15. Januar 2026

„No Other Choice“ - Koreanische Kapitalismuskritik

Diesmal ist es Park Chan-wook, der kein gutes Haar am System lässt

Lesezeit: 3 min.

Versteht man das Kino als Spiegel der Gegenwart, steht es um unsere Gesellschaften nicht allzu gut. Von Paul Thomas Andersons “One Battle After Another” über Ari Asters “Eddington” bis zu Yorgos Lanthimos’ “Bugonia” wählen Filmemacher satirische Formen, um von den Zuständen in der Welt zu erzählen und driften dabei oft in fast schon nihilistischen Zynismus ab. Rettung scheint es nicht zu geben, einen Ausweg aus den zahllosen Miseren anzudeuten, wird gar nicht erst in Erwägung gezogen, im Gegenteil: Am Ende von „Bugonia“ etwa zerstören Außerirdische kurzerhand die Erde und geben diesem verlorenen, sich selbst zerstörenden Planten quasi den Gnadenschuss.

Nun reiht sich der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook mit seinem neuen Film „No Other Choice“ in die Reihe der Skeptiker ein, mit einem Film, der auf einem fast 30 Jahre alten Roman basiert, der sich dennoch erstaunlich zeitgemäß anfühlt. 1997 erschien Donald Westlakes „The Ax“, der auf die damals grassierende Entlassungswelle nach Firmenzusammenschlüssen Bezug nahm und 2005 vom griechisch-französischen Regisseur Costa-Gavras verfilmt wurde.

Seit 20 Jahren hatte Park von einer eigenen Verfilmung der Geschichte geträumt, die sich immer wieder verzögerte. Das „No Other Choice“ sich nun dennoch immer noch so zeitgemäß anfühlt, erzählt dann auch einiges über eine kapitalistische Ordnung, in der sich kaum etwas ändert und gewiss nicht zum besseren, erst recht nicht für einen einfachen Angestellten.

Ganz unten in der Kette steht die Hauptfigur Man-Soo (Lee Byung-hun, nicht zuletzt aus „Squid Game“ bekannt – Reviews zu den drei Staffeln: 1, 2, 3) zwar nicht, bei einer Papierfabrik ist er leitender Angestellter, bewohnt mit Gattin Mi-Ri (Son Ye-jin), zwei Kindern und zwei Hunden ein schmuckes Designerhaus und ist davon überzeugt, dass nichts sein Glück trüben kann.

Doch seine Firma wurde gerade von Amerikanern gekauft, die Sparmaßnahmen einleiten, denen auch Man-Soo zum Opfer fällt. Auf einmal bricht seine Welt zusammen, die Familie muss an allen Ecken und Enden sparen und ein gleichwertiger neuer Job will sich nicht finden lassen. Zumal die Konkurrenz groß ist, doch das muss ja nicht so bleiben. Durch eine fingierte Annonce kommt Man-Soo an Bewerbungsunterlagen potentieller Konkurrenten auf einen Führungsposten in der Papierindustrie – und beschließt kurzerhand, die Konkurrenz aus dem Weg zu räumen.

Keine andere Wahl hat er, das zumindest redet sich Man-Soo ein, Titel und Mantra des Films, den auch diejenigen verwendeten, die ihn selbst feuerten. Schon in seiner Erfolgstrilogie über Rache, allen voran „Oldboy“, deutete Park an, wie scheinbar deterministische Umstände in moralische Abgründe führen können, ein Ansatz, den er nun auf formal eindrucksvolle, wenn auch bisweilen etwas langatmige Weise weiterspinnt.

Allein der Tonfall ist viel weniger grimmig, driftet statt dessen oft ins Slapstickhafte ab, wenn Man-Soo auf absurde Weise versucht, seine Mitstreiter um die Ecke zu bringen, dabei aber immer wieder aufs kläglichste scheitert. Doch eine alberne Komödie wird „No Other Choice“ dann auch nicht, dafür nimmt Park sein Thema viel zu ernst, ähnelt dabei so sehr wie nie seinem koreanischen Regiekollegen Bong Joon-ho, der mit „Parasite“ einen thematisch nicht unähnlichen gedreht hatte, in dem wirtschaftliche Not zu extremem Verhalten führt.

Ganz so pointiert wie Bong bringt Park seine Kapitalismuskritik nicht zu Ende, immer wieder fasert „No Other Choice“ aus, verliert sich die Handlung in Nebenschauplätzen, bis sie zu einem – natürlich – schön zynischen Ende führt. Im Gegensatz zu seinen Meisterwerken wirkt dieser dann doch erstaunlich zurückhaltende Film wie ein Nebenwerk, andererseits hat sich Park in den letzten Jahrzehnten zu einem so souveränen Regisseur entwickelt, dass selbst vermeintlich kleine Werke von herausragender stilistischer Klasse sind.

No Other Choice • Südkorea 2025 • Regie: Park Chan-wook • Darsteller: Lee Byung-hun, Son Yejin, Park Hee-soon, Lee Sung-min • Im Kino

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