22. Februar 2026

Octavia E. Butlers „Verbunden“ - 40 Jahre später

Die Zeit- wird zur Gewissensmaschine

Lesezeit: 3 min.

Als Octavia E. Butler (im Shop) 1979 ihren Roman Kindred“ veröffentlichte – dt. „Verbunden“ (im Shop) –, war sie bereits eine Ausnahmeerscheinung: eine schwarze Frau in einem Genre, das von weißen Männern dominiert wurde. Butler (1947–2006), Tochter einer Hausangestellten aus Pasadena, Kalifornien, schrieb sich mit einer stillen, kompromisslosen Konsequenz in die Science-Fiction-Geschichte ein – als Chronistin möglicher Welten und als Seismograph gesellschaftlicher Risse, die nur allzu real waren. „Verbunden“ markiert den Punkt, an dem ihre literarische Vision politisch greifbar wurde: der Moment, in dem Science-Fiction die Grenzen des Fantastischen sprengte und zur radikalsten Form historischer Erinnerung wurde.

„Verbunden“ beginnt im Jahr 1976, als Dana, eine junge afroamerikanische Schriftstellerin aus Kalifornien, unvermittelt in die Vergangenheit katapultiert wird – auf eine Plantage im frühen 19. Jahrhundert im US-Bundesstaat Maryland. Es ist die Zeit der Sklaverei, und Dana wird Zeugin, Leidtragende und unfreiwillige Retterin eines weißen Vorfahren, Rufus Weylin, dem Sohn eines Sklavenhalters. Jede Rückkehr in die Gegenwart ist instabil, jede Rückkehr in die Vergangenheit traumatisierend. Diese unfreiwilligen Zeitreisen machen Dana zur Mittlerin zwischen Welten – und zur Verkörperung eines kollektiven Gedächtnisses, das sich weigert, verdrängt zu werden.

Butlers erzählerischer Kunstgriff ist ebenso schlicht wie genial: Das Science-Fiction-Elment – Zeitreise – wird nicht als technologische Möglichkeit, sondern als metaphysische Notwendigkeit verstanden. Sie zwingt die Gegenwart, sich ihres Ursprungs bewusst zu werden. Der Schleier, den das moderne Selbst über die eigene Geschichte legt, wird zerrissen. In dieser Logik ist „Verbunden“ weniger Fantasy als ein moralisches Experiment, das erprobt, wie viel Vergangenheit eine Gesellschaft erträgt, bevor sie auseinanderbricht.

Der historische Hintergrund des Romans – die Sklaverei, die systematische Entmenschlichung Schwarzer Menschen, die Abhängigkeit weiblicher Körper in weißen Machtstrukturen – wird bei Butler nicht illustriert, sondern durchlebt. Sie schreibt keine Geschichtslektion, sondern zwingt ihre Leserschaft in die Erfahrung. Was in klassischen Sklavereidarstellungen meist dokumentarisch bleibt, wird bei Butler über das Medium der Identifikation erfahrbar: eine existenzielle Konfrontation mit Gewalt, Besitz und Überleben.

Bemerkenswert ist dabei die Perspektive Danas: Sie blickt nicht nur als Nachfahrin, sondern als moderne, gebildete, emanzipierte Frau auf die Vergangenheit – und verliert dabei den Schutz der Gegenwart. Ihre Ehe mit einem weißen Mann, Kevin, wird im Kontext des 19. Jahrhunderts suspendiert und zur existentiellen Bewährungsprobe. Butler nutzt diese Beziehung, um die fragile Konstruktion von „Rasse“ und die Gewohnheit moderner Selbstbilder bloßzulegen.

In einer Zeit, als Science-Fiction oft Weltraum und Technik verherrlichte, setzte Butler auf Introspektion und historische Selbstprüfung. Sie transformierte das Genre in eine Bühne für Fragen nach Macht, Identität und moralischer Verantwortung. Die Zeitreise in „Verbunden“ ist kein Abenteuer, sondern ein Trauma – ein Spiegel, der Leser*innen zwingt, sich selbst zu betrachten.


Octavia E. Butler. Foto © Courtesy of the Octavia E. Butler Estate

Heute, über vier Jahrzehnte später, liest sich der Roman so notwendig wie neu. In der Ära nach „Black Lives Matter“ wirkt Butlers Vision prophetisch. Sie schrieb, bevor intersektionale Theorien – die Verbindung von Rasse, Geschlecht und Klasse – ein akademischer Begriff wurden. Sie erzählte, was erst Jahrzehnte später wissenschaftlich konzeptualisiert wurde.

Butlers Werk, das später mit der Patternist-Reihe (im Shop) und der Xenogenesis-Trilogie (im Shop) evolutionäre und gesellschaftliche Utopien entwarf, wurzelt in „Verbunden“. Hier etablierte sie ihr Credo: dass Zukunft und Vergangenheit keine Gegensätze sind, sondern ein unauflösliches Band – „verbunden“ nicht nur durch Blutlinien, sondern durch Verantwortung.

Das Buch ist längst zum Klassiker des Afrofuturismus avanciert, auch wenn Butler selbst diesen Begriff noch nicht kennen konnte. Seine literarische Bedeutung liegt genau in dieser Zwischenstellung: in der Verbindung von spekulativer Literatur mit historischem Realismus, von Schmerz mit Erkenntnis. „Verbunden“ ist wahrlich kein nostalgischer Blick zurück, sondern eine unnachsichtige Einladung, die Gegenwart unter der Linse der Geschichte zu betrachten. Octavia E. Butler führt vor, dass Science-Fiction nicht Flucht, sondern Heimkehr sein kann – eine Rückkehr in den Abgrund, um die Zukunft neu zu denken.

Octavia E. Butler: Verbunden • Roman • Aus dem Amerikanischen von Mirjam Nuenning • Heyne Verlag, München 2026 • 448 Seiten • Erhältlich als Paperback und eBook • Preis des Paperbacks: 17,00 € • im Shop

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