etwas großzügiger mit ihren Informationen und geben zu, dass es eine ziemlich komplizierte Angelegenheit ist, ein Raumschiff an den Start zu bringen.

Wenn wir großes Glück haben, tritt die Bedrohung dann auf, wenn wir ohnehin gerade einen Start geplant haben. Man müsste zwar einige Dinge beschleunigen, könnte das Raumschiff aber in relativ kurzer Zeit einsatzbereit machen. Wenn allerdings in den nächsten Tagen kein Start geplant ist, sind wir geliefert. Beim Start eines Raumschiffes sind von der Treibstoffmenge und der Position der Himmelskörper über die Besatzung bis hin zur richtigen Beladung so viele Variablen zu berücksichtigen, dass ein einigermaßen risikoarmer Flug ins All üblicherweise achtzehn Monate Vorbereitungszeit benötigt. Selbst wenn die NASA und alle anderen ordentlich auf die Tube drücken, wäre es völlig unmöglich, ein Raumschiff innerhalb weniger Tage startklar zu machen.

In der Space-Shuttle-Ära gab es tatsächlich ein NASA-Programm namens Launch on Need („Start bei Bedarf“). Immer wenn ein Space Shuttle unterwegs war, stand für den Notfall ein zweites bereit, das innerhalb von vierzig Tagen gestartet werden konnte; nach der letzten Reparatur des Hubble-Weltraumteleskops wurde diese Frist sogar auf sieben Tage verkürzt. Das ging aber nur, weil das Shuttle ständig vollgetankt und einsatzbereit war. Müssten wir einen Raumschiffstart von Grund auf planen, dann könnte wohl niemand verhindern, dass der Mond auf Ihr Haus fällt.

Zum Glück spielt das keine allzu große Rolle. Es gibt nur sehr, sehr wenige die Erde bedrohende Katastrophen, die durch den möglichst schnellen Start eines Raumschiffs abgewendet werden könnten. Auch ein Asteroid wird seinen Kurs nicht ändern, wenn man ein Loch hineinbohrt – vermutlich werden wir es noch nicht einmal mitbekommen, wenn einer auf uns zurast.

Nun ja, jedenfalls bin ich froh, dass ich vor dem Ende noch Moonfall gesehen habe. Jetzt kann ich als glücklicher Mensch sterben.

 

Rob Boffard wurde in Johannesburg geboren und pendelt als Autor und Journalist zwischen England, Kanada und Südafrika. Er schreibt unter anderem für „The Guardian“ und „Wired“. Seine Romane „Tracer“ (im Shop), „Enforcer“ (im Shop) und „Verschollen“ (im Shop) sind im Heyne-Verlag erschienen. Alle seine Kolumnen finden Sie hier.

 

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