17. Juli 2022 2 Likes

Das Aufziehmädchen in der Klimakatastrophe

„Biokrieg“ – eine Würdigung zum 50. Geburtstag von Paolo Bacigalupi

Lesezeit: 3 min.

Es gehört einiges dazu, mit seinem Debütroman praktisch jeden Preis abzuräumen, der im SF-Segment Achtung genießt – Paolo Bacigalupi ist es gelungen. Sein 2009 veröffentlichtes Buch „Biokrieg“ (im Original: The Windup Girl, im Shop) wurde mit dem Nebula Award, dem John W. Campbell Memorial Award und dem Leserpreis der SF-Zeitschrift Locus ausgezeichnet; die deutsche Fassung bekam zudem den Kurd-Laßwitz-Preis zugesprochen. Außerdem hat das Buch den Hugo erhalten – wenn auch gemeinsam mit The City & The City von China Miéville, was angesichts von dessen literarischer Qualität gewiss keine Schande ist. Am 6. August 2022 wird Paolo Bacigalupi, von dem auf Deutsch u.a. die Trilogie Ship Breaker (im Shop) vorliegt, fünfzig Jahre alt. Wie fügt sich sein moderner Klassiker Biokrieg in die heutige SF-Landschaft ein?

Zunächst einmal ist Biokrieg eine ökologische Dystopie. Der Roman lässt die Gründe hierfür zwar im Dunklen (was erzählerisch allemal eine kluge Entscheidung ist, hier hat Bacigalupi erkennbar von William Gibson gelernt), doch die Folgen der Katastrophe werden drastisch geschildert. Überflutungen, Hitze und gesellschaftliche Umbrüche geben die Kulisse für ein Geschehen ab, das außerordentlich bilderreich entwickelt wird. (Man wundert sich, dass noch niemand auf den Gedanken gekommen ist, den Roman zu verfilmen). Nun besteht an Szenarien wie diesen, die grundsätzlich bereits in den 1960er Jahren entwickelt wurden, kein Mangel. Eine von Bacigalupis Ideen besteht allerdings darin, seinen Roman im überfluteten Königreich Thailand anzusiedeln, dem einzigen Staat, der noch einigermaßen funktioniert. Diese Abwendung des Romans von der westlichen Welt – über die man in der Tat nicht übermäßig viel erfährt – war 2009 vergleichsweise neu. Ein Vergleich mit dem Roman Das Ministerium für die Zukunft (im Shop), den Kim Stanley Robinson in Indien spielen lässt, könnte sich lohnen.

Der zweite Pluspunkt betrifft die Art der Energiegewinnung. Da seit der „Großen Kontraktion“ (dem Zusammenbruch der Globalisierung) Energie ein äußerst knappes Gut ist, beruht die Stromversorgung primär auf Muskelkraft. Diese Arbeit wird nicht nur mittels Kurbel- und Pedalsystemen von jedem erledigt, der gerade ein elektrisches Gerät nutzen möchte; es gibt auch große Spindeln und Spiralfedern, die von speziell gezüchteten Elefanten „gespannt“ und mit Energie aufgeladen werden. Die Idee klingt nicht übermäßig plausibel, hat aber etwas leicht Irrlichterndes und rückt den Text in Richtung Terry Gilliam. (Nochmal: Wo bleibt der Film?)

Von einer solchen Spindel angetrieben wird auch das im englischen Original titelgebende „Aufziehmädchen“ Emiko, ein genetisch erzeugter Kunstmensch, der für gemäßigte Temperaturen vorgesehen ist und in Thailand immer wieder zu überhitzen droht. Sie wird als Sexsklavin missbraucht, weshalb Biokrieg auch die Geschichte ihrer Emanzipation und des persönlichen Aufbruchs in selbstbestimmte Verhältnisse ist. Zugegebenermaßen hätte dieser ein wenig an das Blade-Runner-Universum erinnernde Handlungsstrang auch herausgelöst und eigenständig veröffentlicht werden können, er wurde vom Autor jedoch plausibel in das Gesamtgefüge des Romans eingebettet.

Letztlich aber ist Biokrieg vor allem ein Buch über die wirtschaftlichen und medizinischen Folgen der Ökokatastrophe. Anstelle von Staaten regieren Konzerne, die ihre Macht ausspielen und immer auf der Suche nach genetischem Material sind, um unbelastetes Saatgut zu gewinnen. Dabei geht es auch um den Kampf gegen neuartige Epidemien (allen voran die „Rostwelke“), von denen die Menschheit nicht weniger als vom Hunger heimgesucht wird. Entsprechend spürt eine der Figuren als Agent für den „Kalorienkonzern“ AgriGen einer bislang unbekannten Frucht nach – was nicht unbemerkt und daher auch nicht ohne Konsequenzen bleibt.

Fazit: Die Verbindung von genetischen und ökologischen Aspekten, die Biokrieg auszeichnet, funktioniert weiterhin. Hier gelingen dem Roman eindrucksvolle Szenarien, die ihn in der Tat zu einem modernen Klassiker des Biopunk werden lassen. Zudem, so SF-Enzyklopädist John Clute, wäre Bacigalupi „one of the few contemporary authors who seems capable of telling tales of how we will live soon“. Nun, das wollen wir doch nicht hoffen – aber eine fesselnde, inspirierende und nachdenklich machende Geschichte ist Biokrieg allemal.

Paolo Bacigalupi: Biokrieg (Meisterwerke der Science-Fiction) • Aus dem Englischen von Hannes Riffel & Dorothea Kallfass • Heyne, München 2019 • 608 Seiten • 10,99 Euro • E-Book: 9,99 Euro • Hörbuch: 29,95 Euro (im Shop)

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