„Yesteryear“ – Wie lebt ein Tradwife in der Vergangenheit?
Caro Claire Burkes Bestseller verfolgt einen interessanten Ansatz, könnte aber mehr Substanz haben
Als Tradwife werden Frauen bezeichnet, die sich einem traditionellen Leben zugewandt haben, die nicht versuchen, beruflich erfolgreich zu sein und sich in einer meist von Männern beherrschten Berufswelt durchzusetzen, sondern es sich in traditionellen weiblichen Rollenmustern eingerichtet haben, als Ehefrau und Mutter.
Aus offensichtlichen Gründen wird dieser Trend gerade von Konservativen begrüßt, die modernen Entwicklungen wie der Gleichberechtigung von Frauen oder queeren Personen oft nicht nur skeptisch gegenüberstehen, sondern sie rundheraus ablehnen, in ihnen gar den Untergang des Abendlandes sehen wollen.
Dementsprechend erfreuen sich X-Twitter- oder Instagram-Accounts, in denen ein traditionelles Leben gepriesen wird, regen Zuspruchs, doch wie echt sind solche Leben, in denen man bewundern kann, wie perfekt gestylte, stets glücklich wirkende Frauen ihre perfekten Kinder in die Kamera halten, nach uralten Rezepten Brot backen, ohne Zusatzstoffe natürlich, oder durch ihre perfekten Gärten schlendern?
Um diese Fragen kreist Caro Claire Burkes Roman „Yesteryear“ (im Shop), der sich in den USA und nun auch in Deutschland längst zum Bestseller entwickelt hat und schon vor Veröffentlichung von der Produktionsfirma der Schauspielerin Anne Hathaway gekauft wurde, bald also im Kino (oder zumindest bei einem Streamer) als Film zu sehen sein wird.
Bislang hat Burke einen Podcast betrieben, stieß erst 2024 auf das Phänomen Tradwifes, entschied sich dann aber, das Thema nicht in einem Sachbuch, sondern als Roman zu verarbeiten. Die Geschwindigkeit, mit der aus einer Idee ein Buch wurde, lässt schon ein wenig ahnen, dass man es hier nicht unbedingt mit einem literarisch ausgefeilten Werk zu tun hat, sondern mit einem Buch, das ganz bewusst den Zeitgeist spiegelt und am Ende eher wegen seiner zugegebenermaßen brillanten Prämisse überzeugt, als wegen der Komplexität seiner soziologischen Analyse.
Geschrieben ist der Roman aus der Perspektive der gut 35jährigen Influencerin Natalie, die sich schnell nicht nur als ausgesprochen unzuverlässige Erzählerin erweist, sondern auch als ausgesprochen unsympathisch. Zu Beginn der Geschichte ist Natalie erfolgreiche Tradwife-Influencerin, die mit ihrem Mann Caleb und zahlreichen Kindern auf einer Farm in Idaho lebt, Gemüse anbaut – natürlich streng biologisch – und ihre Follower mit perfekt anmutendem Content erfreut – und ihnen allerlei völlig überteuerten Blödsinn verkauft.
Doch dann der Schock: Natalie wacht im Jahre 1855 auf, in einem Haus, das wie ihr eigenes wirkt, aber irgendwie anders aussieht, mit einem Mann, der wie der ihre aussieht, aber doch irgendwie anders ist, mit Kindern, die sie kennt, aber auch nicht. Rustikal ist diese Welt, das Leben hart und alles andere als malerisch, das Brotbacken, dass im 30 Sekunden Reel auf Instagram wie eine wunderbare Tätigkeit wirkt, bei der am Ende ein knuspriges, wunderschönes Produkt entsteht, ist hier eine anstrengende Prozedur, an deren Ende die Hände schrumpelig sind und das Ergebnis oft eingefallen ist.

Hin und her springt die Erzählung nun, zwischen einem Bericht der gegenwärtigen Natalie, die im College ihren Mann kennenlernt, den etwas unfähigen Sohn einer Politikerdynastie, durch deren Reichtum der Kauf der Farm überhaupt erst möglich wird, und der Vergangenheit, in der Natalie versucht, mit der ungewohnten Umgebung zurechtzukommen.
Unterhaltsam geschrieben ist das, mit hübschen Pointen, in denen das Influencerwesen ebenso satirisch beschrieben wird, wie die konservative Welt einer amerikanischen Familie, in der weniger das persönliche Glück das Ziel ist, sondern die Erfüllung gesellschaftlicher Erwartungen. In manchen Momenten scheint sich Burke hier zu einer Zustandsbeschreibung der amerikanischen Gegenwart aufschwingen, den Erfolg von Trump und Co., der Gegenreaktion auf progressive Werte und anderem erzählen zu wollen, belässt es dann aber bei einer etwas oberflächlichen Kritik an Social Media, dem Influencerwesen und dem Konzept der Tradwife. Eine wirklich substanzielle Analyse dieser Phänomene darf man hier nicht erwarten, dafür aber eine flott geschriebene Strandlektüre.
Caro Claire Burke: Yesteryear • Roman • Aus dem Amerikanischen von Dietlind Falk, Lisa Kögeböhn • Heyne, München 2026 • 464 Seiten • Erhältlich als Hardcover, eBook und Hörbuch Download • Preis des Hardcovvers: € 24,00 • im Shop
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