22. Februar 2020 1 Likes

Afrikanisch. Fantastisch. Hardcore.

Der viel beachtete Roman „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ von Marlon James

Lesezeit: 4 min.

Neil Gaiman, Salman Rushdie, Jeff VanderMeer, Louise Erdrich und andere Genre-Größen sind voll des Lobes für „Schwarzer Leopard, roter Wolf“, den ersten Band der ambitionierten Fantasy-Trilogie des jamaikanischen Man Booker Prize-Gewinners Marlon James. Seine Kollegen ziehen wirkungsvolle Vergleiche mit J. R. R. Tolkien, Gene Wolfe, George R. R. Martin, Angela Carter, Robert E. Howard und Black Panther, das Feuilleton auf beiden Seiten des Atlantiks war und ist begeistert. Jetzt wurde der von afrikanischen Mythen gespeiste, extrem unkonventionelle Fantasy-Roman auch noch für den neuen Ray Bradbury Prize nominiert. Grund genug, sich das auf Deutsch bei Heyne Hardcore erschienene Werk und seinen überall gepriesenen Autor mal genauer anzusehen.

 


Marlon James. Foto © Felix Clay

Marlon James wurde 1970 in Kingston auf Jamaika geboren und arbeitete als Werbetexter und Grafikdesigner, später machte er seinen Abschluss in kreativem Schreiben an der Wilkes University in Pennsylvania und startete als Autor durch. Heute lebt James in Minneapolis und unterrichtet als Professor selbst Creative Writing. 2005 veröffentlichte er seinen ersten Roman „Der Kult, in dem er viele religiöse Motive verarbeitete und von der ungewöhnlichen Rivalität zweier Gottesmänner erzählte. 2009 folgte „The Book of Night Women“ über einen Aufstand jamaikanischer Sklavinnen. James’ Roman „Eine kurze Geschichte von sieben Morden kam 2014 heraus, war ein mächtiges Portrait und Panorama seines Geburtslandes in den 1970ern und brachte James als erstem jamaikanischem Autor den Man Booker Prize ein. 2019 erschien dann „Schwarzer Leopard, roter Wolf“, dessen Filmrechte sich prompt Schauspieler Michael B. Jordan („Creed“, „Black Panther“) sicherte. Die „Times“ setzte Marlon James 2019 zudem als eine der wichtigsten literarischen Stimmen seiner Generation und wegen seiner Statemens zu Ethnie, Kultur und Homosexualität auf ihre berühmte Liste der einflussreichsten Menschen des Jahres.

In „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ inszeniert James die Geschichte eines Söldners in einem magisch-mythischen, achaischen Afrika, der sich selbst nur Sucher nennt und der mit seiner feinen Nase jeden finden kann. Der Fährtenleser erlebt viele Abenteuer, so manche davon an der Seite eines Leoparden-Gestaltwandlers. Das Band aus Loyalität und Lust zwischen ihnen ist stark. Alle Fragen und Unwahrheiten in den so entstehenden Geschichten über die beiden sind dabei beabsichtigt und Teil von James’ grundlegendem Konzept. Aber es geht ihm nicht nur um die Unzuverlässigkeit von Geschichten, sondern mehr noch um das Zertrümmern von fantastischen Mustern und Klischees. Zwei Jahre lang recherchierte James alte afrikanische Mythen, die seine üppige fantastische Welt inspirierten. Sie wurden das Fundament für sein Vorhaben, mit den ewigen weißen Stereotypen und etablierten westlichen Konventionen der Fantasy zu brechen. Das Ergebnis ist ein imposant einfallsreiches Setting voller Fabelwesen, Magie, Hexen, Gewalt – und viel Sex. Doch auch hier, so erklärte James in einem Interview, bliebe er lediglich seinem Quellmaterial treu. Das hätte schließlich schon vor tausenden von Jahren Figuren präsentiert, die queer und transgender waren, mit Sexualität so fließend wie die Sicht von Gut und Böse. Trotz reichlich Sex, heftiger Gewalt und gepfeffertem Vokabular darf James’ Mutter laut Nachwort den fetten Auftaktband der „Dark Star“-Trilogie lesen – bis auf zwei Seiten.

Obwohl es oft gesagt und geschrieben wird, ist „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ kein afrikanisches „Game of Thrones“. James nutzte diese sehr grobe und auch etwas augenzwinkernde Umschreibung vor Erscheinen seines Romans lediglich scherzhaft, was ihm sogar eine neugierige Mail von George R. R. Martin einbrachte. Aber natürlich wurde die Floskel am Ende doch zum Selbstläufer und brachte James’ Buch erst recht den unausweichlichen „Game of Thrones“-Stempel ein, den jede epische Fantasy mit Bestseller-Allüren braucht, um auf dem Markt zu bestehen. Wer vom Wälzer mit dem tollen Schutzumschlag primär „Westeros meets Wakanda“ erwartet, wird jedoch definitiv sein blaues Wunder erleben. James’ fraglos beeindruckender und wichtiger Genre-Brecher steckt schließlich voller frischer Ideen, interessanter Figuren und starker Bilder. Allerdings muss man unkonventionelle Fantastik und herausfordernd geschriebene Romane mögen – gegen „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ wirken Nnedi Okorafors „Wer fürchtet den Tod und N. K. Jemisins „Zerrissene Erde“ oder „Brennender Fels nämlich regelrecht massenkompatibel und einfach wegzulesen.

Trotzdem. Wer den ewigen Einheitsbrei satt hat und sich von einem der derzeit wichtigsten und präsentesten Autoren in einen unglaublich ideenreichen und andersartigen Fantasy-Kosmos mitnehmen lassen will, sollte sich auf jeden Fall mal in Marlon James’ Roman-Labyrinth afrikanischer Hardcore-Fantasy wagen. Denn selbst wenn man sich vorzüglich darin verlaufen kann, findet man in jeder Ecke doch mindestens etwas Interessantes, Überraschendes oder Faszinierendes.

Marlon James: Schwarzer Leopard, roter Wolf (Dark Star Bd. 1) • Aus dem Englischen von Stephan Kleiner • Heyne, München 2019 • 829 Seiten • E-Book: 19,99 Euro

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